Durch Pakistan zu sich selbst
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 7). Kurz vor dem Burn-out findet Gerhard Wissler seinen Weg aus der Krise.
"Ich wäre innerlich geschrumpft wie ein Apfel in der prallen Sonne, wenn ich so weitergemacht hätte", sagt Gerhard Wissler. Vor zehn, zwölf Jahren fühlte er sich dem Burn-out sehr nahe. "Es war eine echte Lebenskrise", erinnert sich der 63jährige. "Ich habe gemerkt, wie einsam man sich fühlt, wenn man ,oben' ist."
Sein Leben lang war es für den gebürtigen Freiburger bergauf gegangen. Er machte eine Ausbildung zum Bankkaufmann, studierte BWL, übernahm Führungsaufgaben und wurde Direktor der WestLB in Norddeutschland. Als seine Bank ein anderes Geldhaus übernahm, war Wissler für dessen Integration in die bestehende Struktur zuständig. "Eine enorme Belastung", sagt er. "Der Tag war zum Abend hin offen, selbstverständlich habe ich Arbeit mit nach Hause genommen." Sein Verantwortungsbewußtsein ließ weniger Einsatz nicht zu, der Familienmensch Wissler kam zu kurz.
Doch anders als viele, die sich vom Streß immer weitertreiben lassen, suchte der Banker einen Ausweg. "Ich wollte nicht mehr Opfer sein, sondern Handelnder." Ein erstes Ventil fand er im Schreiben. In "Managergedichten" setzte er sich kritisch mit der Arbeit als Banker, mit Be- und Überlastung auseinander. Und dann machte er sich auf zur ersten Reise, wenige Jahre nach der politischen Wende. "Diese Tour war auch für mich die Wende", sagt Wissler. Er schwang sich aufs Rad und fuhr durch Mecklenburg-Vorpommern bis ins polnische Stettin. Er habe sich durchgeschlagen, mit ungenauen Karten und der Hilfe von fremden Leuten. "Auf dieser Reise habe ich wieder zu mir selbst gefunden. Das hat meine Werte zurechtgerückt", sagt Wissler. "Und die Veränderung haben alle bemerkt", erinnert er sich. Seine Besinnung hatte ihn sensibler gemacht. "Ich habe meine Schwächen und die meiner Mitarbeiter und Kunden wahrgenommen und angesprochen", erklärt Wissler - "was zur Folge hatte, daß so manches professionelle Gespräch in eine Art Lebensberatung ausuferte". Daß er sich zum Coach und Mediator weiterbilden ließ, war die fast logische Folge.
Die Arbeit wurde indes nicht weniger. "Und nach zwei Jahren war der Druck wieder so groß, daß ich erneut raus mußte", sagt Gerhard Wissler. Gemeinsam mit einem Freund plante er diesmal eine echte Abenteuertour: auf eigene Faust per Rad durch Malaysia. "Nach drei Wochen kamen wir zurück, angereichert mit Abenteuern - aber der Streß im Job nahm sogar noch zu." Wieder vergingen zwei Jahre. "Und wieder war ich reif", sagt Gerhard Wissler. Die nächste Tour führte ihn und den Freund nach Ecuador. "Wir wollten die Anden überqueren und entlang der Panamericana radeln." Eine dritte Tour - erneut nach zwei Jahren - brachte ihn nach Pakistan: Auf der Seidenstraße durchradelte er die Schluchten des Himalaya.
"Doch schließlich wurde klar, so geht es nicht weiter. Der Beruf frißt mich auf." Eine Reise alle zwei Jahre, um aufzutanken, reichte Wissler nicht mehr. Vor fünf Jahren hat er gekündigt und sich ganz aufs Coaching und die Begleitung von Konflikten in der Wirtschaftsmediation verlegt. "Auch wenn der Satz schon etwas abgedroschen ist - ich weiß, wieviel Wahrheit darin steckt", sagt Gerhard Wissler: "Jede Krise ist auch eine große Chance."




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