Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (Teil 1)
Noch behindern Klischees die Jobsuche
Menschen mit ausländischen Wurzeln: Wie arbeiten sie? Und was bewegt sie? Die neue Serie.
Wann ist man eigentlich ein Migrant? Reicht es schon, eine ausländische Großmutter zu haben? Nicht unbedingt: "Wenn beide Eltern bereits in Deutschland geboren wurden, gilt ihr Kind nicht mehr als Migrant", erklärt Beate Spyrou, Projektkoordinatorin bei Weiterbildung Hamburg. Der sogenannte Migrationshintergrund indes bleibt. 2007 hatten 18,4 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen einen solchen. Den Migranten selbst sagen solche Begriffe allerdings wenig, meint Spyrou. "Sie werden eher mit dem Blick von außen gebraucht."
Doch egal, wie man sie nennt: Migranten sind gut für eine Ökonomie. Das hat das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) jüngst in einer Studie festgestellt. Durch kulturelle Vielfalt könnten die Produktivität und die Innovationsfähigkeit wachsen. Auch auf den Konsum habe ein hoher Grad an kultureller Vielfalt positive Auswirkungen, ermittelten die Wissenschaftler im Auftrag der HypoVereinsbank. Voraussetzung dafür ist die wirtschaftliche Integration der Migranten.
Im Vergleich der sechs größten deutschen Städte hat Hamburg vom HWWI diesbezüglich jedoch nicht die besten Noten bekommen. Das durchschnittliche Einkommen von Ausländern sei niedriger als in den Städten, die einen höheren Ausländeranteil haben. Und die Arbeitslosenquote bei ausländischen Beschäftigten (19,4 Prozent nach den neuesten Daten der Arbeitsagentur Hamburg) liege deutlich über den Werten der süddeutschen Metropolen München (2007: 12,7 Prozent) und Stuttgart (12,4). Darüber hinaus sei auch der Bildungsstand der Migranten niedriger als in den anderen Städten, Berlin ausgenommen. So liegt der Anteil der Beschäftigten, die eine Berufsausbildung, einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss haben, in Hamburg bei 35,3 Prozent. Beim Spitzenreiter Stuttgart sind es 46,2 Prozent.
Doch Hamburg sei mit seinem Ende 2006 auf den Weg gebrachten Integrationskonzept auf dem richtigen Weg. Vor allem, dass der Arbeitsmarktzugang erleichtert werden soll und ein Welcome Center eingerichtet wurde, hebt das HWWI positiv hervor.
Dass die Stadt eine gute Entwicklung angeschoben hat, davon ist auch Beate Spyrou überzeugt. "Dennoch muss man noch viel tun", betont sie. "Wir sind noch weit davon entfernt, dass jugendliche Migranten vergleichbare Schulabschlüsse wie Deutsche machen. Oder dass wir vermehrt Migranten als Entscheidungsträger in der Öffentlichkeit sehen." Darum müssten Angebote geschaffen werden. Wie sie zum Beispiel vom "Hamburger Netzwerk zur beruflichen Integration von Migrantinnen und Migranten" kommen, das Beate Spyrou zusammen mit ihrer Kollegin Gesine Keßler aufgebaut hat. Die Mitglieder bieten speziell Migranten Weiterbildungen an und stellen Kontakte zu Arbeitgebern her (siehe Kasten). Doch die Projektkoordinatorin sagt auch: "Es gibt auf beiden Seiten noch viele Klischees." So würden manche deutsche Arbeitgeber überhaupt keine Bewerbungen von Migranten erhalten, weil diese glaubten, "sie bekämen dort sowieso keine Chance". Außerdem gibt es natürlich auch handfeste Hindernisse: "Zeugnisse und Ausbildungen aus dem Ausland werden oft nicht anerkannt", sagt Beate Spyrou. Darüber hinaus seien es vor allem mangelnde Sprachkenntnisse, die die Beschäftigung von Migranten verhinderten.
Über einen Kamm scheren lässt sich die Gruppe aber nicht. "Gute Berufsaussichten" bescheinigt Beate Spyrou den Migranten, die in Deutschland ihre Ausbildung gemacht haben - und denen, die sich generell über die Bedeutung von Eigeninitiative und Weiterbildung im Klaren sind. "Denn Tätigkeiten für Hilfsarbeiter gibt es immer weniger."
Doch bevor Weiterbildung ansetzen kann, müssen oft auch erst einmal Türen geöffnet werden. "So versucht zum Beispiel einer unserer Netzwerkpartner, die türkische Gemeinde in Hamburg, mit dem Projekt 'Regenbogen' ausländische Frauen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, zu integrieren", erläutert Spyrou. In diesem Rahmen ist etwa eine ghanaische Frauengruppe entstanden. Die Türken in Hamburg seien inzwischen in der Situation, dass sie anderen Migranten helfen könnten. "Sie haben schließlich eine 50-jährige Tradition in Deutschland. Heute gibt es viele Vorbilder für türkische Kinder und Jugendliche: So sehen sie zum Beispiel, dass es auch für sie möglich ist, hier Arzt oder Polizist zu werden." Bei Afrikanern und anderen kleineren Migrantengruppen sei das anders. "Und auch das behindert die Integration", sagt Beate Spyrou. "Positive Vorbilder sind so enorm wichtig."
Wir zeigen die positiven Beispiele:
Ab kommendem Wochenende porträtiert das Abendblatt jede Woche einen Hamburger
mit Migrationshintergrund. Teil 2: Isidora Jovanovic, Azubi bei TNT. Sie hat
bosnische Eltern.




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