Fast blind - und keiner sieht es
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 5). Saliya Kahawatte: Karriere in der Gastronomie trotz Schwerbehinderung.
Seine Mutter meint, er sei ein Dickschädel. Aber so sieht Saliya Kahawatte sich nicht. "Ich habe eine Vision", sagt der 36jährige. "Ich will Hotelmanager werden." Das klingt nach einem logischen Karriereschritt - für einen gelernten Hotelfachmann, erfahrenen Restaurantleiter und diplomierten Hotelbetriebswirt. Doch Saliya Kahawatte ist schwerbehindert. Als er 15 war, verlor er innerhalb weniger Wochen 80 Prozent seines Augenlichts durch eine Netzhautablösung. Heute hat er ein Sehvermögen von fünf Prozent - erkennt nur Schatten. Doch wer es nicht weiß, wird es kaum merken. Kahawatte benutzt keinen Blindenstock. Er faßt sein Gegenüber fest ins Auge und bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit.
"Eigentlich wollte ich Mediziner werden", sagt der gebürtige Freiberger mit singalesischem Vater, der als Kind mit Mutter und Schwester aus der DDR floh. Aber schon im Bio-Unterricht habe das Mikroskopieren nicht so gut geklappt, setzt er lachend nach. "Da mußte ich mir etwas anderes suchen, das Spaß macht." Gefunden hat er es in der Gastronomie. Mit 19 beginnt der Abiturient, der entgegen ärztlichem Rat nie eine Behindertenschule besucht hat, eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Seine Berufsschule weiß Bescheid, das Hannoveraner Hotel, in dem er lernt, nicht. "Natürlich hatte ich überall, wo ich gearbeitet habe, immer ein, zwei Verbündete", sagt Kahawatte. "Ohne sie wäre es nicht gegangen." Zum Beispiel ohne den anderen Azubi, der während der praktischen Prüfung unauffällig hilft, beim Eindecken das Besteck richtig auszurichten. "Dadurch habe ich Teamarbeit gelernt", sagt Kahawatte. "Man kann nur nehmen, wenn man auch etwas gibt." Dieses Ausbalancieren von Bedürfnissen, "connecting people" nennt er es, habe ihm zum Aufstieg in Führungspositionen verholfen.
Saliya Kahawatte weiß, daß er für alles doppelt soviel Zeit braucht wie sehende Kollegen. Seine Tische deckt er nachts oder frühmorgens ein, wenn sonst niemand da ist. Als er als Oberkellner - inzwischen in Hamburg angekommen - für den Weinkeller verantwortlich ist, kriecht er mit einer Lupe zwischen den Regalen herum und entwickelt sein eigenes Lagersystem. "Die anderen haben gedacht, ich sei arbeitssüchtig, weil ich immer so lange geblieben bin", sagt Kahawatte. Als während seiner Abwesenheit der Weinkeller umgestellt wird, kündigt Kahawatte unter einem Vorwand. Seine hervorragenden Zeugnisse sorgen dafür, daß es dennoch immer weiter bergauf geht.
"Ein weniger herausfordernder Job - das hätte einfach nicht zu mir gepaßt", sagt Saliya Kahawatte heute. Er fand seinen Weg, indem er sich spezialisiert hat. "Ich weiß, daß meine Stärken bei den weichen Faktoren liegen", sagt der Betriebswirt. "Ich kann gut mit Menschen arbeiten, coachen, Potentiale erkennen und zusammenfügen." Sein Ehrgeiz und sein Durchhaltevermögen seien eher eine Typfrage als ein Resultat seines Handicaps, ist er überzeugt. Die Fähigkeit, strategisch und unkonventionell mit Schwierigkeiten umzugehen, resultiere dagegen aus den Erfahrungen als Behinderter: "Erzähl mir nichts von Problemen, sag mir die Lösung", ist sein Motto.




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