Serie: So arbeiten wir morgen (Teil 16)
Eigene Ideen verwirklichen
Gründer nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Ihr Mut wird von vielen Seiten unterstützt.
Aller Anfang ist schwer. Als Vanessa Kullmann vor zehn Jahren ihren ersten Balzac-Coffeeshop in den Colonnaden eröffnete, stellte sie fest, dass ihre Kunden den Milchschaum vom Cappuccino löffeln möchten. Die damals 24-Jährige hatte aber nur Holzstäbchen nach amerikanischem Vorbild zum Umrühren da, keine Löffel. Also lief sie los, um sich im nächsten Kaufhaus mit Plastiklöffeln einzudecken. Auch dass sie den Kaffee im Pappbecher mitnehmen sollten, behagte den Hanseaten zunächst gar nicht - bis jeder Balzac-Mitarbeiter dazu verdonnert wurde, den Laden nur mit einem Becher in der Hand zu verlassen. Der Ausgang dieser Trendsetter-Initiative ist bekannt.
"Kaum hatte ich ein Problem gelöst, standen bereits zehn neue an. Aber fast ohne dass ich es merkte, ging es voran", erinnert sich Vanessa Kullmann. Inzwischen wurde ihr Gründermut belohnt: 2005 erhielt sie den Hamburger Gründerpreis, und 2006 wurde sie mit der Verleihung der Existenzgründer-Auszeichnung "Prix Veuve Cliquot" zur Unternehmerin des Jahres gekürt. Aus dem einen Shop von vor zehn Jahren ist eine Kette mit 35 Filialen in Hamburg, Berlin, Hannover, Lübeck und Köln geworden.
Gemäß diesem positiven Beispiel zeigt sich Jürgen Mehnert vom Gründerzentrum der Handelskammer Hamburg denn auch überzeugt: "Selbstständigkeit ist mit Sicherheit ein Modell der Zukunft." Es entspreche sowohl den Zeitumständen als auch dem zunehmenden Bedürfnis der Menschen nach "selbstbestimmter Arbeit - die ist in der Selbstständigkeit gegeben. Zudem wird heute kaum noch von der Lehre bis zur Rente in einem einzigen Unternehmen gearbeitet." Dem stimmt Zukunftsforscher Professor Horst W. Opaschowski zu. Er konstatiert in seinem Buch "Deutschland 2020": "Der Struktur- und Wertewandel in der Arbeitswelt hat die Suche nach Identität und Sinnorientierung des Lebens grundlegend verändert, zumal der Jobwechsel und nicht mehr der Beruf fürs Leben zur Normalität wird. Arbeiten gegen Geld als ganz persönliche Herausforderung zwischen Glücksempfinden und Lebenserfüllung ist eher ein Privileg, das nur mehr wenigen vorbehalten bleibt - am ehesten noch den Selbstständigen und Freiberuflern." Dabei sei der Schritt in die Selbstständigkeit keineswegs unumkehrbar, betont Mehnert. Das in der modernen Arbeitswelt allgegenwärtige Wort "Flexibilität" trifft es auch hier: "Der Wechsel von Unternehmen zu Unternehmen nimmt zu, aber auch der Wechsel von der Selbstständigkeit zur Unselbstständigkeit und zurück. Selbstständigkeit ist nicht mehr unbedingt auf das ganze Erwerbsleben hin ausgerichtet." Und so verzeichnet Mehnert ein steigendes Interesse an der freien wirtschaftlichen Existenz. "2006 hatten wir gut 4600 Einstiegsberatungen, 2007 waren es knapp 5600."
Für einen Karrierestart im eigenen Unternehmen haben sich auch Adrian Koch, Finn Seliger und Jan Werkmeister entschieden. Gleich nach ihrem Medientechnik-Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften gründeten sie 2007 das "Periscope Studio Hamburg" - und legten einen fulminanten Start hin. Als erstes Hamburger Jungunternehmen erhielten sie das mit 94 000 Euro dotierte EXIST Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi).
Ihre innovative Geschäftsidee: eine intelligente Musiksteuerung für interaktive Medien wie etwa Spiele. "Unser Produktionsverfahren bietet eine echte musikalische Interaktivität, wie sie im Grafischen schon längst Realität ist. Die Musik reagiert auf die jeweilige Spielsituation. Heroische Klänge begleiten den erfolgreichen Spieler, die Töne werden leise und langgezogen, wenn er sich verstecken muss, oder werden schnell und rasant auf der Flucht. Es ist, als würde ein Orchester neben ihm sitzen und seine Aktionen begleiten."
Lesen Sie am nächsten Wochenende: Teil 17 - Interimsmanager




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