Das Leittier muß Signale setzen
Seminare: Was Manager von Pferden lernen können. Die Herde folgt nur demjenigen, der klar und sicher führen kann.
Benno will sich einfach nicht in Bewegung setzen. Fünfmal hat Birgit Fechter bereits ihr Glück bei dem Zehnjährigen probiert. Erst als sie einen bestimmten Punkt in der Halle anvisiert und ihre ganze Energie darauf konzentriert, geht der braune Wallach los. "Durch die Änderung meiner inneren Haltung nahm meine Körperspannung zu", analysiert die Personalentwicklerin den Wandel, den sie beim Seminar "Von Pferden lernen" durchlebt. Ein Schlüsselerlebnis für sie, das sie im Beruf nutzen kann. "Ich brauche einen optischen Go-Punkt, um Projekte zu starten."
Bereits seit 1996 setzt Gerhard Krebs Pferde als Co-Trainer ein. "Führen heißt, Mitarbeiter dazu zu befähigen, selbständig, mutig und risikobereit auf ein Ziel zuzugehen", sagt der Leiter des Seminarbetriebes G & K HorseDream in Erbach. Hier im Odenwald werden Führungskräfte mit Hilfe der Vierbeiner sensibilisiert. Krebs: "Pferde decken Führungsschwächen unmittelbar auf. Sie kennen keine Höflichkeit und reagieren unmittelbar auf den Menschen. Deshalb sind sie ein idealer Spiegel für unser Verhalten."
Dorette Winkler nähert sich mutig einem der vier Seminar-Pferde in der Reithalle in Rosengarten-Emsen, faßt es an der Stirn an. Doch das Pferd weicht zurück. Als sie es führen soll, bleibt der Vierbeiner ständig stehen. Dorette Winkler ist verärgert. Als selbständige Akquisiteurin muß sie im Beruf häufig Kontakte knüpfen, doch jetzt spürt sie: "Ich habe keinen Einfluß auf das Pferd." Trainerin Britt Wrede erklärt: "Das ist ein sehr gefühlsintensives Erlebnis, wenn der Teilnehmer merkt, daß das andere Lebewesen mit ihm keinen Kontakt haben möchte."
Warum aber ist eine Reihe von Seminaranbietern nun gerade aufs Pferd gekommen? Als Flucht- und Herdentiere suchen Pferde eine klare und sichere Führung. Die Leitstute weist den Weg unmißverständlich. "Sie folgen daher dem Menschen, wenn dieser sich durch Klarheit, Selbstvertrauen und Zielbewußtsein auszeichnet", sagt Verena Neuse, die ihr Seminarkonzept "Pferd & Persönlichkeit" seit Mai in der Lüneburger Heide anbietet. Pferde seien grundsätzlich bereit, dem Menschen zu folgen, sagt Wrede. Dabei reagieren sie instinktiv, wenn sie die entsprechenden Merkmale erkennen, die signalisieren, daß sie sich der Führung des zweibeinigen "Leittieres" anvertrauen können. "Sind solche Anzeichen nicht deutlich genug, befassen sie sich einfach mit etwas anderem." Pferde seien perfekte Körpersprachler, sagt Verena Neuse: "Sie erkennen die innere Haltung des Menschen und spiegeln sie - unabhängig von dessen äußerem Verhalten. "Sie agieren dabei ausschließlich im Hier und Jetzt und merken auch innere Zweifel."
Statussymbole, Attitüden, Kleidung oder andere Äußerlichkeiten lassen die vierbeinigen Co-Trainer unbeeindruckt. Das hat auch Ingo Brügmann, Geschäftsführer der Pego GmbH in Winsen erfahren. "Ich mußte mich zunächst bei der Leitstute unterordnen. Erst als ich energisch auftrat, folgte sie mir - jedoch nur auf gleicher Höhe."
Verena Neuse: "Pferde können den Manager nicht verbal kritisieren. Sie bieten Ehrlichkeit, ohne daß es weh tut. Das ist manchmal viel wirkungsvoller als Kritik." Das sei doch das Beste, was ein Lernangebot zum Thema Führung bieten könne: "die gefühlte Erfahrung, die keinen Spielraum mehr läßt für nachträgliche Umdeutungen", sagt Wrede. "Mehr handeln als reden" lautet für Brügmann der Nutzwert für seinen Berufsalltag.
Erfahrung mit Pferden setzen die Veranstalter bei den Teilnehmern nicht voraus. Auch Angst vor den Vierbeinern stellt kein Hindernis dar. Meistens werden die Übungen vom Boden aus durchgeführt - in der Halle oder in umzäunten Arealen und später per Videoaufzeichnung analysiert.
Die Ziele und der Anspruch, die die verschiedenen Anbieter mit ihren Pferde-Seminaren verfolgen, sind unterschiedlich. "Wir können nur Anstöße geben", sagt Verena Neuse, die mit einer Reitlehrerin zusammenarbeitet. Mehr sei in den eineinhalbtägigen Seminaren nicht möglich. "Ich mache weder Outdoor- noch Teamfindungsseminare. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung - mehr nicht."
Zum Training bei Britt Wrede, deren Partnerin eine Pferdeausbilderin ist, gehören vier anschließende Coaching-Gespräche am Telefon, um das Gelernte im Arbeitsalltag umzusetzen. Verena Neuse vermittelt bei Bedarf einen Coach. Das Paket des im holsteinischen Bad Oldesloe arbeitenden Personalentwicklers horsesense-training & coaching umfaßt Feedbackgespräche und drei Einzel-Coachings nach dem praktischen Übungsteil.
Wichtig für den Erfolg der Seminare ist auch die Auswahl der Pferde. Es dürfen keine neurotischen Boxenpferde oder gestreßte Turnierrösser sein, sondern sie müssen im Sozialverband der Herde noch ihre ursprünglichen Instinkte bewahrt haben.
Daß sich die Erfahrungen mit einem Pferd auf den Berufsalltag übertragen lassen - daran haben gerade nüchtern denkende Manager so ihre Zweifel. Die Veranstalter aber sind - natürlich - von ihrem Konzept überzeugt. Wer nach dem ersten Vormittag in ihrem Seminar immer noch der Auffassung sei, daß das Konzept nicht auf Menschen übertragbar sei, dürfe gehen und erhalte sein Geld zurück, sagt Britt Wrede.



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