Wer ist ein Gründertyp? - das 1x1 der Selbständigkeit
Belastbar, mit Biß und überzeugt von der eigenen Idee: der ideale Entrepreneur.
Eigentlich wollte Vanessa Kullmann Modedesignerin werden. Erfolgreich geworden ist die 33jährige in der Gastronomie: Vor sieben Jahren brachte sie die Idee des "Coffee to go" von New York nach Hamburg. Inzwischen ist ihre Kette "Balzac Coffee" auf 23 Shops in Hamburg, Lübeck, Berlin und Hannover angewachsen. "Ich bin da so reingeschlittert", sagt sie heute. Weil die Praktikantin in New York für alle möglichen Mitarbeiter Kaffee holen mußte, besuchte sie täglich amerikanische Coffee Shops. "Und ich dachte mir, Kaffee kochen kann doch nicht so schwer sein." Eine Einschätzung, die sie rückblickend als naiv bezeichnet.
Aber diese Naivität verbunden mit viel Energie und Liebe zum Produkt waren Kullmanns Erfolgsrezept. "Zurück in Deutschland habe ich mir beim Business-Plan helfen lassen, von der Deutschen Ausgleichsbank ein Darlehen erhalten und nach einem geeigneten Standort gesucht." Das waren die Colonnaden in Hamburg. Die ersten Schritte waren alles andere als leicht: Zunächst wollte niemand Kaffee aus Pappbechern trinken. Vanessa Kullmann besorgte Porzellan-Tassen. Zum New-York-Feeling sollten amerikanische Backwaren gehören - die hat schließlich ihre Mutter gebacken. Und die Behörden informierten sie über diverse Vorschriften: Stellplatzabgaben für mehr als 30 000 Euro wurden fällig, Türen durften nicht nach außen zu öffnen sein, der Denkmalschutz mußte beachtet werden. Kullmann rotierte, arbeitete 16 Stunden am Tag, gab nicht auf: "Ich war so überzeugt von meiner Idee und zu weit drin in der Gründung - das durfte nicht an Behörden scheitern."
Motiviert, belastbar und durchsetzungsstark: Vanessa Kullmann verkörpert den idealen Gründertyp. Allerdings fehlten ihr Branchenkenntnisse - dabei seien die noch wichtiger als Persönlichkeit, sagt Professor Dr. Günter F. Müller von der Universität Koblenz-Landau. Der Diplom-Psychologe erforscht seit mehr als einem Jahrzehnt die Eigenschaften von Unternehmern und Freiberuflern: "Der Anteil der Persönlichkeit am Gründungserfolg liegt bei 20 bis 25 Prozent", so sein Fazit. Doch wer den Gründertypologien nicht ganz entspricht, muß deswegen noch nicht gleich aufgeben - es sei denn, die wichtigste Voraussetzung fehlt: die Motivation.
"Wer nicht für sich, sondern für andere gründet, hat keine günstige Ausgangslage", sagt Diplompsychologin Ulrike Martzinek. In der Regel mangele es ihren Klienten in den Hamburger Gründungszentren "Enigma" und "simply_start" aber nicht an Motivation: "Am Anfang gibt es einen großen Schub." Damit er anhält, müssen noch weitere Eigenschaften hinzukommen: Durchsetzungsvermögen, Kreativität und emotionale Stabilität. "Gründer sollten in der Lage sein, ihre Idee gegen Widerstände und Unsicherheiten aufrechtzuerhalten." Dazu bedarf es auch einer gewissen Umtriebigkeit und Risikobereitschaft. Ulrike Martzinek ist selbst das beste Beispiel dafür: Rechtswissenschaft hat sie mal studiert, in der Musikbranche gejobbt, eine Kneipe geführt und journalistisch gearbeitet. "Und das immer selbständig", betont sie.
Letztlich geht es bei der Frage nach der persönlichen Eignung um die Haltung zum Produkt und zur Selbständigkeit. Professor Müller zählt "Leistungsmotivstärke" - das Bestreben eine Leistung um ihrer selbst willen zu bringen - sowie das Streben nach Unabhängigkeit zu den wichtigsten Eigenschaften zukünftiger Unternehmer. Doch vorhersagen, wie wahrscheinlich eine Geschäftsidee Erfolg haben wird, kann niemand. Womöglich hätte Branchenneuling Vanessa Kullmann ihre Idee sonst niemals in die Tat umgesetzt.



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