Klartext: Rolf Jahncke
"Ihr wart nicht spannend genug"
Warum sich Zuhörer über schlechte Redner ärgern.
ABENDBLATT: Welche typischen Fehler werden beim Sprechen gemacht?
JAHNCKE: Wir haben in der deutschen Hochsprache ja nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch eine Rechtaussprache. Da ist unter anderem festgelegt, wie Endungen auszusprechen sind. Endungen auf -ig etwa werden weich ausgesprochen - "etwas ist billich", "das ist ein Könich". Wenn ein eloquenter Moderator wie Günther Jauch, der vielen ja auch ein Vorbild ist, kein weiches "g" sprechen kann, sondern immer nur "billik" und "wenik" sagt, dann zieht es mir die Schuhe aus. Darüber hinaus gibt es viele lächerliche Anglizismen oder Verbindungen von englischen und deutschen Worten, wie etwa den "Shirt-Laden". Außerdem wird falsch gesteigert: Das "einzigste" Mal - einzig kann man aber nicht steigern. Und noch ein Beispiel: "Sie ist die einzige weibliche Kandidatin" - so etwas hört man täglich. Das ist doppelt gemoppelt. Ich habe selten männliche Kandidatinnen gesehen.
ABENDBLATT: Welche Auswirkungen hat das?
JAHNCKE: Es beleidigt mein Ohr. Dem normalen Bürger, der es nicht besser gelernt hat, dem nehme ich nichts übel. Aber Leuten, die in der Öffentlichkeit auftreten - Politiker, Schauspieler, Moderatoren. Wenn die es nicht können, ist das schlimm.
ABENDBLATT: Warum? Macht das die Sprache ärmer?
JAHNCKE: Es macht sie nicht nur ärmer, es macht sie unsinnig. Es verhunzt die Sprache. Wenn das Einzigste dann auch nicht mehr ausreicht, wird es das Allereinzigste oder was weiß ich. Die großen Sprachgenies - Goethe, Lessing, Büchner - hätten so etwas nicht gemacht. Man mag von Schillers Glocke halten, was man will, aber da kann man lernen, wie man mit Sprache umgeht und sprachliche Bilder erstellt, die griffig sind. Das werfe ich unseren Politikern vor, wenn sie Reden halten: Die sind so langweilig, dass sie an einem vorbeirauschen. Und das ist so, weil sie keine plastischen Bilder erstellen können.
ABENDBLATT: Was macht einen guten Redner aus?
JAHNCKE: Er soll kurz, aber deutlich sprechen. Und interessant. Das sage ich auch zu Kollegen, die von der Bühne kommen, und sagen, "Schlechtes Publikum heute": Es gibt kein schlechtes Publikum. Ihr wart nicht spannend genug. Das gilt genauso für Reden im beruflichen Umfeld.
ABENDBLATT: Aber wer braucht denn richtiggehend Nachhilfe in Rhetorik?
ROLF JAHNCKE: Viele. Fachlich wissen sie alles, aber wenn sie vor Publikum sprechen müssen, beginnen sie zu zittern, bekommen Schweißausbrüche, ihre Stimme versagt. Wie zum Beispiel der Kassierer in einem Verein, der einmal im Jahr den Kassenbericht abliefern muss - und dem dann die Stimme wegbleibt.
ABENDBLATT: Und dem hilft ein Rhetorik-Seminar?
JAHNCKE: Ja, aber nicht eines, das nur zwei Tage dauert. 70 bis 80 Prozent dieser Kurse bringen nichts, den Leuten wird nur Geld aus der Tasche gezogen. Ich höre von vielen Menschen, die ein Rhetorikseminar besucht haben, dass sie die Theorie und die Technik gut beherrschen - aber dass sie dann trotzdem wieder nervös werden, wenn es darauf ankommt. Was kann man auch in zwei Tage lernen? Redenaufbau, Argumente setzen - die rhetorischen Kniffe eben. Doch das Wichtigste ist, von Grund auf Atmen und Sprechen zu lernen. Und dabei helfen zwei Begriffe: Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Wenn ich meiner selbst bewusst bin und weiß, was in meinem Körper beim Sprechen vor sich geht, bin ich meiner auch sicher und kann gut öffentlich sprechen.













