Das Privatleben managen
Wer an Stress leidet, organisiert sich häufig nur falsch.
Vor zweieinhalb Jahren wähnte sich Peter M. (36) am Ziel: Er war zum Marketingleiter bei einer Beratungsfirma befördert worden und für 14 Mitarbeiter verantwortlich. "Ich habe mich sofort in die neue Aufgabe hineingekniet, Akten studiert und neue Projekte angeschoben", berichtet er. Doch aus der intensiven Einarbeitungsphase wurde bald ein Dauerzustand. Peter M. war selten vor 21 Uhr zu Hause und nahm auch an Wochenenden Arbeit mit. Seine inzwischen dreijährige Tochter sah er nur selten, in der Ehe kriselt es. "Treffen mit Freunden sind rar geworden", gibt er zu. In seiner Freizeit möchte Peter M. am liebsten einfach nur ausspannen und nichts tun. Neun Kilo mehr Körpergewicht sind die sichtbare Folge, und er raucht wieder. Peter M. ist kein Einzelfall. "Die Menschen arbeiten mehr denn je", sagt Bärbel Kerber, Autorin des Buchs "Die Arbeitsfalle": "Zunehmend ist es ein unsichtbarer Druck von außen, der sie dazu zu zwingen scheint." Unsichtbar, weil kein Chef sie dazu auffordert, wie auch Peter M. bestätigt: "Ich setze mich selbst unter Druck, will meiner Verantwortung gerecht werden." Die Folgen belegt die neue Kienbaum-Studie "Work-Life-Balance internationaler Top-Manager": "Mehr als die Hälfte aller Manager klagt regelmäßig über Rücken- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen oder Herzstolpern". Besonders davon betroffen seien Führungskräfte unter 35 Jahren, heißt es. Die Hälfte der befragten Manager bewegt sich täglich weniger als einen Kilometer Laufstrecke, und nicht einmal ein Drittel nimmt sich während der Arbeitszeit eine Pause. Durchschnittlich arbeiten deutsche Manager demnach 54 Stunden pro Woche. Bei knapp der Hälfte der befragten Führungskräfte hat sich die Arbeitsbelastung in den letzten drei Jahren kontinuierlich gesteigert. Der Personalabbau hat vielerorts dazu geführt, dass immer weniger Mitarbeiter immer mehr Aufgaben bewältigen müssen. Zum einen seien, so Bärbel Kerber, die Entscheidungsfreiheiten vieler Führungskräfte gestiegen, zum anderen werde von ihnen mehr Flexibilität und Effizienz erwartet. Handy und E-Mail erhöhen zudem den Erwartungsdruck, stets im Dienst und überall erreichbar zu sein. In seiner Branche gehöre das seit jeher dazu, sagt Mark R. Perron (30), General Manager des Carat Hotels. Geregelte Arbeitszeiten kenne er nicht, seine Freunde müssten entsprechend flexibel sein. Bei vielen Menschen wird sogar die Freizeit zum Stress: Sie pendeln ohne Pause zwischen Fitnessstudio, Golfplatz, Opernbesuch, Vereinssitzung und Aktivurlaub. "Wir hetzen 16 Stunden am Tag gleichzeitig einem halben Dutzend Aufgaben hinterher, scheinen die Kontrolle über unser Leben verloren zu haben", kritisieren die Autorinnen Heike M. Cobaugh und Susanne Schwerdtfeger. Viele fühlten sich deshalb fremdgesteuert, ihnen fehle der Ausgleich. "Ein Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben ist wichtig, weil bei einer Schieflage ,burn-outs', Krankheiten und Leistungsdefizite vorprogrammiert sind", sagt Jens-Peter Stehnke (41), Personalmanager bei Unilever Bestfoods. Dass viele Manager ihr privates Glück auf dem Altar des beruflichen Erfolgs opfern, ist aber auch ein gern gepflegter Mythos. "Die Annahme ,Stress ist der Preis der Position' ist blanker Unfug", sagt die Management-Beraterin Johanna Joppe. So etwas sei eine Schutzlegende von unfähigen Chefs. "Manager führen ganze Unternehmen mit großem Erfolg. Warum managen sie dann ihre eigene Existenz nicht mit demselben Erfolg?", fragt Joppe. Dazu Jens-Peter Stehnke: "Von einer guten Führungskraft erwarte ich, dass sie ihre persönlichen und die Zeitressourcen des Teams effizient managed und Prioritäten setzen kann." Literatur zum Thema: Kerber: Die Arbeitsfalle (Metropolitan, 19,95 Euro); Cobaugh/Schwerdtfeger: Work-Life-Balance (Verlag Moderne Industrie, 15,90 Euro); Joppe/Ganowski: Chefsache Privatleben (Campus, 21,50 Euro).



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