Dienstag, 14. Februar 2012, 10:21

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Karriere

Stellensuche: Unseriöse Angebote über die Arbeitsagentur

"Psst, brauchste 'nen Job?"

Wenn sich das Vorstellungsgespräch als Verkaufsveranstaltung entpuppt.

Arbeitslosigkeit. Ein deprimierendes Wort für knapp vier Millionen Deutsche. Ein lukratives Geschäft für diejenigen, die es verstehen, die Hoffnung auf Arbeit in bare Münze umzuwandeln. Auf dem Stellenmarkt tummeln sich nicht wenige schwarze Schafe.

Das Internetportal der Agentur für Arbeit indes, www.arbeitsagentur.de, gilt als vertrauenswürdig. Doch auch diese Plattform nutzen dubiose Firmen für ihre Geschäfte. Die Schwachstelle: Jeder kann dort Angebote ungeprüft einstellen. Auch die Sachbearbeiter in den JobCentern haben manchmal keine Ahnung, wohin sie ihre Schützlinge vermitteln. So erhielt eine Berlinerin über die Agentur ein Stellenangebot ohne jegliche Tätigkeitsbeschreibung von einer angeblichen Unternehmensberatung mit der Anmerkung: "Angenehmes Wohnen im Hause wird ermöglicht. Frau mit Kind angenehm. Bitte Foto." Eine andere, die als Barfrau arbeiten wollte, wurde ins horizontale Gewerbe vermittelt.

Eine besondere Erfahrung haben jetzt Arbeitssuchende in Berlin gemacht. Das Vorstellungsgespräch findet in einem noblen Hochhaus am Potsdamer Platz statt. Die Bewerber sind perfekt qualifiziert: Martin Hartmann hat gerade sein Übersetzer-Studium abgeschlossen. Auch Miriam Meier (Namen geändert) ist geprüfte Übersetzerin.

Das Sprachinstitut dm-Lingua mit Niederlassungen in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Lüneburg und Moskau sucht "freiberufliche Dolmetscher und Übersetzer für alle Sprachen in Vollzeit". Hartmann hat das Job-Angebot im Stellenpool der Arbeitsagentur gefunden. Meier bekam es von ihrer Sachbearbeiterin zugeschickt. Im Vorzimmer treffen sie auf weitere Bewerber. Alle müssen zunächst einen Anmeldebogen ausfüllen. Auf der Rückseite sollen sie mit Kugelschreiber einen Baum zeichnen - warum, bleibt unklar.

David Mikaelian, Chef des Sprachinstituts, empfängt immer zwei Kandidaten auf einmal. Der Armenier, der in Moskau studiert hat, vor 15 Jahren nach Hamburg kam und dort 1999 sein Sprachinstitut gründete, präsentiert sich auf seiner Internetseite als aufstrebender Geschäftsmann mit besten Verbindungen zu Politik und Kultur. Seine Firma, die mit dem Slogan "Ihre Sprache sprechen wir" wirbt, bietet Übersetzungen in 90 Sprachen an. Mikaelian schenkt Wasser ein und plaudert. Doch über Arbeitsbedingungen, Bezahlung oder künftige Aufträge erfahren die Bewerber nichts. Mikaelian macht lediglich klar, dass er Übersetzer braucht, die auch als Dolmetscher einsetzbar sind. Dafür müssten sie sich zuerst fortbilden. Er drückt ihnen einen Prospekt mit Seminaren seines Instituts in die Hand und empfiehlt ein Rhetorik- und Sprechtraining zum Preis von 192 Euro sowie eine dreistündige Einführung in das Dolmetschen für 150 Euro. Für künftige Mitarbeiter gelte ein Sonderpreis von 298 Euro für beide Kurse.

"Grundsätzlich kann ein Arbeitgeber von seinem künftigen Mitarbeiter eine Weiterbildung verlangen", sagt Holger Lunau, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Berlin. Der beschriebene Fall erscheint ihm aber dubios. Wer aufgefordert werde, vor Arbeitsbeginn in die Tasche zu greifen, solle das Angebot genau prüfen lassen. Für kriminell hält er das Ganze allerdings nicht.

Gibt es keinen Schutz vor dubiosen Jobs bei der Arbeitsagentur? "Wie überall sonst gibt es auch hier schwarze Schafe", sagt Heinz Oberlach, Sprecher der Bundesanstalt in Nürnberg. "Und zwar auf beiden Seiten - bei den Arbeitgebern und den Job-Suchenden. Jeden Einzelnen im Vorfeld zu überprüfen, ist für uns so gut wie unmöglich." Wer unseriöse Angebote einstelle, müsse allerdings mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Betroffene sollten deshalb nicht zögern, die Arbeitsagentur zu informieren, "wenn ihnen etwas komisch erscheine". Nur so könne dubiosen Anbietern das Handwerk gelegt werden.

Nach dem Vorstellungsgespräch am Potsdamer Platz erhalten die beiden Bewerber immer wieder E-Mails und Anrufe des Instituts mit Einladungen zu den Seminaren. Ein paar Wochen später flattert ihnen ein Probeauftrag ins Haus. Sie sollen einen Text übersetzen - ein erster Auftrag, der "leider nicht vergütet werden kann". Vor der Masche mit unbezahlten Probeübersetzungen warnt Esther Trancón, Sprecherin des Verbands Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland (ADÜ Nord). Weitere Aufträge folgten meist nicht. Im ADÜ Nord ist auch David Mikaelian Mitglied. Trancón kann sich allerdings nicht vorstellen, dass jemand aus ihrem Verband dubiose Methoden anwenden könnte.

Auf Fragen zu seinem Geschäftsgebaren reagiert Mikaelian gereizt. Sein Unternehmen sichere mit den Seminaren die Qualifikation der Mitarbeiter. Dass er Bewerber dazu anhalte, ein Seminar zu besuchen, nur um an Aufträge zu kommen, sei eine "unverschämte Behauptung". Auch übernehme die Arbeitsagentur die Gebühren, wenn Bewerber Anspruch darauf hätten. "Und wer mit dem Seminar nicht zufrieden ist, bekommt sein Geld zurück." Doch dieser Fall sei unwahrscheinlich. Hunderte von Feedback-Bögen belegten, wie begeistert die Teilnehmer seien. Überhaupt könne sich dm-Lingua vor Bewerbern kaum retten. Mikaelian: "Wir haben im Jahr bundesweit mindestens 600 Bewerber."

Im Stellenpool der Arbeitsagentur wurde das Angebot innerhalb von zweieinhalb Monaten fast 1800-mal aufgerufen. Offensichtlich ist das Sprachinstitut so sehr mit seinen Bewerbern beschäftigt, dass es sich kaum noch um sein Kerngeschäft kümmern kann. Diverse Versuche, sich per E-Mail zu einem Sprachkurs anzumelden oder einen Kostenvoranschlag für eine Übersetzung zu bekommen, blieben ohne Antwort.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus