Selbstständige: 55 Prozent starten ihre Firma im Nebenjob
Wenn Angestellte Gründer werden
Der Sprung ins kalte Wasser: Teilzeitregelungen sichern ihn ab.
Ihr Job war Birgit Bader sicher - lebenslang. Aber die Diplom-Pädagogin hatte ein anderes Ziel: "Ich wollte mich selbstständig machen. Weg von der Schwerfälligkeit des Behördenapparates und der Versorgungsmentalität der Mitarbeiter." 20 Jahre lang trug sie die vage Idee mit sich herum. Vor Kurzem hat Bader ihren Plan in die Tat umgesetzt und die gut dotierte Teilzeitstelle ("Das war BAT 2A") endlich an den Nagel gehängt. Die Pädagogin hatte dank ihrer halben Stelle Zeit für die Ausbildung zur Supervisorin, NLP-Trainerin (NLP: Neurolinguistische Programmierung) und Psychotherapeutin. Und vor allem Zeit für die Praxis: "Meine nebenberufliche, freie Beratungstätigkeit war der Fuß in der Tür zu den heutigen Kunden", sagt die 54-Jährige.
Einen Fuß in die Tür bekommen, sich ausprobieren und die Selbstständigkeit vorbereiten, sind gute Gründe für eine nebenberufliche Existenzgründung. "Wer die Chance dazu hat, sollte sie nutzen", sagt Monika Birkner, Beraterin für Einzel- und Kleinunternehmer. "Man kann unternehmerisch ganz viel lernen und vorwegnehmen, wenn man nebenberuflich gründet." Das Dilemma vieler Vollerwerbsgründungen: Zwar gibt es eine Fülle von Vorbereitungshilfen, Ratgebern und Kursangeboten, aber erst in der Praxis zeigt sich, wie gut der Business-Plan wirklich ist und vor allem, ob der Gründer tatsächlich die Persönlichkeit ist, für die er sich bisher gehalten hat.
"Eine Gründung kostet unendlich viel Energie", weiß Monika Birkner, Arbeitsrechtlerin und ehemalige Geschäftsführerin, die sich mit 49 Jahren selbstständig machte. "Angefangen von der Druckerpatrone, die ich nun selbst auswechseln musste, über die erste eigene Website bis zur Kundenakquise - das ist viel Stress auf einmal." Den man mindern kann, wenn man nicht alles zum ersten Mal macht: "Ich plädiere dafür, große Ziele in überschaubare Abschnitte zu unterteilen", sagt Birkner.
Am Anfang steht die genaue Prüfung der Geschäftsidee, betont Jürgen Mehnert, Gründungsberater der Handelskammer. Und zwar nicht nur auf ihre Erfolgsaussichten: "Der Gründer muss sich fragen, ob die Idee mit dem Angestelltendasein vereinbar ist." Das heißt, ob sie nebenberuflich realisierbar ist und nicht in Konkurrenz zum Arbeitgeber steht. "Eine Nebentätigkeit ist grundsätzlich nur möglich, wenn die Interessen des Arbeitgebers nicht beeinträchtigt werden", erklärt Monika Birkner. "Wer bis tief in die Nacht eine Kneipe betreibt oder tagsüber viel Kundenkontakt per Telefon pflegen muss, wird sicher früher oder später Schwierigkeiten bekommen." Um die zu vermeiden, sollte der Arbeitgeber so früh wie möglich in die Pläne einbezogen werden, rät Autorin Birkner ("Kurswechsel im Beruf", Walhalla, 9,95 Euro). Denn selbst wenn der Arbeitsvertrag nicht verlangt, sich den Nebenerwerb genehmigen zu lassen, sei es doch eine Frage des guten Stils und diene dem Vertrauensverhältnis, den Chef einzubinden.
Auch Katja Marlen Mayer, im Hauptberuf Senior Consultant bei IBM, im Nebenberuf produziert sie Motivblöcke mit Bildern von Hamburg, fand bei ihrer Vorgesetzten ein offenes Ohr: "Meine Managerin ist kreativen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen." Katja Mayer durfte ihre Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden reduzieren, um jeden Freitag Hamburgmotive zu fotografieren, zu bearbeiten, in Druck zu geben und vor allem zu vertreiben. Nur gut sechs Monate hat die 39-Jährige benötigt von der Idee bis zur Erstauflage. Inzwischen plant die Soziologin schon die dritte Auflage mit drei neuen Motiven.
Anstoß für ihre Geschäftsidee waren Motivblöcke von Mailand, die der Beraterin auf einer Geschäftsreise in die Hand fielen. Ein schönes Geschenk, dachte Katja Mayer. Und: Das machst du auch! "Ich hatte immer schon viele schöne Ideen im Kopf, genau diese wollte ich unbedingt realisieren." Eine Entschlossenheit, die sich auszahlt: Jetzt, wo der Vertrieb läuft, hat Katja Mayer auch wieder freie Wochenenden und kann sich ganz auf neue Motive und Anfragen konzentrieren: "Es gibt auch Unternehmen, die meine Motivblöcke als Werbemittel nutzen wollen." Ob aber Mayers Verlag KMM production eine Zukunft hat, steht noch in den Sternen. "Zunächst läuft meine Arbeitszeitverkürzung noch ein ganzes Jahr, dann schauen wir mal."
Es gibt zwei Motive für eine nebenberufliche Existenzgründung: Die eine lautet Selbstverwirklichung und Ausgleich zum eigentlichen Beruf. "Viele Arbeitnehmer sagen, ich habe noch andere Interessen und Talente, die will ich ausleben", weiß Monika Birkner. Das andere Motiv lautet: Vorbereitung auf die volle Selbstständigkeit. "Aber dann muss man auch darauf achten, dass die Idee genug Entwicklungspotenzial enthält", mahnt Jürgen Mehnert. Kein leichtes Unterfangen für die Unternehmer, die einerseits Beruf und Gründung vereinbaren, andererseits ernsthaft an dem Ausbau ihrer Idee arbeiten müssen. Doch es geht, wenn man Auszeiten, wie Sabbaticals nutzt oder den festen Job auf weniger Stunden verkürzen kann, meint Birkner. "Aber dann ist Mut gefragt." Mut zum Absprung. Mut zum Unternehmertum.



Hartmann
JURA Gastro in Deutschland
Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



