Berufsorientierung: Schulen arbeiten verstärkt mit Firmen zusammen
Viertklässler in die Betriebe!
Hamburger Lehrer sollen mehr Wissen über die Arbeitswelt vermitteln.
Ein Herz aus Aluminium hat die Klasse 4b der Schule Langbargheide gefertigt, "eines, das nicht kaputt geht und nicht verrosten wird", schreibt Levent über den Klassenausflug zum Berufszentrum Metall in Altona (BZM). Aber nicht nur die Jungen sind stolz auf ihre Arbeit und beeindruckt von den Maschinen. Auch die Mädchen jonglieren mit Begriffen wie Bügelsäge oder Blechschere und schmieden neue Berufspläne. "Als wir die Maschinen angeguckt haben, war das richtig cool. Das BZM ist wie eine Schule, wo man lernen muss, mit den Maschinen umzugehen", berichtet Alexandra.
Berufsorientierung ist in Hamburger Schulen laut Schulgesetz eine übergeordnete Bildungs- und Erziehungsaufgabe. Jede Schule muss dazu über die gesamte Schulzeit hinweg ihren Beitrag leisten, einzelne Fächer ganz besonders. So steht schon in der Grundschule das Lernfeld "Arbeitswelten, Wirtschaft und Konsum" im Rahmenplan für den Sachunterricht. Viele Viertklässler besuchen dann die Feuerwehr, den Förster oder den Flughafen. Die Luruper Grund-, Real- und Hauptschule will dabei Migranten, Mädchen und Metall kombinieren. Ein Beispiel für gelebte Berufsorientierung, wie Schulleiterin Annette Berg betont: "Wir machen den Hoffnungslosen wieder Hoffnung." Etwa wenn die Schüler der "KooBi-Klasse" (Abkürzung für "Kooperatives Bildungsangebot") zwei Tage wöchentlich im Betrieb verbringen und drei Tage in der Schule selbstorganisiert lernen. Diese Klasse bestehe aus 18 sogenannten Hochrisikoschülern, sagt Berg. Aber auch alle anderen Hauptschüler der Klasse 9 lernen einen Tag pro Woche in Betrieben ihrer Wahl.
Dieses Prinzip heißt Praxis-Lerntag, beginnt in der Regel mit einer Praktikumswoche und mündet in eine besondere betriebliche Lernaufgabe. Beispiele: das Legen einer Dauerwelle in einem Friseurbetrieb oder der Bau einer kleinen Truhe beim Tischler. "Die Lernaufgabe wird bewertet und im Zeugnis ausgewiesen. Damit gewinnt das Praktikum enorm an Bedeutung", sagt Oberschulrat Alfred Lumpe. Der Praxis-Lerntag ist die Antwort auf überzogene Erwartungen an das verbindliche Betriebspraktikum, das, beschränkt auf drei Wochen, eben doch häufig unverbindlich bleibt. Über die Hälfte der Hauptschulen setzen daher bereits auf den Praxis-Lerntag. Die Schüler organisieren dafür zwei Betriebe und können diese ganz praktisch von sich überzeugen. "Das wird auch von den Betrieben sehr gut aufgenommen", sagt Lumpe. Aber trotz vieler guter Erfahrungen könne man das Angebot nicht zum Pflichtprogramm machen, denn es verlange sehr viel Koordination von den Lehrern.
Für Lumpe ist das Thema Berufsorientierung in Hamburger Schulen eine Erfolgsgeschichte. "Das hat im Bewusstsein der Lehrer heute einen viel höheren Stellenwert als noch vor fünf Jahren." Allerdings, so klagen viele Personalleiter, hätten manche Lehrer immer noch keine Kenntnisse von der betrieblichen Wirklichkeit. Die Folge: Junge Menschen drängen völlig unvorbereitet auf den Arbeitsmarkt und erleben frustrierende Bauchlandungen. "Die Qualität vieler Bewerbungen ist wirklich erschreckend - inhaltlich und formal", sagt Jörg Zühlke, Personalleiter der Dresdner Bank Region Nord.
Lumpe ist jedoch zuversichtlich, dass auch diese Wissenslücken bei Lehrern und Schülern nach und nach geschlossen würden. "Heute geht es um eine Anschlussorientierung und mehr Eigenverantwortung", so Lumpe. Ein Baustein, der die Sekundarschüler dabei unterstützen soll, ist der Berufswahlpass, ein Ordner, der alle Schritte zur Berufswahlentscheidung und den erworbenen Fähigkeiten bereits ab Klasse 7 dokumentiert. Ein weiteres wichtiges Element sei die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle Ausbildung, an der bereits 80 große Hamburger Unternehmen unentgeltlich mit Beratungs- und Ausbildungsplatzangeboten mitarbeiteten.
Für dieses Netzwerk aus allen Hauptschülern, Lehrern und Betrieben erhielt Hamburg in 2005 den Carl-Bertelsmann-Preis. Aber nicht immer kommt das prämierte "beste Übergangsmanagement Europas" bei den Ausbildungsbetrieben an. "Wir haben Probleme, geeignete Bewerber zu finden", sagt Hans-Peter Meinold, Ausbildungsleiter bei Lufthansa Technik. Auf 100 Ausbildungsplätze bewerben sich zwar auf dem Papier 5000 Schulabgänger. "Darunter sind aber viele fehlerhafte Bewerbungen, die überhaupt nicht auf unsere Angebote passen." Meinold fordert mehr Verständnis für Physik, technische Zusammenhänge und bessere Mathekenntnisse.
Also doch wieder mehr Fachunterricht? "Berufsorientierung geht nicht zu Lasten des Fachunterrichts", sagt Oberschulrat Lumpe. Es sei aber richtig, dass Hamburger Schüler in ihren Leistungen besser werden müssten. "Wir liefern oft nicht die Qualität, die Ausbildungsbetriebe erwarten." Worum es denen geht, wissen vor allem die Schulen, die schon das Qualitätssiegel "Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung" haben. 33 Schulen sind es bereits, fünf weitere wurden soeben ausgezeichnet - darunter die Schule Langbargheide.



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