"Was ihr macht, wird gebraucht"
Klartext: Thomas Johanssen. Eine zweite Chance für Hauptschüler ohne Abschluss.
ABENDBLATT: Die Produktionsschule Altona ist eine Alternative zum Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Was ist der Unterschied?
THOMAS JOHANSSEN: Wir haben deutlich betriebliche Strukturen. In unseren Werkstätten produzieren wir für den freien Markt, zu marktüblichen Preisen. So verbinden wir Arbeit und Lernen. Von den Kunden bekommen die Jugendlichen eine direkte Reaktion: Was ist gut, was schlecht? So lernen sie ganz praxisnah. Das BVJ ist im negativen Sinne verschult. Warum muß dort ein halbes Jahr an einem Hocker gebaut werden? Wir haben jetzt schon Tischlerei-Aufträge für nach den Sommerferien. Und uns unterscheidet die Atmosphäre: Wir sind kein anonymer Betrieb wie eine Schule mit 750 Schülern. Doch vor allem sind wir in der Abschlußquote viel erfolgreicher.
ABENDBLATT: Dafür kosten Sie aber doch auch mehr?
JOHANSSEN: Wenn man die Schulformen betriebswirtschaftlich vergleicht, sieht man, dass das nur so scheint. Wir kennen unsere Kosten sehr genau. Die staatlichen Schulen kennen nicht einmal ihre Mietkosten - dort ist so etwas schwieriger zu erfassen.
ABENDBLATT: In Dänemark gibt es viel länger und viel mehr Produktionsschulen. Warum nicht hier?
JOHANSSEN: Dort sind sie sehr erfolgreich. Arbeitslose junge Leute werden in einer Produktionsschule fit gemacht, ins Praktikum vermittelt - und erhalten meist wieder einen Arbeitsvertrag. In Deutschland ist Bildung Ländersache, und da jedes Land so vor sich hin agiert, ist es schwer, eine Entwicklung in Gang zu setzen.
ABENDBLATT: Sie haben 44 Schüler. Sind Sie ausgebucht?
JOHANSSEN: Für sie ist die Finanzierung durch die Bildungsbehörde und EU-Gelder gesichert. Wir könnten noch mehr Jugendliche aufnehmen - aber wir bekommen nicht mehr Geld. Aktuell suchen wir neue Sponsoren.
ABENDBLATT: Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen?
JOHANSSEN: Es sind vorrangig Hauptschüler ohne Abschluß. Wir unterrichten sie in Deutsch, Mathe und Englisch. Sie lernen, verbindlich und pünktlich zu sein, Verantwortung zu tragen, selbständig zu arbeiten, entwickeln Lust am Lernen. Von denen, die wir 2006 zur Hauptschulprüfung angemeldet haben, haben 80 Prozent bestanden. In der Regel finden 40 bis 50 Prozent einen Job oder eine Lehrstelle.
ABENDBLATT: Was hören Sie von Unternehmen, die Schüler von Ihnen übernommen haben?
JOHANSSEN: Im allgemeinen sind sie zufrieden. Doch es gibt auch Klagen, das Kommunikationsverhalten der Jugendlichen sei schwierig. Sie haben oft kein Gespür dafür, wie sie auftreten müssen, um einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Darum scheint es manchmal, als sei ihnen vieles egal. Aber nach meiner Erfahrung wirkt das oft nur so.
ABENDBLATT: Was wünschen Sie sich von Unternehmen?
JOHANSSEN: Mehr Bereitschaft, darauf zu achten, was Jugendliche wirklich können. Betriebe sollten Praktika nicht nur als Belastung sehen, sondern als Chance, Lehrlinge kennenzulernen. Man darf keine perfekt funktionierenden Jugendlichen erwarten, sondern junge, etwas unreife Menschen in einem Entwicklungsprozeß, den man ihnen auch zubilligen muß.
ABENDBLATT: Was können Schulen besser machen?
JOHANSSEN: Wir Pädagogen müssen mehr darauf achten, Jugendliche so weit zu bringen, daß sie sich sozial angemessen verhalten und daß sie begreifen, warum das auch für sie selbst nur von Vorteil ist. Wir müssen ihnen Zuversicht vermitteln. Wir können keine Lehrstellen schaffen, aber wir können den Jugendlichen sagen: "Was ihr macht, das wird auch gebraucht."



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