Rückenbeschwerden: 30 Millionen Fehltage in Deutschland. Trotz ergonomischer Stühle: Das dauerhafte Sitzen führt zu chronischen Schäden.
Statistisch gesehen gingen 30 Millionen Arbeitstage im Jahr 2005 verloren. So häufig meldeten sich Arbeitnehmer in Deutschland auf Grund von Rückenerkrankungen arbeitsunfähig. Bei den Frauen waren es mit 12,4 Arbeitstagen noch zwei Tage mehr als bei den Männern. Doch das spreche keinesfalls für einen stärkeren männlichen Rücken, betont Alexandra Krotz von der Techniker Krankenkasse (TK): "Berufstätige Männer gehen nur seltener mit Rückenbeschwerden zum Arzt."
So gestalten Sie ihren Arbeitsplatz richtig
Ermittelt hat die Zahlen der Rückenbuch-Autor und Professor Dr. Dietrich Grönemeyer. Seine Untersuchungen haben weiter ergeben, daß 80 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Jahr an Rückenschmerzen leiden. 60 Prozent der Schulkinder haben bereits Haltungsschäden. 80 Prozent der chronischen Rückenerkrankungen entstehen durch eine vernachlässigte Muskulatur. Mit der Initiative "Rückhalt für Deutschland", die Grönemeyer gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse gestartet hat, soll der Teufelskreis aus Fehlhaltung, Verspannungen und Verschleißerscheinungen unterbrochen werden (im Internet: www.rueckhalt-fuer-deutsch land.de). Um vor Ort zu testen, wie es um die Rückengesundheit der Bundesbürger bestellt ist, ist die Initiative noch bis November auf Deutschland-Tour, vermißt, berät und appelliert: "Bürger, bewegt euch!"
Die bundesdeutschen Büros standen längst auf dem Prüfstand von Ergonomen, Physiotherapeuten und Büroeinrichtern. "Und die einzelnen Komponenten der Bildschirmarbeitsplätze sind oft gar nicht so schlecht", erklärt Dr. Armin Windel, Leiter der Fachgruppe Ergonomie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Meistens sei es das Gesamtsystem, das in sich nicht stimmig sei. "Dann hat man zum Beispiel einen guten Monitor, positioniert ihn aber zu hoch, so daß auch der Kopf permanent zu hoch getragen werden muß." Die Folgen sind Verspannungen, Nacken und oft auch Kopfschmerzen. Falsch aufeinander abgestimmt nützen eben auch Stehpulte, verstellbaren Bürostühle und flexible Flächen wenig.
"Der Computer dominiert auf dem Tisch, und die Augen und Finger sind alles, was sich vor der zweidimensionalen Bildschirmfläche bewegt", bemängelt der Hamburger Feldenkraislehrer Volker Timm. Der Inhaber der Firma Ergo vertreibt ergonomische Produkte und analysiert Arbeitsplätze nach körpergerechter Beschaffenheit. Sein Fazit: "Der Büromensch braucht mehr Veränderung." Denn wer am Computer sitze, müsse vier- bis fünfmal mehr Informationen verarbeiten als ohne digitale Technik, bekomme aber dabei keinerlei körperliche Anreize, sich zu bewegen. "Spätestens nach vier oder fünf Stunden sollte man den Rechner ausstellen und eine andere Haltung einnehmen." Doch Volker Timm weiß selbst, daß dieser Rat den modernen Büroanforderungen nicht gerecht wird.
Ergonomische Tische und Stühle allein reichen nicht - sie müssen auf die persönlichen Bedürfnisse des Nutzers eingerichtet werden. "Ein Büromöbel muß mir persönlich so passen wie ein Paar Schuhe", erklärt Timm.
Höhenverstellbarkeit ist dafür eine Grundvoraussetzung, und das in Zusammenhang mit einer einfachen Verstell-Technik: Tisch und Stuhl müssen schnell, ohne Werkzeug und ohne Abräumaktionen angepaßt werden können, mahnt das Deutsche Büromöbel Forum in seiner Broschüre "Büroarbeitsplätze" (Internet: www.buero-forum.de).
"Bei uns senken und neigen sich die Schreibtische per Knopfdruck", erklärt Hermann Henniger, Geschäftsführer der Werbeagentur Art-Werk. Ursprünglich eine Auftragsarbeit, sind die motorisierten Möbel inzwischen Bestandteil seiner Agenturkultur. "Eigentlich sollte man alle zehn Minuten zwischen Sitzen und Stehen variieren. Das regt die Blutzirkulation an und erhöht den Stoffwechsel." Aber der Geschäftsführer gibt zu, daß er nicht so häufig die Knöpfe bedient. Dennoch: Für Besprechungen und Konferenzen wird der Schreibtisch hochgefahren, und die Beteiligten stehen daran. "Das schafft eine viel aktivere Atmosphäre."
Die Büromöbelkosten sollten kein Kriterium der Arbeitsplatzgestaltung sein: Schließlich betragen sie nur etwa ein Prozent der Büro-Gesamtkosten, die Personalkosten dagegen rund 80 Prozent, wie das Deutsche Büromöbel Forum errechnet hat. Wenn es nicht am Geld liegt, dann am Wissen oder an der Bereitschaft, sich mit dem Thema Ergonomie auseinanderzusetzen. Vielleicht liegt es auch an den Grenzen des Machbaren, an die jede Arbeitsplatzgestaltung irgendwann stößt: Wenn der Mitarbeiter sich nicht bewegen will und nicht selbst für sportlichen Ausgleich sorgt, kann kein Büromöbel der Welt seine Gesundheit erhalten. "Doch leider ist die Eigenverantwortung derjenigen, die am Bildschirm arbeiten, nicht groß", bedauert Armin Windel von der BAuA. Grund sei jedoch meist weder Zeitmangel noch Faulheit. "Es ist eher das mangelnde Bewußtsein", so Windels Erfahrung. "Viele empfinden solche Unterbrechungen als lästig."
Alexandra Krotz von der TK folgert: "Das falsche, statische Sitzen ist nicht das Hauptproblem, sondern der Bewegungsmangel nach der Bürotätigkeit." Sie wünscht sich von den Büroarbeitern mehr Mut zur Bewegung nach Dienstschluß. Denn diese sei das beste Mittel gegen Verspannung und die beste Voraussetzung, um ungesunde Bürojobs zu überstehen. Es sei ein Fehler, das schmerzende Kreuz auch noch zu schonen.
Inzwischen unterstützen viele Unternehmen ihre Angestellten auch schon beim Fitnesstraining nach Feierabend. "Es gibt einen Trend, die Studiogebühren der Mitarbeiter anteilig zu übernehmen", sagt Rita Meyer, Inhaberin des Saseler Sportstudios Fital. Manche Konzerne bieten sogar noch für ihre Pensionäre Rückenschule und Sportkurse an. Ganz nach dem Motto Professor Grönemeyers: "Turne bis zur Urne!" Die Mitarbeiter müssen die Angebote nur noch nutzen.











