Doppelt so schnell wie der Schall
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 13). Auf die Piloten des Eurofighters wirken enorme Kräfte.
Erst einmal möchte Oberst Katz mit einem Mythos aufräumen. "Man fühlt die Geschwindigkeit nicht, wenn man auf Überschall geht", sagt der Kommodore des Jagdgeschwaders 73 "Steinhoff" in Rostock-Laage. "Und die Maschine wackelt auch nicht, so wie man es in Filmen immer sieht." Den 43-jährigen Chef des Geschwaders begeistert das Fliegen - und vor allem das Fliegen eines Eurofighters, der pro Stück 85 Millionen Euro teuren Gemeinschaftsproduktion von Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien. "Ja, das kann man schon eine Leidenschaft nennen", sagt er. "Ich bin fasziniert von der Technik." Schon als Teenager wollte er Pilot werden. Mit 21 ist er das erste Mal eine Phantom geflogen. Kleine Sportflieger haben ihn nie gereizt.
"Der Eurofighter basiert auf einer völlig neuen Philosophie als vorherige Kampfflugzeuge", erklärt Günter Katz. Die gesamte Dokumentation geschieht online und auf Englisch, die Maschine ist einsitzig, alle Informationen werden auf ein "Head-up-Display" gespielt, die klassischen runden Uhren gibt es nicht mehr, der Pilot gibt verbale Befehle, das Flugzeug "antwortet" ebenso. "Die Avionik, also die Flugelektronik, ist sehr herausfordernd, aber das Fliegen ist einfacher geworden." Trotz enormer Schubkraft: "70 Sekunden nach Loslassen der Bremse erreicht man beim Senkrechtstart eine Höhe von 13 Kilometern", sagt der Kommodore. Auf der Strecke kann der Eurofighter über 2 Mach fliegen - das Doppelte der Schallgeschwindigkeit. "In der Kurve wirkt eine Belastung von 9 G auf den Körper. Das ist das Neunfache der Erdanziehungskraft." Schon die Hand zu bewegen fällt da schwer. Wer nicht darauf trainiert ist, würde durch plötzlichen Blutmangel im Kopf ohnmächtig werden. "Doch wir tragen spezielle Anzüge, die einen Druckabfall verhindern." Die 1,5 G, die ein Linienflugzeug beim Start erreicht, können den Piloten nicht mehr beeindrucken.
Mehr als 2500 Flugstunden hat Katz inzwischen hinter sich. Als Kommodore stehen bei ihm zwar inzwischen andere Aufgaben im Mittelpunkt, "aber ich versuche dennoch, zweimal die Woche zu fliegen." Meist steigen die Piloten in Laage mit zwei Maschinen auf und fliegen für eine bis anderhalb Stunden verschiedene Übungen. Erfassen per Radar, abfangen und identifizieren sei einer der Standards. Körperlich fit zu sein ist wichtig. Katz trainiert im Fitnessraum und joggt. 2005 hat er in seiner Heimatstadt Berlin erstmals am Marathon teilgenommen. Dieses Jahr will er wieder dabei sein. Die Piloten werden regelmäßig von Medizinern untersucht. Auch Psychologen stehen zur Verfügung. "Denn wenn man in den Flieger steigt, muss man nicht nur physisch, sondern auch psychisch voll einsatzbereit sein", betont Katz. Wer das mal nicht ist, bleibt unten.
Um zu wissen, wie ihr Körper auf die Belastungen reagiert, trainieren die Piloten auf dem Boden - zum Beispiel in der Zentrifuge. Unter ärztlicher Aufsicht werden sie dabei ähnlichen Kräften wie beim Flug ausgesetzt und erleben die Symptome, kurz bevor es dem Körper zu viel wird. "Es wird einem grau vor Augen, man bekommt einen Tunnelblick, dann würde die Ohnmacht folgen", erklärt Katz. "Dieses Training dient ebenso wie der Sauerstoffentzug in der Druckkammer dazu, dass man lernt, Warnzeichen seines Körpers zu erkennen und einzuordnen. So kann man beim Flug gegebenenfalls rechtzeitig reagieren."
Eine wirklich brenzlige Situation habe er noch nie erlebt. Weder damals, als er Phantom geflogen sei, noch heute im Eurofighter, auf den er als einer der ersten Piloten in Deutschland umgeschult hat. Die Vorbereitung - theoretisch und praktisch an Übungsgeräten und Simulatoren - sei umfassend. Aber ein mulmiges Gefühl hat er doch irgendwann bestimmt schon mal gehabt? "Nein, wirklich nicht. Denn wer Angst hat, gehört nicht ins Cockpit."



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