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Karriere

Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (Teil 5)

"Ich will noch weiterkommen"

In der Pflege fühlt sie sich zuhause. Aussiedlerin Rita Fiz möchte russischen Senioren helfen.


Foto: Arlt

"Aber es war auch nicht nur schlecht." Diesen Satz sagt Rita Fiz oft. Immer, wenn sie von widrigen Umständen in ihrem Leben erzählt. Die 40-Jährige besitzt die Gabe, in allem auch das Positive zu sehen. Eine Lebenskünstlerin sei sie, finden ihre Freunde. "Auf jeden Fall habe ich eine riesige Lebenserfahrung", sagt Rita Fiz. "Ich bin stolz auf das, was ich bislang erreicht habe, und will noch weiterkommen."

Die gebürtige Russin arbeitet als Einsatzleiterin beim Mobilen Pflegedienst Renafan in Wedel - ein Schreibtischjob, anspruchsvoll und mit langen Schichten. Wenn es personell knapp wird, fährt sie auch selbst raus und kümmert sich um die Alten und Pflegebedürftigen. Vor allem das gefällt ihr. Nur im Büro zu sitzen ist nicht ihre Sache. Außerdem liegt ihr die Sorge für andere Menschen besonders am Herzen. "Es ist einfach so: Entweder man gehört in die Pflege oder nicht. Die Freude daran kann man nicht lernen", sagt sie

1995 ist Rita Fiz als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen. Geboren wurde sie in Kasachstan, aufgewachsen ist sie in Tadschikistan, rund 30 Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt. Zum Studium ging sie ins 4000 Kilometer entfernte St. Petersburg. Dort machte sie ihren Abschluss als Wissenschaftliche Agronomin. "Das entspricht in Deutschland ungefähr dem Diplomingenieur Landwirtschaft", erklärt sie. Dabei lernte sie auch ihren Mann kennen. Doch einen Job als Agronomin brachte ihr der Abschluss nicht. "Also habe ich das genommen, was ich bekommen konnte." Das war die Leitung der Abteilung Beschäftigungstherapie in einem Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder - in Penza, 700 Kilometer südöstlich von Moskau. Dorthin waren ihre Eltern und andere Verwandte 1991 vor dem Bürgerkrieg in Tadschikistan geflohen. "Bis mein Mann und ich eine Wohnung gefunden hatten, haben wir mit elf Personen auf 36 Quadratmetern gewohnt", erinnert sie sich.

Der Job sei "nicht verkehrt" gewesen. Sie arbeitete mit den Kindern im Obstanbau und in der Tierhaltung. "Wir waren Selbstversorger." Dort habe sie ihre Begeisterung für die Pflege entdeckt. Drei Jahre lang war sie im Kinderheim tätig, drei Jahre, in denen sie auch immer wieder über das Auswandern nachdachte. "Mehr und mehr Familienmitglieder waren fortgezogen und so habe ich auch irgendwann gesagt: Jetzt machen wir das!" Ihre Tochter war gerade fünf Jahre alt - "ein idealer Zeitpunkt". Auch ihre Eltern zogen mit.

Hamburg hat es Rita Fiz sofort angetan: "Meine Großmutter lebte schon hier und ich hatte gleich ein Gefühl von Zuhause. Ich liebe die Stadt und ihren Hafen." Auch wenn sie anfangs mit der Sprache gekämpft hat. "Zwei Jahre lang habe ich beim Einkaufen immer nur mit dem Finger auf die Dinge gezeigt, die ich kaufen wollte." Und auch die Mentalität der Deutschen war ihr wenig vertraut: "Ich bin temperamentvoll und emotional. Die Deutschen aber bleiben immer ruhig." Also versucht sie, auch cooler zu sein. "Aber ich schaffe es einfach nicht", sagt sie lachend. "Das steckt eben drin."

Als wissenschaftliche Agronomin konnte Rita Fiz auch in Deutschland nicht landen. "Darum habe ich alles Mögliche gemacht", sagt sie. "Zum Beispiel war ich Putzfrau und habe in einem Altenheim, einem Gartenzentrum und einem Baumarkt gejobbt." In diese Zeit fiel auch die Scheidung von ihrem Mann. Anrecht auf staatliche Unterstützung hätte sie in dieser Zeit wohl gehabt, glaubt sie. "Aber ich mag es nicht, vom Staat abhängig zu sein. Auf Dauer war ihr das Jobben aber nicht genug. So schrieb sie sich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Fach Sozialarbeit und Pflege ein. Nach zehn Semestern hat sie Anfang des Jahres ihren Abschluss als Diplom-Pflegewirtin erhalten.

Was sie damit anfangen will? "Ich möchte etwas für Migranten aus Russland tun", sagt sie. Am liebsten würde sie ein Altenheim eröffnen. "Wenn sie alt werden und besonders wenn sie an Demenz leiden, fallen die russischen Migranten ganz stark zurück in ihre Muttersprache und die Gewohnheiten ihres Herkunftslandes", erklärt sie. Da möchte Rita Fiz in die Bresche springen. "Mit einem Heim, in dem es zu Mittag Borschtsch gibt und die Bewohner in ihrer Muttersprache begrüßt werden." Ob sie die Idee irgendwann in Angriff nimmt, weiß sie selbst noch nicht. Ihr Freund, mit dem sie seit zwei Jahren in Wedel wohnt, ist schon selbstständig. Wäre sie es auch, so fürchtet Rita Fiz, könnte das Familienleben darunter leiden - das ihr doch so wichtig ist.

"Natürlich habe ich manchmal Heimweh", sagt sie. "Und wenn mich jemand fragt, wo meine Heimat ist, weiß ich keine Antwort." Aber ihre Nationalität sei deutsch. Und irgendwo anders als in der Nähe ihres geliebten Hamburgs zu leben, kann sich die 40-Jährige nicht mehr vorstellen.

 

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