Fremdsprachen: Einzelhandel bucht vermehrt Kurse. Englisch sprechen ist Voraussetzung für die Karriere - und für gute Geschäfte.
Hamburg - das Tor zur Welt mit anglophiler Tradition, Standort international agierender Unternehmen und Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft. Selbstverständlich wird in dieser weltoffenen Stadt im Handel und in den Unternehmen fließend englisch gesprochen. Oder?
So bereiten sich Unternehmen auf Fußballfans vor
Frank Drevin, Ausbildungsleiter bei Hapag-Lloyd: "Wir beschäftigen weltweit gut 3700 Mitarbeiter, zwei Drittel davon arbeiten im Ausland. Entsprechend ist Englisch bei uns Business-Sprache. Für die Mitarbeiter ist es nicht ungewöhnlich, Gespräche mal in deutscher, mal in englischer Sprache zu führen oder die unternehmensinternen Neuigkeiten englischsprachigen Rundschreiben zu entnehmen." Einstellungskriterium seien Englischkenntnisse allerdings nicht. "Wer sich mit mehreren Monaten Auslandserfahrung bei uns vorstellt, hat sicher einen Vorteil", sagt Drevin. Doch wenn sich ein 16jähriger als Schiffahrtskaufmann bei ihm bewerbe, könne er im Interview nicht mit der Frage "May we continue in english?" kommen. "Da würde ich den Bewerber überfordern", meint Frank Drevin.
Um auf das im Alltag notwendige Niveau zu kommen, bietet Hapag-Lloyd unternehmensinternen Englischunterricht an. Andere Arbeitgeber greifen auf externe Angebote zurück. "Generell gehen Unternehmen verstärkt dazu über, Sprachkurse für ihre Mitarbeiter zu buchen", sagt Sabine Heitmann, General Manager bei der Anglo English School. Nach ihrer Erfahrung verfügen viele Hamburger über durchaus solide Kenntnisse in der englischen Sprache. "Grundvokabular und Grammatik sind vielleicht etwas eingeschlafen, aber leicht wiederzubeleben." Doch das reiche oft nicht fürs Berufsleben, wenn auf englisch telefoniert werden müsse und englischsprachige Briefe oder E-Mails verfaßt werden sollen.
Heitmann verzeichnet vor allem von seiten des Einzelhandels eine gesteigerte Nachfrage nach Unterricht. Ein Trend, der Ulf Kalkmann, Pressesprecher des Hamburger Einzelhandelsverbands, freuen dürfte: "Gerade Mitarbeiter des Einzelhandels in der Innenstadt müssen über Sprachkompetenz verfügen und zwar nicht nur in Englisch, sondern auch in Französisch und Spanisch. Wir bemühen uns sehr, die Unternehmen davon zu überzeugen, und bieten auch selbst Sprachkurse an. Das ist vor allem als Vorbereitung für die WM gedacht, damit sich Hamburg als weltoffene und sprachgewandte Stadt präsentieren kann." Insgesamt schätzt Kalkmann die Situation positiv ein: "Die Sprachkompetenzen der Mitarbeiter im Einzelhandel sind nicht schlecht. Sie sind sicher noch ausbaufähig, aber eine Verständigung, damit der Kunde das Gewünschte erhält, ist auf jeden Fall möglich."
Ähnlich sieht das Rose Pauly, Präsidentin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Hamburg. "Touristen werden in Hamburg gut bedient. Wir im Gastgewerbe legen großen Wert auf Fremdsprachenkenntnisse." Um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, ist Englischunterricht Teil der Ausbildung in der Berufsschule. "Und es gehört zur Tradition unserer Branche, nach der Ausbildung ins Ausland zu gehen." Wer zudem einen Führungsjob anstrebe, komme ohne Fremdsprachenkenntnis schon gar nicht aus, sagt Pauly. Das bestätigt Mathias Reim, Bereichsleiter bei der Block House Restaurantbetriebe AG, wo Englischkenntnisse Einstellungskriterium sind: "Etwa bei Bewerbern für die Ausbildung zur Fachkraft für Systemgastronomie, denn diese zielt auf künftige Führungstätigkeit. Bei Bewerbern für Führungspositionen setzen wir die englische Sprache als selbstverständlich voraus."
Diese Haltung sieht Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader als ganz natürlich an - vor allem im Dienstleistungsgewerbe. "In unseren Breitengraden wird Englisch stillschweigend vorausgesetzt, so wie im Osten vielleicht Russisch oder im Südwesten Spanisch. Das ist inzwischen so selbstverständlich wie ein Führerschein." Allerdings, schränkt er ein, würde diese Anforderung von den Mitarbeitern selbst manchmal unterschätzt. Das könne daran liegen, daß Englischkenntnisse allein selten mit mehr Gehalt belohnt würden, vermutet Hesse, "aber ohne Englisch sieht es in Bewerbungssituationen einfach schlecht aus." Doch für ihn sind Fremdsprachenkenntnisse mehr als ein Mittel, im Jobinterview zu glänzen oder seine Kunden gut zu bedienen: "Sie sind einfach ein Zeichen für geistige Offenheit und Flexibilität."













