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Karriere

Leseraktion: Das Abendblatt hilft älteren Arbeitslosen bei der Jobsuche

Neustart für die Generation 45plus

Der demografische Wandel zwingt Firmen zum Umdenken. Doch die Lust auf Generationenmix ist nicht groß.

In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Hamburger Arbeitslosen über 45 Jahre um fast 10 000 gesunken. Gut 4500 von ihnen gehören zu der Altersgruppe 50plus. Eine Erfolgsstory? Nicht ganz. "Das sind nicht alles neue Arbeitsplätze", schränkt Knut Böhrnsen, Sprecher der Hamburger Arbeitsagentur, ein. "Viele Ältere gehen in die Selbstständigkeit." Dass aber außer Frührente, Selbstständigkeit und Hartz IV auch feste, unbefristete Jobs wieder eine Rolle für diese Gruppe spielten, liege am Aufwind auf dem Arbeitsmarkt, erklärt Böhrnsen.

Dass sie noch immer zu den "schwer Vermittelbaren" gehören, ist den Arbeitssuchenden über 50 durchaus bewusst. Auf der anderen Seite werden sich aber die Fimen des demografischen Wandels immer mehr bewusst. "Es gibt kein Erkenntnisproblem, aber ein Umsetzungsproblem", meint Heiko Lüdemann dazu. Der Gründer des Karrierenetzwerks CoachAcademy trainiert Fach- und Führungskräfte der kritischen Altersgruppe, aktuell gerade die auf dem Arbeitsmarkt so gesuchten Ingenieure. Aber in den meisten Fällen würde ihnen, trotz passgenauer Qualifikationen eine Absage erteilt. "Das darf natürlich niemand so sagen, aber der einzige Hinderungsgrund für eine Festanstellung ist das Alter."

Coach Lüdemann ärgert sich über die Einstellungspolitik der Personalabteilungen besonders, weil er von der Qualifikation und dem Engagement seiner Teilnehmer überzeugt ist: "Die sind keinesfalls frustriert, sondern sehr flexibel, was den Ort, die Arbeitszeit und den Vertrag betrifft." Eine Einschätzung, die auch Rene Tollkühn, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft team.arbeit.hamburg. teilt. "Das gilt bei längerer Arbeitslosigkeit sogar für die Bezahlung. Die Möglichkeit wieder in Arbeit zu gelangen, wiegt mehr, als das ehemalige Gehalt."

Doch Alter und Langzeitarbeitslosigkeit sind immer noch K.o.-Kriterien auf dem Arbeitsmarkt, sagt Tollkühn, der das Projekt "mitnmang" vertritt. Die Initiative hat in zwei Jahren mehr als 500 über Fünfzigjährige, die länger als ein Jahr arbeitslos waren, zurück auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Aber eine Änderung in den Köpfen der Arbeitgeber kann Tollkühn dennoch nicht feststellen: "Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten." Nicht selten sei die Alterstruktur in den Unternehmen so jung, dass diese sich den Umgang mit Älteren gar nicht vorstellen könnten.

Vorurteile, Unkenntnis und vermeintliche rechtliche Schutzbestimmungen gelten als Haupthindernisse bei der Einstellung von Älteren: "60-Jährige meistern den Marathon, 70-Jährige erobern Universitäten, aber mit 50 sind wir schon zu alt für die Schreibtischarbeit", beklagt Heiko Lüdemann. Für den Berater sind die Antworten der Personaler auf die demografische Entwicklung in den meisten Fällen nur Worthülsen.

Eine Einschätzung, die Ben Krischausky, Sprecher des Demographie Netzwerkes ddn so nicht gel-

ten lässt. "Immer mehr Firmen erkennen, dass sie sich jetzt das Wissen der Älteren sichern müssen." Als Beispiele führt der Unternehmensberater die Deutsche Bank an, die kompetente Bankberater ins Haus zurückholte, weil die Kunden sich nicht von 30-Jährigen betreuen lassen wollten. Oder die Metro AG, die den Altersdurchschnitt ihrer Kunden zum Maßstab für die Altersstruktur der Beschäftigten machen will.

Kundennähe ist ein Motiv, sich wieder für ältere Arbeitnehmer zu öffnen, die Sicherung von Expertenwissen ein zweites. Zurzeit erprobt das Personalamt Hamburg einen Dialog zwischen Personalentwicklung und strategisch wichtigen Mitarbeitern vor der Pensionierung: Es soll den Wissenstransfer sichern.

Um mehr Bewegung in den Arbeitsmarkt zu bringen, müssten beide Seiten aufeinander zu gehen, mahnt Krischausky. Die Unternehmen dürften die Altersgruppe nicht stigmatisieren und mit besonderen Programmen ("Fit ab 50") abspeisen. Gerade junge Führungskräfte müssten entsprechend geschult werden. Denn grundsätzlich funktioniere ein Generationenmix im Team sehr gut, sagt Capgemini-Berater Sigmund Dawidowicz. Aber den Unternehmen fehle noch die Bereitschaft, sich systematisch darauf einzustellen.

Zum Abbau von Vorurteilen können auch die Älteren selbst beitragen. "Indem sie signalisieren, dass sie noch bis 67 dabei bleiben wollen und sich nicht mit Themen wie Altersteilzeit oder Frühverrentung beschäftigen", sagt Ben Krischausky. Außerdem sollten sie sich ihre Kompetenzen bewusst machen - auch diejenigen, die sie außerhalb des Unternehmens an der Volkshochschule oder im Privatleben erworben haben. Selbst daraus könne man eine berufliche Perspektive entwickeln, ist der 55-Jährige überzeugt.

Genau das hat Angelika Wankelmuth getan. Die 54-jährige ist Diplom-Chemikerin, hat ein behindertes Kind großgezogen und zuletzt im Body-Shop im Hauptbahnhof als Verkäuferin gearbeitet. Als dort Personal abgebaut wurde, rutschte die Witwe in Harz IV ab. "Das ist schrecklich, immer nur auf Grenzen zu stoßen. Ich habe doch so viele Fähigkeiten", sagt sie. Darum will sie jetzt Grenzen überschreiten. Für eine deutsche Familie in Irland übernimmt Wankelmuth das "Housekeeping". Kost und Logis hat sie frei und verdient 1000 Euro. "Meine Kinder unterstützen mich, auch wenn sie meinen Umzug mit gemischten Gefühlen sehen." Angelika Wankelmuth erwartet ein Land, das sie bisher nur aus Büchern und Filmen kennt und dessen Sprache sie nur mittelmäßig spricht. Trotzdem freut sie sich auf den Neuanfang und hat eine ungeheure Motivation, ihn zu bewältigen.


Buchtipp: Zu jung für die Rente - zu alt für den Job? Warum ältere Arbeitnehmer wieder gute Chancen haben. Von Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader. Eichborn, 165 Seiten, 14,95 Euro.

 

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