Hamburgs Hafen braucht Regisseure
Logistik: Mehr Akademiker und Facharbeiter werden ausgebildet. Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Jobs im Warenfluss um 14 000 steigen.
Der Härtetest muss auf hoher See bestanden werden, wie auf dem Weg nach Shanghai: Tagsüber heizen sich die Container in der schwülen Luft auf 50 Grad auf. Nachts kühlen sie ab, Wasserdampf kondensiert. Tropfen fallen von der Decke - und es "regnet" im Container. Zur klimatischen Belastung kommt die mechanische hinzu: "Wenn das Schiff abrupt die Lage verändert, wird die Ware schon mal mit der achtfachen Erdbeschleunigung bewegt", sagt Professor Henning Kontny. Beim Thema seegerechte Verpackung kommt der Logistikprofessor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) so richtig in Fahrt. Ist er doch zugleich Leiter des "Instituts für Beratung, Forschung, Systemplanung, Verpackungsentwicklung und -prüfung" (BFSV), das Logistiker bei der Verpackung berät.
Genau genommen gilt der Warenhärtetest den Logistikern selbst. Die Anforderungen an ihre Qualifikation steigen: "Denn die Transportwege werden immer länger, und es kommen immer neue Güter hinzu, die containerfähig gemacht werden müssen", erklärt Kontny. Viel zu tun also für den Verpackungsberater und auch für seine Studenten, die an der HAW gerade den neuen Bachelor-Studiengang Logistik belegt haben. 35 wurden unter 300 Bewerbern ausgewählt.
Der Andrang erklärt sich aus den guten Berufschancen, die Logistiker haben. Nach Angaben der Fachzeitschrift Personalwirtschaft zählt die Logistikbranche mit mehr als 2,5 Millionen Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Wie viele davon direkt oder indirekt im Hamburger Hafen beschäftigt sind, lässt sich nicht beziffern. "Es gibt keine Aufschlüsselung zwischen Logistik- und Hafen-Logistik-Arbeitsplätzen", sagt Christiane Kuhrt, Sprecherin der Hamburg Port Authority. Insgesamt liege die Zahl der hafenabhängigen Arbeitsplätze in der Metropolregion bei rund 156 000. Laut Wirtschaftssenator Uldall sollen bis 2015 rund 14 000 Logistik-Arbeitsplätze hinzukommen.
"Selbst wenn wir heute anfingen, könnte diese Zahl über die berufliche Erstausbildung nicht mehr erreicht werden", sagt Henning Scharringhausen, Geschäftsführer des Fortbildungszentrums Hafen Hamburg (FZH). Um Betrieben, die sich vergrößern oder sich hier neu niederlassen und den Hafen für Umschlag, Distribution und Lagerhaltung nutzen, qualifiziertes Personal zu sichern, hat das FZH den Zertifikatslehrgang "Hanselogistiker" entwickelt. Er bildet praxisbegleitend in den Modulen Wareneingang, innerbetrieblicher Transport, Lagerung, Kommissionierung sowie Warenausgang aus. Das Prinzip der bedarfsorientierten Qualifizierung wendet das FZH auch im Hafenumschlag an: 230 Fachkräfte für Containerumschlag bildet das Zentrum in diesem Jahr aus. 100 davon kommen allein bei Eurogate unter. Innerhalb von sechs Jahren habe die Terminal- und Logistik-Gruppe ihre Belegschaft um fast 60 Prozent auf jetzt 4250 Personen erweitert, sagt Eurogate-Personalleiter Jörg Breyer. "Im gewerblichen Bereich haben wir allein in Hamburg 600 junge Langzeitarbeitslose eingestellt."
Nach zwei Praxisjahren können sie den Titel Hafenfacharbeiter erwerben. "100 Hafenfacharbeiter bilden wir vermutlich schon in diesem Jahr aus, 2007 werden es doppelt so viele sein", schätzt Henning Scharringhausen. Für den FZH-Chef sind die Zahlen Beleg für die gestiegenen Qualifikationsanforderungen auch im gewerblich-technischen Bereich. "Die Beschäftigten haben eine enorme Verantwortung."
Hafenfacharbeiter sorgen dafür, dass die Ladung planmäßig in der Zeit zwischen An- und Abfahrt des Schiffes gelöscht wird. Bei großen Containerschiffen ist das die ein- und auslaufende Tide. "Alle zwei Minuten bewegt ein Brückenfahrer einen Container", erklärt Scharringhausen. Der Ladefluss darf nicht unterbrochen werden, sonst wird die Zeit knapp. Eine der Herausforderungen: Die Schiffe müssen so beladen werden, dass sie Teile ihrer Waren in unterschiedlichen Häfen löschen können, ohne dass die übrige Ladung zur Seite geräumt werden muss. Besonders im konventionellen Umschlag, etwa bei Schwergütern, die nicht im Container verstaut werden, müssen die Logistikwege gut durchdacht sein: "Eine Yacht oder eine Eisenbahn zu verstauen, klappt nur, wenn Hand in Hand gearbeitet wird", sagt Scharringhausen.
Um die Wettbewerbsfähigkeit in einem schnellen und globalen Markt zu erhalten, ist also Qualifizierung gefragt. "Das gilt erst recht für die Führungsebene", sagt Christian Jauernig. Der Unternehmensberater für Logistik und Organisation von "Logo-Team" schult und coacht Manager für die "neuen Dimensionen der Logistik", wie er sagt. "Gefragt sind betriebswirtschaftliche Kenntnisse, technisches Verständnis und Führungskompetenz in Personalunion." Das alte Denken der Versandleiter reiche nicht mehr aus. Gesucht seien Organisatoren und Vermittler, die sich auch international durchsetzen könnten. "Verhandlungssicher und einfühlsam", wie Christian Jauernig betont. "Logistiker brauchen ein Gespür für ihre Kunden und deren Anforderungen." Und die können sehr unterschiedlich sein, wenn es sich einmal um eine Papierfabrik und im nächsten Fall um einen Maschinenbauer handelt.
Die Erstsemester an der HAW bereiten sich darauf vor: Lagerplanung, Verpackungstechnik und interkulturelle Verhandlungsführung stehen auf ihrem Studienplan. Nach sieben Semestern sollen sie ins mittlere Management in Industrieunternehmen oder bei Logistikdienstleistern einsteigen, sagt Professor Kontny. Zwei, drei Jahre später können sie schon reif sein für die Werks- oder Geschäftsleitung: "In der Logistik wird sehr schnell sehr viel Verantwortung übernommen."



Heimat Krankenkasse
Hartmann
Dr. Borsay
Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



