Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (Teil 10)
"Nicht grübeln, machen!"
Die gebürtige Kolumbianerin Rosa Binnewies ist eine unerschütterliche Optimistin.
"Ich konnte nicht mehr in Cali leben", sagt Rosa Cecilia Binnewies. 1998, sie war gerade 21 Jahre alt, verließ sie ihre Heimatstadt im Südwesten Kolumbiens. In der "Hauptstadt des Salsa", in deren Großraum drei Millionen Menschen leben, wurde es ihr zu gefährlich. Die organisierte Kriminalität, das sogenannte Cali-Kartell regierte auf der Straße. "Gerade für Frauen war die Situation schwierig", sagt die heute 31-Jährige, die ihren norddeutschen Familiennamen ihrem Ehemann verdankt. Als dann auch noch ihr Bruder bei einem Überfall ermordet wurde, war es für sie endgültig Zeit zu gehen.
Eine Cousine lud die junge Frau ein, mit einem Drei-Monats-Visum nach Hamburg zu kommen. "Ich habe mein Informatik-Studium abgebrochen, meinen Job im Vertrieb einer Kaffeefirma gekündigt und die Koffer gepackt", erzählt Rosa Binnewies. "Ich wollte sehen, wie man woanders leben kann." Von Hamburg sei sie von Anfang an fasziniert gewesen - trotz der Kälte, die hier im Februar herrschte: "Ich konnte mich überall und jederzeit frei in der Stadt bewegen, ich konnte ganz offen Schmuck tragen - in Kolumbien wäre das damals unverantwortlich gewesen", sagt sie. Dieses Sicherheitsgefühl habe ihr unheimlich viel bedeutet. Tut es heute noch - auch wenn sie sich daran gewöhnt hat.
Eigentlich hatte Rosa Binnewies nur ein Vierteljahr in Deutschland bleiben wollen. Doch ihr Leben wurde komplett umgekrempelt, als sie hier ihren jetzigen Mann kennenlernte. Innerhalb eines halben Jahres war sie verheiratet - und bald darauf auch Adoptivmutter ihrer kleinen Schwester, die das Paar kurz nach der Hochzeit nach Deutschland geholt hatte.
Dann stand für Rosa Binnewies erst einmal Deutschunterricht auf dem Plan. Sieben Monate lang lernte sie intensiv die neue Sprache, um anschließend eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu beginnen. Doch zur Ruhe kommen sollte sie noch nicht: "Nach einem halben Jahr bin ich krank geworden", erzählt sie. "Ein Tumor im Bein, der operiert werden musste." Gleichzeitig stellte sich heraus, dass sie schwanger war. "Gott sei Dank habe ich trotzdem ein gesundes Kind bekommen."
Rosa Binnewies ist eine unerschütterliche Optimistin. Und fühlt sich damit oft ganz schön anders. Anfangs habe sie sich gefragt, warum die Leute hier so unglücklich wirken. "Die haben doch so viel", wunderte sie sich damals. "Doch in den letzten zehn Jahren haben auch die Deutschen eine positivere Einstellung bekommen", findet sie. "Zum Glück, denn wenn man seine Heimat liebt, kann man auch mit anderen Kulturen entspannter umgehen." Darum hat ihr die Stimmung bei der WM auch so gut gefallen. Sie selbst fühlt sich gar nicht mehr als Ausländerin. Nicht nur, weil sie seit sieben Jahren einen deutschen Pass hat. "Ich fühle mich hier einfach angenommen und akzeptiert", sagt sie.
Ihre positive Einstellung hat sie von ihrer Mutter geerbt, glaubt Rosa Binnewies. Denn auch weitere Operationen, die folgen sollten, haben sie nicht aus der Bahn geworfen. "Ich wollte nie mein Ziel aus den Augen verlieren, ich wollte schon immer lernen und etwas erreichen." Von der Arbeitsagentur bekam sie die Möglichkeit, eine berufliche Rehabilitation beim Berufsförderungswerk Hamburg zu absolvieren. Jetzt ist sie Groß- und Außenhandelskauffrau. Und arbeitet seit Dezember 2007 bei InterAmerican Coffee GmbH, einer Firma der Neumann Gruppe, die Kaffeespezialitäten vertreibt. Als angehende Kauffrau hatte sie dort ein Praktikum gemacht. Heute ist sie für die Abwicklung im Handel mit spanischsprachigen Ländern zuständig. Infolge ihrer Operationen kann sie jedoch nicht mehr so lange sitzen und sucht darum eine neue Stelle, in der sie Teilzeit arbeiten kann.
Die 31-Jährige ist zuversichtlich, dass sie bald einen solchen Job findet. "Man muss Mut haben", sagt sie. "Man darf sich nicht sagen, ich bin krank und finde eh keine Stelle mehr." Zumal sie selbst auch gar nicht mehr akut krank ist. "Gesundheitlich geht es mir inzwischen gut." Auf jeden Fall will Rosa Binnewies sich aber noch weiterbilden. "Bei der Handelskammer kann man den Fachwirt für Außenhandel machen." Das interessiert sie. Außerdem möchte sie Englisch lernen. "Wenn man ein Ziel vor Augen hat, braucht man gar nicht viel rumzugrübeln", findet Rosa Binnewies. "Einfach machen!"




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