Klartext: Bernhard von Treuenfels über Warnzeichen in der Krise
"Jeder Mitarbeiter ist Risikomanager"
Beschäftigte müssen Signale der Kunden aufnehmen - und vor allem: in der Firma weitergeben.
Foto: Piel
Abendblatt:
Angesichts der Wirtschaftskrise hat man den Eindruck, bei vielen Firmen ist es mit dem Risikomanagement nicht weit her. Kümmern sich Unternehmen ausreichend darum?
Bernhard von Treuenfels:
Offensichtlich nicht. Das ist ihnen aber auch nicht zu verdenken. In guten Zeiten glaubt man oft, dass es immer so weitergehen müsste. Man kümmert sich selbstverständlich lieber um die positiven Aspekte - die Steigerung des Umsatzes oder die Entwicklung neuer Geschäftsfelder - als darum, Gefahren aufzuzeigen oder Szenarien für Krisenfälle zu entwickeln. Ein Risikomanager hat keine leichte Aufgabe: Er muss potenzielle Risiken erkennen, beurteilen und kontrollieren. Das verursacht erst einmal nur Kosten. Die Kosten allerdings, die entstehen können, wenn man kein adäquates Risikomanagement betreibt, fallen unter Umständen viel höher aus und können letztendlich sogar die Existenz des Unternehmens gefährden. Nicht umsonst ist deshalb Risikomanagement für Aktiengesellschaften und viele GmbHs gesetzlich vorgeschrieben. Nur: Das Thema wird in vielen Unternehmen noch nicht mit der nötigen Konsequenz umgesetzt.
Abendblatt:
Ist solche Ignoranz nicht verantwortungslos den Mitarbeitern gegenüber?
Von Treuenfels:
Es hat weniger mit Ignoranz zu tun als mit einem Mangel an Know-how und mit personellen Kapazitäten. Wenn unsere Interim Manager in Unternehmen gehen, um dort Risikomanagement-Strukturen zu implementieren, stellen sie oft fest, dass es zwar gute Ansätze gibt, die aber meist nicht ausreichend sind, um Risiken systematisch zu managen. Dann handelt es sich meist nur um eine Alibifunktion. Doch wenn man keine Risikovorsorge trifft, ist letztlich jeder betroffen - egal, ob er Aktionär, Mitarbeiter oder Lieferant ist.
Abendblatt:
Wo ist Risikomanagement im Unternehmen angesiedelt?
Von Treuenfels:
Die Dax-Unternehmen haben spezielle Riskmanager, die außerhalb des operativen Geschäftes stehen und direkt an Vorstand oder die Geschäftsführung berichten. Aber beim durchschnittlichen Mittelständler befindet sich der Verantwortliche oft in einer Doppelfunktion zwischen Controlling und Risikomanagement, womit er praktisch sich selbst oder seinen Vorgesetzten kontrolliert, was natürlich problematisch ist.
Abendblatt:
Haben Unternehmen außerhalb der Finanzbranche, also solche, die erst in zweiter Linie von der Wirtschaftskrise betroffen waren, Fehler gemacht in ihrem Risikomanagement?
Von Treuenfels:
Natürlich muss man immer mit einem wirtschaftlichen Abschwung rechnen. Nach dem zweiten Weltkrieg ist das jetzt die fünfte Krise. Diese Krise hat aber Dimensionen, die wir bisher noch nicht erlebt haben, und die damit verbundenen Risiken waren kaum absehbar. Wer bereits Krisenstrategien entwickelt hat, ist heute in jedem Fall besser aufgestellt.
Abendblatt:
Welche Warnzeichen gibt es für Unternehmen, die jetzt noch nicht von der Krise betroffen sind?
Von Treuenfels:
Das normale Berichtswesen und der Blick in die monatliche Bilanz reichen nicht aus. Zusätzlich muss der Vertrieb Signale aufnehmen. Fängt der Kunde an, Aufträge verschieben zu wollen? Oder sogar zu stornieren? Sagt er: "Ende dieses Jahres könnte es knapp werden"? Solche Aussagen muss der Vertrieb aufnehmen und an das Management weitergeben. Dann hat die Geschäftsführung die Möglichkeit, nach Gegenmaßnahmen zu suchen. Es gibt immer Spielraum, vorausgesetzt, man nimmt Warnsignale ernst und wartet nicht den Moment ab, wo es zu spät ist.
Abendblatt:
Was müssen die Mitarbeiter leisten?
Von Treuenfels:
Jeder Mitarbeiter ist im Grunde genommen ein Risikomanager. Die Geschäftsführung muss den Mitarbeitern signalisieren, dass sie keine Schön-Wetter-Politik hören will, sondern das, was wirklich am Markt los ist. Es nützt nichts, wenn die Mitarbeiter meinen: "Das wird schon wieder werden. Einen Kunden haben wir zwar verloren, aber ich habe da schon einen neuen im Auge." Das Management muss ein Risikobewusstsein bei den Angestellten fördern und ihnen die Angst nehmen, dass sie als schlechte Verkäufer gelten, wenn sie in dieser Situation schlechtere Auftragszahlen präsentieren.
Abendblatt:
Wenn der Arbeitgeber diese Informationen nicht einfordert - sollte der einzelne Mitarbeiter sie von sich aus in seinem Unternehmen abliefern?
Von Treuenfels:
Ich denke ja ohnehin, dass der Mitarbeiter sich nicht blind auf den Arbeitgeber verlassen sollte. Auch Arbeitgeber sind nur Menschen. Aber unabhängig vom eigenen Unternehmen muss der Bewerber oder Mitarbeiter Risikomanagement betreiben. Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft wird es immer weniger Dauerbeschäftigung geben. Parallel entstehen neue Beschäftigungsmodelle, in denen ein Bewerber die Wahl hat, ob er ein einziges Unternehmen als Arbeitgeber haben will oder als Auftragnehmer für mehrere Firmen tätig ist. Die Zeitarbeit im Fachkräftebereich ist nur eines dieser Modelle. Diese Beschäftigungsformen können im Endeffekt sogar mehr Chancen eröffnen als eine klassische Laufbahn bei nur einem Arbeitgeber. Solche Alternativen in Erwägung zu ziehen, ist für jeden Bewerber und Arbeitnehmer wichtig.




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