22.09.12

Karrierewege

Quereinstieg in die Spielebranche war erfolgreich

Zahnarzt Christian und Anwalt Kai Wawrzinek ließen bürgerliche Karrieren sausen, um die Spielefirma Goodgame Studios zu gründen.

Von Bob Geisler
Foto: www.malzkornfoto.de
Computerspielefirma Goodgame Studios
Kai (l.) und Christian Wawrzinek gründeten vor drei Jahren Goodgame Studios. Heute haben sie 250 Mitarbeiter

Hamburg. Sie hätten es so einfach haben können. Ganz und gar bürgerliche Berufe wollten Christian, 32, und Kai Wawrzinek, 35, ergreifen. Zahnarzt der eine, Rechtsanwalt der andere. Die Karriere der zwei Brüder aus Othmarschen schien vorgezeichnet, die eigene Praxis und Anwaltskanzlei fest eingeplant. Sogar promoviert haben sie.

Doch es kam anders. Heute führen Christian und Kai Wawrzinek in Turnschuhen und Freizeithemden durch helle, weitläufige Großraumbüros ihres Unternehmens Goodgame Studios. An den Wänden prangen knuffige Comicfiguren mit Mistgabeln, stolze Ritter und Furcht einflößende Aliens. Mitarbeiter sitzen vor ihren Computerbildschirmen und entwerfen neue virtuelle Welten. Sie managen Bauernhöfe und Burgen, die nur im Internet existieren.

Irgendetwas muss da schiefgelaufen sein. "Unsere Eltern waren nicht gerade begeistert, als wir ihnen gesagt haben, dass wir eine Onlinefirma aufbauen wollen", sagt Christian Wawrzinek grinsend, der promovierte Zahnarzt. Vor allem seine Mutter, eine Kieferchirurgin, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, musste sie ihren Freundinnen doch erklären, dass ihre Söhne nach einem glänzenden Abitur am Christianeum und jahrelangem Studium nun "irgendwas mit Internet" machten.

Doch diese Sache mit dem Internet hat sich mittlerweile als ausgesprochen lukrativ erwiesen. Mit derzeit rund 250 Beschäftigten zählen die vor gerade einmal drei Jahren gestarteten Goodgame Studios neben dem Branchenprimus Bigpoint zu den Shootingstars der Computerspielebranche in Hamburg.

Rund 85 Millionen registrierte Nutzer hat das stark wachsende Unternehmen, die über den ganzen Globus verteilt in Pokerrunden gegeneinander antreten, in einem Mafiaspiel um die Vergrößerung ihrer Territorien kämpfen oder als Farmer Felder mit Erdbeeren, Mais und Sonnenblumen bestellen. Während die Grundversionen der Programme kostenlos sind, können die Teilnehmer im weiteren Spielverlauf neues Saatgut, Fahrzeuge oder Waffen hinzukaufen, um ihre Burgen oder Bauernhöfe zu erweitern. Damit verdienen die Brüder Wawrzinek ihr Geld.

Die Entscheidung, ihre ursprünglich geplanten Karrieren sausen zu lassen, fiel in Kiel, wo Kai Wawrzinek nach dem 1. Staatsexamen in Heidelberg gerade sein Referendariat absolvierte und sein jüngerer Bruder Christian dabei war, sein Studium der Zahnmedizin zu beenden. "Wir waren einfach fasziniert von den gewaltigen Möglichkeiten des Internets", sagt Kai. "Es wäre eine Schande gewesen, uns das entgehen zu lassen", ergänzt Christian.

Wöchentlich trafen sich die Brüder mit Freunden und analysierten Geschäftsmodelle im Netz. Die treibende Kraft war dabei Kai, der trotz seines Jura-Studiums schon immer damit geliebäugelt hatte, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. "Jura erschien mir in jedem Fall sinnvoll, um für die rechtlichen Fallstricke im Geschäftsleben gewappnet zu sein", sagt er.

Gemeinsam bauten die Brüder eine erste Firma auf, die vor allem bereits bestehende Webseiten und Kleinstunternehmen für ein paar Tausend Euro aufkaufte, die Auftritte verbesserte und dann wieder abstieß. 2007 entschieden sich die beiden, mit Altigi die Muttergesellschaft der heutigen Goodgame Studios zu gründen - im Keller des elterlichen Hauses in Othmarschen und mit einem Kredit der Hamburger Sparkasse in Höhe von 500 000 Euro.

Die Leidenschaft für Computerspiele verbindet die Brüder schon seit ihrer Kindheit. Kai Wawrzinek brachte sich als Schüler selbst das Programmieren bei. Auf einem klobigen Sharp MZ-800, der an den Fernseher angeschlossen wurde, entwickelte er ein Schachprogramm. "Das war ein Riesenerlebnis, als mich der Computergegner, den ich selbst programmiert hatte, im Schach besiegte", erinnert er sich. Christian begeisterte sich für Abenteuerspiele wie Space Quest aus dem Hause Sierra, die es dem Spieler ermöglichten, in die Weiten des Alls abzutauchen.

