Der Gefahr trotzen
Serie: Grenzerfahrungen (Teil 2). Was Expeditionen ins Polareis mit Management zu tun haben.
"Wem nützt das eigentlich, was du da machst?" Diese Frage hört Arved Fuchs häufig. Seit 1977 unternimmt der Bad Bramstedter Expeditionen in die entlegensten Regionen der Erde. Von den Medien, aber auch im Bekanntenkreis wurde er anfangs belächelt, aber auch angefeindet ob der scheinbaren Sinnlosigkeit seines Tuns. "Der Begriff ,Aussteiger' wurde wie eine verbale Keule gegen mich geschwungen", erinnert sich Fuchs. "Dabei bin ich zu keinem Zeitpunkt ausgestiegen, sondern habe mir nur die Freiheit genommen, mein Leben nach eigenen Maßgaben zu gestalten."
Inzwischen hat man ihm das Etikett "Abenteurer" aufgeklebt. Aber auch diesem Wort kann er wenig abgewinnen: "Abenteurer - das ist keine Berufsbezeichnung, sondern eher eine Lebensform." Er sei vor allem Expeditionsleiter, erklärt der 53jährige.
Seine Expeditionen führten ihn immer wieder in extreme Zonen der Arktis und Antarktis. Als erster Mensch bereiste er 1989 innerhalb eines Jahres Nord- und Südpol. Zuletzt war Fuchs im April und Mai mit seiner Ehefrau Brigitte Ellerbrock und den Freunden Thorsten Heller und Falk Mahnke sowie elf Schlittenhunden 44 Tage lang auf Ellesmere Island in der Nähe des Nordpols unterwegs - bei Temperaturen bis zu minus 40 Grad.
Was also bringen solche Extremexpeditionen? "Zunächst nutzt es mir", kontert Fuchs. "Ich stehe zu meinen Träumen, die für mich das Salz des Lebens und der Treibsatz für meine Projekte sind." Er wehrt sich gegen den impliziten Vorwurf, seine Tätigkeit sei sinnlos. "Worin liegt der tiefere Sinn der Tätigkeit eines Radio- oder Fernsehmoderators? Wem nützt der Autorennfahrer, der Börsenmakler oder der Manager? Sie alle folgen ihren Talenten und ihren eigenen Bedürfnissen, verdienen damit ihren Lebensunterhalt und leisten ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt." Genau das tue er auch, meint Fuchs. Im übrigen sei die Expedition oder Tätigkeit, das Tun an sich sinnstiftend.
Doch die Erfahrungen von Expeditionen sind nicht nur für ihn und seine Teammitglieder interessant. In dem Buch "Grenzen sprengen" (Delius Klasing Verlag) hat Fuchs Antworten auf die immer wiederkehrende Frage nach dem praktischen Nutzen gegeben. Systematisch erklärt er, wie sich Erfahrungen aus Extremsituationen sinnvoll nutzen lassen.
"Was ich mache, hat im weitesten Sinne etwas mit Management unter extremen Bedingungen zu tun." Das wiederum dürfte in Zeiten des globalen Wettbewerbs vielen Führungskräften geläufig sein. Die Fragen, die bei einer Expedition von zentraler Bedeutung sind, gelten auch im modernen Business: Wie reagiere ich auf Unvorhergesehenes? Wie gehe ich mit meinen Ängsten um? Wie wähle ich ein erfolgreiches Team aus?
Auch unser Sprachgebrauch sei ein Indiz für die Relevanz extremer Erfahrungen, erklärt Arved Fuchs. Begriffe wie "am Abgrund stehen" oder "an einem Strang ziehen", "orientierungslos sein" oder "wir sitzen alle in einem Boot", auch das oft gehörte "uns steht das Wasser bis zum Hals" stammen ursprünglich aus der Expeditionssprache - werden aber inzwischen oft im Unternehmensalltag verwendet. Beschrieben werden damit Gefahren oder aber die Aufforderung zur Teamarbeit. Und zwar mit einem einzigen Ziel, wie Fuchs erklärt: "Alle wollen wir erfolgreich sein - der Banker oder der Manager wie auch ich."




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