Freiheit als Triebfeder
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 1). Was motiviert den Menschen, seinem Alltagstrott zu entfliehen und etwas Neues zu wagen?
Menschen brauchen Grenzen. Menschen hassen Grenzen. Menschen sprengen Grenzen. Wie ein roter Faden zieht sich dieses ambivalente Verhältnis zu Beschränkungen unserer Freiheit durch die Geschichte. Seit Urzeiten gibt es Bestrebungen, das menschliche Zusammenleben zu organisieren und mehr oder minder klaren Regeln zu unterwerfen. Ohne Verhaltensnormen, die durch Traditionen und Gesetze reglementiert werden, ist vermutlich keine Gesellschaft lebensfähig. Skeptische Philosophen wie der Engländer Thomas Hobbes (1588-1679) waren überzeugt, daß ohne autoritäre Staatsmacht Chaos und Gewalt regieren würden. Dieser Ansicht sind auch heutzutage noch so manche Staatslenker.
Grenzen haben immer etwas mit Macht zu tun. Wer die Macht hat, egal ob als demokratisch gewählter Regierender oder als Gewaltherrscher, ob als Unternehmenslenker oder als Abteilungsleiter, kann den ihm Untergebenen Grenzen setzen. Dabei gilt allerdings eine Weisheit, die der englische Historiker Lord Acton vor mehr als 150 Jahren formulierte: "Macht führt zur Korruption, absolute Macht korrumpiert absolut."
Wenn Menschen stark einengenden, oft willkürlichen Grenzen ausgesetzt sind, passen sich viele an und nehmen diese Beschränkung als unabänderliches Schicksal hin. Andere versuchen, die Grenzen zu sprengen. Der Spartacus-Aufstand im alten Rom oder der Widerstand gegen die sozialistischen Diktaturen Osteuropas sind eindrucksvolle Beispiele dafür.
Der Wille, mehr Freiheit zu wagen und Grenzen zu sprengen, ist eine Triebfeder des Fortschritts. Kolumbus, Kopernicus, Galilei, Luther, Darwin, Gagarin und Armstrong - sie alle wagten Dinge, die von den meisten ihrer Zeitgenossen als verrückt abgelehnt wurden. Ob auf Entdeckungsfahrt oder auf geistiger Forschungsreise, stets folgten solche Menschen ihrem inneren Drang, etwas Neues zu wagen oder - wie es im Vorspann der beliebten Fernsehserie "Star Trek" heißt - dorthin vorzudringen, "wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist".
Auch in der Welt des 21. Jahrhunderts sind solche Entdeckungen noch möglich. Menschen wie der Tiroler Bergsteiger Reinhold Messner, der Hamburger Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg, der Bad Bramstedter Expeditionsleiter Arved Fuchs oder der Flugpionier Steve Fossett aus Tennessee faszinieren deshalb, weil sie immer wieder Grenzerfahrungen machen. Und weil sie ihr Dasein nicht nach der Stechuhr im Betrieb organisiert haben, sondern ein Leben führen, das dem Normalbürger wie ein großes Abenteuer erscheint. Damit sind solche Persönlichkeiten fast wie reale Kinohelden; sie sind Projektionsflächen der Sehnsucht nach individueller Freiheit, nach dem Ausbrechen aus dem Alltagstrott.
In unserer neuen Serie werden wir den Beweggründen solcher Abenteurer nachspüren. Was treibt sie an? Warum setzen sie sich extremen Situationen im Dschungel, auf den Weltmeeren, in der Wüste oder in der Antarktis aus? Und vor allem: Was bringen solche Expeditionen? Lassen sich die Erfahrungen auf den normalen Alltag übertragen?
Doch soll es nicht nur um extreme Abenteuer gehen. Vielmehr wollen wir auch "normale" Berufstätige vorstellen, die freiwillig Grenzen gesprengt haben. Ein Beispiel dafür sind Manager, die am Projekt "Seitenwechsel" teilnehmen und zwei Wochen lang die gewohnte Sicherheit ihres Büros mit einem Hospiz, einem Gefängnis oder einer Drogenberatungsstelle tauschen. Wir fragen, wie der Einsatz bei "Ärzte ohne Grenzen" oder als Soldat in Afghanistan die Persönlichkeit prägt. Oder ob Triathleten auch im Beruf Höchstleistung bringen. Wir sprechen mit Menschen, die zum Schweigen ins Kloster gehen oder Tausende von Kilometern auf alten Pilgerpfaden wandern. All diese Erlebnisse sind Grenzerfahrungen.




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