Das erste eigene Spiel der Brüder war ein relativ schlichtes Pokergame, an dem Spieler aus der ganzen Welt teilnehmen konnten. Dass sie damit einen Nerv getroffen hatten, merkten die Jungunternehmer, als sich Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten an ihren virtuellen Spieltischen nicht nur zum Kartenspielen trafen, sondern dort auch Geburtstagspartys veranstalteten.

Wer den Brüdern Wawrzinek in einem ihrer Konferenzräume gegenübersitzt, merkt schnell, dass er es trotz ihrer legeren Art nicht mit verspielten Computerfreaks, sondern mit klar kalkulierenden Firmenchefs zu tun hat. "Wir setzen uns jedes Jahr klar definierte Wachstumsziele, die wir erreichen wollen", sagt Kai Wawrzinek.

Nachdem sich das Unternehmen bislang auf technisch eher simple Browsergames beschränkte, wollen die Brüder nun ins boomende Geschäft mit Spielen für Smartphones und Tablet-PCs einsteigen. Längerfristig können sie sich auch die Entwicklung aufwendiger Spiele mit ausführlicher Story und einem Millionenbudget vorstellen. Bescheidenheit ist ihre Sache nicht: "Bis Ende dieses Jahrzehnts wollen wir eine der größten Computerspielefirmen der Welt sein", sagt Kai Wawrzinek.

550 neue Mitarbeiter will Goodgame Studios bis Ende 2014 einstellen. Ein gewaltiger Kraftakt - und eine riesige Verantwortung, die sich die noch jungen Chefs damit aufbürden. "Trotz des hohen Wachstumstempos können wir aber noch ruhig schlafen", sagt Christian Wawrzinek. Dabei hilft es den Geschwistern, dass sie sich ganz aufeinander verlassen können. "Wir ergänzen uns sehr gut und vertrauen einander blind." Während Christian eher der kreative Kopf des Duos ist, sieht Kai seine Stärken im analytischen Bereich.

Schwierigkeiten haben die Brüder nur bei der Suche nach den richtigen Fachkräften, die wegen des Booms in der Branche rar sind. Als besondere Anreize bieten sie den Angestellten daher einen Swimmingpool ebenso wie ein Fitnessstudio oder freie Getränke bis hin zum kostenlosen Feierabendbier.

Betriebswirte, Grafiker, Programmierer und Mathematiker sind in dem Unternehmen gesucht. "Aber wir haben auch ein großes Herz für Quereinsteiger, weil wir selbst welche sind", sagt Christian Wawrzinek. Selbst Praktikanten könnten bei Goodgame Studios schon in kurzer Zeit zu Festangestellten und zu Teamleitern mit Führungsverantwortung aufsteigen. Jüngst haben die Brüder einen Architekten und einen Philosophen angeheuert. Nur andere Zahnärzte und Juristen scheinen sich bislang nicht für einen Job bei ihnen zu interessieren.

Fünf Fakten zum PC-Spielemarkt
Fünf Fakten zum PC-Spielemarkt:
Diablo III ist die Neuauflage des Anfang 1997 erschienen Action-Fantasy-Rollenspiels Diablo, das sich in seiner Erstauflage weltweit insgesamt 3,5 Millionen Mal verkaufte.
Marktführer der Spielehersteller ist laut dem Berliner Institut für Medien und Kommunikationspolitik (IfM) Nintendo mit einem Umsatz von knapp 9,0 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, vor Sony mit 7,1 Milliarden Euro. Diablo-Hersteller Activision Blizzard liegt mit einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro auf Platz vier des Rankings, Electronic Arts folgt mit 2,7 Milliarden Euro auf Platz fünf.
Das Geschäft mit dem elektronischen Spieltrieb im Menschen brummt: Nach Angaben des Bundesverbands Interaktiver Unterhaltung (BIU) spielen 15,5 Millionen Deutsche regelmäßig Online- oder Browser-Games.
Der Umsatz mit Abonnements und Premiummitgliedschaften wuchs 2010 gegenüber dem Vorjahr um fast ein Viertel auf 194 Millionen Euro.
Organisiert sind Profi- und Hobbycomputerspieler in Ligen. Europas mitgliederstärkste Liga ist die Electronic Sports League (ESL). Dort sind etwa vier Millionen Spieler und 800.000 Teams ("Clans") registriert, die jeden Monat rund 400.000 Partien austragen. In der vergangenen Saison sind allein in der Pro Series, so etwas wie der Computer-Bundesliga, über zwei Millionen Euro an Preisgeld ausgeschüttet worden.
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