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Karriere

Stressfaktoren: Immer mehr Herzinfarkte bei Frauen

Multitasking ist ein Mythos

Expertinnen und die Forschung sind sich einig: Mehrere Dinge gleichzeitig erledigen können weder Frauen noch Männer.

Susanne Reinker hat alles gegeben, ihre Zeit und den vollen Einsatz für die Firma. Und damit ist die ausgebildete Übersetzerin ganz schön weit gekommen: Als Pressesprecherin für den Deutschen Film im Ausland ist sie zwischen Cannes, Venedig und Berlin hin- und hergejettet, hat ein Team von Mitarbeiten geführt, für deutsche Filme geworben und dabei auch mal eitle Filmstars vermarktet. Aber irgendwann hatte sie ihre Schmerzgrenze erreicht. Heute sagt sie: "Die Filmbranche ist eine Männerwelt, und ich trat auf der Stelle."

Mit 40 Jahren tauschte die Pressefrau darum Pumps und Puder gegen Turnschuhe und T-Shirt. Seitdem pendelt sie zwischen Südfrankreich, wo ihr Mann lebt, und ihrer Schreibwerkstatt in Düsseldorf, wo sie ihre Erfahrungen aus der Berufswelt weitergibt, hin und her. "Damit andere Frauen nicht über dieselben Phänomene stolpern wie ich", sagt Susanne Reinker zu ihrer Motivation befragt. Sie ist davon überzeugt: Zusätzlich zum ohnehin bestehenden äußeren Druck, sich in einer Männerdomäne beweisen zu müssen, kämen noch "typisch weibliche" Stressmacher wie Perfektionismus oder Selbstzweifel hinzu. "Stress hat man nicht, Stress macht frau sich", bringt es die Autorin auf eine pointierte Formel.

Frauen merken es schneller, wenn sie überlastet sind Ob denn Männer wirklich stressfreier durch die Geschäftswelt marschieren? "Was für ein Schmarren", entgegnet die Trainerin Sabine Asgodom. "Aber Frauen haben die weitaus bessere Balance", ist sich die Ratgeber-Autorin sicher. Denn Frauen nähmen sich und ihren Körper ernster als Männer. Dadurch merkten sie auch früher, wenn damit etwas nicht stimme. "Männer fallen eher mal vor lauter Arbeit tot um, weil sie die Warnsignale ihres Körpers nicht wahrnehmen wollen." Ständig unter Strom zu stehen, sei für viele Männer sogar ein Zeichen für Erfolg und mache sie geradezu stolz. Das hat auch die Journalistin Carola Kleinschmidt beobachtet.

Aber die Diplom-Biologin kennt auch die Tatsachen: Danach sind bei Männern psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch, bei Frauen die Herzinfarkte. Beide Erkrankungen gelten als Folgeerscheinungen von Stress - und in der Häufigkeit des Vorkommens gleichen sich die Geschlechter anscheinend inzwischen an.

Grundsätzlich hält es Stressexpertin Carola Kleinschmidt für schwierig, von den Krankheitsbildern geschlechtsspezifische Rückschlüsse zu ziehen, obwohl laut aktuellem DAK-Gesundheitsreport 12,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage der Frauen auf psychische Erkrankungen zurückgehen. Bei Männern sind es nur 8,4 Prozent. Aber dafür sind zwei von drei Menschen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen, Männer. Doch geben sie sich oft widerstandsfähiger als sie sind. "Depressionen werden bei Männern seltener erkannt und behandelt, aber das heißt nicht, dass diese nicht unter den Belastungen am Arbeitsplatz leiden", gibt Biologin Kleinschmidt zu bedenken.

Psychische Erkrankungen nehmen drastisch zu Der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) stellt der hiesigen Arbeitswelt insgesamt ein schlechtes Gesundheitszeugnis aus. "Während die Zahl der Arbeitsunfälle zurückgeht, nehmen psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen drastisch zu", sagt Christa Schaffmann, Sprecherin des Berufsverbands. Die Ursachen sind für Männer und Frauen gleich: Zeitdruck, Komplexität der Arbeit, fehlende Partizipationsmöglichkeiten listet etwa der BDP auf. Nimmt man wissenschaftliche Studien zusammen, treten immer wieder drei große Themenblöcke zutage, wie Carola Kleinschmidt beobachtet hat: "Das sind Zeitdruck, Unsicherheit und Mangel an Wertschätzung."

Die beruflich geforderte Flexibilität führt aber insbesondere bei jenen Frauen zu psychischen Belastungen, die gleichzeitig noch mit Kind und Küche jonglieren. Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen mit Sitz im irischen Dublin hat die geschlechtsspezifischen Arbeitsbedingungen europaweit verglichen und festgestellt, dass die zusammengesetzte Arbeitszeit von Frauen - einschließlich der Wegzeiten und unbezahlter Arbeit zu Hause - tendenziell länger ist als die von Männern. Das Paradoxe daran: Einerseits gilt der Rollenwechsel zwischen Kind und Karriere als Multifunktionsstress, zum anderen aber ebenso als Stabilisator und Sinngeber. "Frauen wissen, dass es auch ein Leben außerhalb des Berufs gibt", sagt Carola Kleinschmidt, die selbst Mutter ist. Mehr private Aufgaben schützen möglicherweise sogar vor dem Dauerstress, den es mit sich bringt, wenn man stets und überall beruflich angesprochen werden kann: "Es ist nur halb so wahrscheinlich wie bei Männern, dass Frauen außerhalb ihrer Arbeitszeit beruflich kontaktiert werden", fand die Europäische Stiftung heraus.

Multifunktion ist damit also kein eindeutiger Stressfaktor, doch das weibliche Multitasking hat sich längst als Mythos entpuppt: "Wer gleichzeitig telefoniert und Mails checkt, macht beides langsamer und mit Unterbrechungen", sagt Carola Kleinschmidt. Das habe die Hirnforschung erwiesen. Effektiv sei Multitasking somit nicht. "Weder bei Männern noch bei Frauen."

Bleibt noch ein Stressfaktor, mit dem zumindest weibliche Führungskräfte zu rechnen haben: In höheren Positionen müssen sie nicht selten beweisen, dass sie, "obwohl weiblich", gut sind. Carola Kleinschmidt: "Dieses In-Frage-gestellt-Werden ist für die Psyche sehr anstrengend und passiert Männern viel seltener."

 

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