Serie: Was Firmen attraktiv macht (Teil 6)
Jeder trägt Verantwortung
Der Angestellte als Unternehmer ist ein Konzept mit Zukunft.
"Die Mitarbeiter geben doch nicht ihr Gehirn an der Firmentür ab", sagt Iris Wagner voller Überzeugung. Seit 30 Jahren führt sie mit ihrem Mann Heinrich die von ihren Eltern in Lübeck gegründete Parfümerie Schuback - und lässt ihre Angestellten nach einem ganz besonderen Personalkonzept arbeiten: Bei Schuback gibt es keine Filialleiter, alle Mitarbeiter sind gemeinsam für ihr Geschäft verantwortlich.
So gibt es statt verantwortlichen Managern und ausführenden Mitarbeitern viele "Unternehmer im Unternehmen". "Jeder hat zwar seinen eigenen Bereich, ist für Dekoration, Personal oder Workshops zuständig, aber gleichzeitig wissen alle dank eines täglichen Meetings und eines sogenannten Info-Buchs über die Gesamtsituation Bescheid", erklärt die Chefin. "Wenn ich in die Filiale komme, kann ich jeden zu jedem Thema ansprechen." Iris Wagners Philosophie ist kein aufgesetztes Konzept, sondern über Jahrzehnte gewachsen. Durch das in sie gesetzte Vertrauen hätten die Mitarbeiter mehr Freude an der Arbeit, sagt die Inhaberin. "Und das strahlen sie aus."
"Internes Unternehmertum bedeutet, dass der Mitarbeiter so handelt, als wäre es seine eigene Firma", erklärt Susanne Tertilt, Inhaberin der Unternehmensberatung strategie M. Das beginne schon bei kleinen Dingen wie Material sparen und reiche bis zu umsatzfördernden Themen wie schnelle Reaktionszeiten auf Kundenanfragen. Arbeiten Mitarbeiter unternehmerisch, kann sich die Firma nicht nur über eine dynamische Atmosphäre freuen. Denn: "Die Mitarbeiter kennen ihren Arbeitsplatz selbst schließlich am besten. Sie wissen, an welchen Schrauben sie drehen müssen, um ihre Arbeit effektiver zu machen", sagt die Beraterin. Zum Wohle des Unternehmens - und zu ihrem eigenen: "Auch die Mitarbeiter leben schließlich von ihren Erfolgen."
"Die Beschäftigten sind bereit, Verantwortung zu übernehmen", sagt Dr. Klaus-D. Curth, Inhaber der gleichnamigen Unternehmensberatung. "Aber sie wollen auch die entsprechende Wertschätzung erfahren", betont er. Und dazu gehört zunächst einmal, dass die Freiräume gewährt werden, um überhaupt Unternehmer im Unternehmen werden zu können. Ein weniger ausgeklügeltes Kontrollsystem sei zum Beispiel Teil des Konzepts, sagt Klaus-D. Curth. "Und auch mehr Akzeptanz und Unterstützung in der persönlichen Entwicklung." Denn Mitarbeiter unvorbereitet in die "Selbstständigkeit" zu schicken, ist gefährlich: "Wenn Teams, in denen es keine Leiter gibt, nicht gelernt haben, mit Spannungen umzugehen, kann das problematisch werden", sagt der Berater. "Oder es entwickeln sich Rituale in einem ungeleiteten Team, die neuen Mitarbeitern den Einstieg erschweren."
"Ob internes Unternehmertum funktioniert, hängt vor allem von der Firmenkultur ab", sagt Susanne Tertilt. "Man kann nicht jemandem sagen: Du sollst selbst entscheiden. Und gleichzeitig will der Vorstand jeden Schritt abzeichnen." Um Eigenverantwortung der Beschäftigten zu fördern, sind Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungen ein gutes Mittel, meint die Beraterin. "Darin legt man keine kleinteiligen Vorgaben fest, sondern das große Ziel. Auf welchem Weg der Mitarbeiter da hinkommt, bleibt ihm selbst überlassen." Denn oft seien es die Strukturen und Rahmenbedingungen in einer Firma, die dem internen Unternehmertum entgegenstünden. "Warum sonst können Angestellte in ihrer Freizeit 10 000 Euro für das neue Feuerwehrhaus ihrer Gemeinde sammeln, aber nicht die Verkaufszahlen ihrer Abteilung steigern? Das liegt nicht an den Menschen."




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