Fragwürdiges Training
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 4). Outdoor-Seminare auf dem Vormarsch. Doch nicht immer sind sie sinnvoll.
Sie kriechen durch stockfinstere Tunnel, balancieren in acht Meter Höhe über einen wackligen Balken, hängen an Seilen und suchen den Weg durch einen Sumpf. Was auf den ersten Blick wie der Drill von Bundeswehr-Elitetruppen anmutet, ist ein ganz normaler Trainingstag ziviler Angestellter. Ganz normal? Zumindest ungewöhnlich, aber vor allem voll im Trend.
Seminare in freier Natur, sogenannte Outdoor-Trainings, erfahren seit Jahren steigende Nachfrage - im Gegensatz zu klassischen Seminaren in Konferenzräumen. Ob Höhlen- oder Wüstenexpeditionen, Kletterpartien oder Segeltörns - der Phantasie der Trainingsanbieter scheinen wenig Grenzen gesetzt. Seminare müssten emotional ansprechen, betroffen machen und zum Handeln bewegen, sagt der Münchner Organisationspsychologe Professor Lutz von Rosenstiel: "Da bieten sich Erlebnissituationen in der Natur an."
Manche Angebote wirken allerdings wie ein auf Management getrimmter Abklatsch der unsäglichen TV-Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!". Denn natürlich loten Führungskräfte beim dreitägigen Überlebenstraining im Wald inklusive Würmermahlzeit ihre Grenzen aus, aber was bringt es ihnen im beruflichen Alltag? "Nichts", meint der Rendsburger Managementberater Andreas von Studnitz. "Sinnvoll ist eine Outdoor-Maßnahme nur dann, wenn die Teilnehmer Parallelen zu ihren Erlebnissen am Arbeitsplatz ziehen können."
Wie aber solle das bei Gruppenübungen in schwindelerregender Höhe oder auf hoher See geschehen, fragt von Studnitz: "Manche Teilnehmer verspüren selbst in drei Meter Höhe schon soviel Angst, daß die Übung, auch auf Grund des Gruppendrucks, für sie zum Horrortrip wird. Ähnliches erleben seekranke Teilnehmer auf einem Segelschiff. Die sind mit ihrer Übelkeit so beschäftigt, daß die Lernziele überhaupt nicht mehr interessieren."
Immer noch würden manche Unternehmen Outdoor-Trainings als Abenteuer-Betriebsausflug buchen, bestätigt Peter Timmermann, Eigentümer des Ellernhofs, eines Outdoor-Tagungszentrums in der Nähe von Lüneburg. Das erklärt auch die steigende Popularität von Hochseilgärten, die überall aus dem Boden schießen und mit ständig neuen Attraktionen um Kundschaft buhlen. "Das sind Incentives, die als Belohnung für Mitarbeiter dienen", sagt Timmermann. Outdoor wird dabei zum Event, im Vordergrund stehen Nervenkitzel und Spaß. "Solche Seminare sind für die Personalentwicklung ungefähr so wertvoll wie ein Besuch auf dem Hamburger Dom", meint Andreas von Studnitz.
Firmen wie Talkline, die Hamburger Sparkasse oder Jungheinrich nutzen Outdoor-Trainings aber auch systematisch, um die Zusammenarbeit von Teams zu verbessern. "Es geht uns um Selbsterfahrungen außerhalb der Komfortzone. Wir führen die Teilnehmer sehr vorsichtig und immer auf freiwilliger Basis an ihre Grenzen", erklärt Wolfgang Heitmann, Leiter der Personalentwicklung bei Jungheinrich. Um das zu gewährleisten, führen die Teilnehmer ein Lerntagebuch, und "es wird viel Raum für Reflexion eingeräumt", sagt Heitmann.
Die Vor- und Nachbereitung sowie die Prozeßbegleitung durch einen professionellen Trainer sei dabei der Schlüssel zum Erfolg, sagt Timmermann. "Nur so sind sinnvolle Übungen möglich. Der Trainer sollte einen systematischen Lerntransfer betreiben, damit die Grenzerfahrungen nachhaltig wirken können."




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