Das Ungewisse meistern
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 6). Was das Erklimmen alpiner Felswände mit dem Führen von Firmen zu tun hat.
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Der technologische Fortschritt, totale Vernetzung und die Globalisierung haben alte Spielregeln auf den Kopf gestellt. Unternehmen, aber auch der einzelne Mensch stehen vor neuen Herausforderungen. "Es gibt genug Beispiele traditionsreicher Unternehmen und ehemaliger Vorzeigebetriebe, die zeigen, daß bislang bewährte Vorgangsweisen nicht mehr ausreichend funktionieren. Berechenbarkeit und vorgefaßte Pläne entpuppen sich zunehmend als Illusion", sagt der Klagenfurter Management-Berater Rainer Petek. Der Weg in die Zukunft gleiche einer Expedition ins Ungewisse.
Peter F. Drucker, der große Vordenker des Managements, bestätigt diese Einschätzung: "In Wirklichkeit läuft nie etwas richtig. Immer kommt etwas Unerwartetes - das Unerwartete ist eigentlich das einzige, was man mit Sicherheit erwarten kann."
Eine bittere Einsicht für alle Controller-Naturen in den Unternehmen. Denn danach sind alle Budgetplanungen und Umsatzprognosen weitgehend Makulatur. Zumal viele Manager mit den permanenten Veränderungen überfordert scheinen. "In den letzten fünfzig Jahren haben wir uns an stetiges Wachstum und die damit verbundene Vorhersehbarkeit gewöhnt. Dabei sind unsere Fähigkeiten im Umgang mit dem Ungewissen verkümmert", erklärt Petek.
Der Österreicher ist Extrembergsteiger und überträgt Erkenntnisse aus dem alpinen Sport in die Sphäre des Managements. Sein Konzept stellt er in einem Buch vor, das im September 2006 erscheinen wird: "Mit dem Nordwand-Prinzip das Ungewisse managen" (Linde Verlag). Was können Menschen denn vom Besteigen etwa der Eiger-Nordwand lernen?
Rainer Petek: "Ich beobachte allerorts eine starke Getriebenheit bei den Entscheidungsträgern. Das scheint mir zum Teil daher zu kommen, daß mit nicht mehr passenden Vorstellungen und Konzepten versucht wird, die Zukunft unter Kontrolle zu bringen. Das klappt aber nicht mehr mit einem detaillierten Plan, der Idee eines linearen Vorgehens vom Ist zum Soll. Beim Extrembergsteigen hat das noch nie funktioniert. Du weißt nie, ob du den realen Schwierigkeiten der Wand gewachsen sein wirst und schon gar nicht, was noch zusätzlich an Unvorhersehbarem auf dich zukommen wird."
Wenn ein Bergsteiger sich so verhalte wie so mancher Unternehmenslenker, habe das fatale Folgen, meint der Universitätslektor: "Ein Extremkletterer, der sich mehr auf die Umsetzung seiner Ziele und Pläne konzentriert als auf eine dynamische Anpassung an die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen, kehrt irgendwann nicht mehr zurück."
Die großen Nordwände der Alpen - ob Eiger, Grandes Jorasses oder Walkerpfeiler - sind Symbole für extreme Rahmenbedingungen. "Beim Durchsteigen einer Nordwand geht es nicht nur darum, das Ziel zu erreichen, sondern vor allem darum, im Team einen schwierigen Weg zu begehen", erklärt Petek. "Genau diese Erfahrung bewirkt Transformation und persönliche Weiterentwicklung. Meine Erfahrung aus den Nordwänden ist, daß ich nach den Durchstiegen nicht mehr derselbe war. Das Erlebte hatte mich tief drinnen verändert."
Die Nordwand sei für ihn deshalb mehr als ein Symbol für ein unberechenbares und gefährliches Umfeld, sagt der 41jährige: "Das Bild der Nordwand steht auch für den notwendigen Mut, die vorgezeichneten Pfade zu verlassen und gemeinsam im Team einen eigenen Weg zu gehen."
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Mit dem Projekt WM 2006 hat er seine Nordwand durchstiegen und mit der Mannschaft und seinem Betreuerteam erfolgreich neue Wege beim DFB eingeschlagen.




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