Darauf baut alles auf
Kita, Schule, Häuser, Straßen, Brücken, Flughäfen - die Arbeit von Bauingenieuren begleitet uns das ganze Leben
Zwei Meter. Alle auf der Baustelle Beschäftigten blicken entsetzt auf die hilflos in der Luft schaukelnde Verbindungsbrücke, die zwischen den beiden Produktionsgebäuden eingesetzt werden soll. Genau zwei Meter Höhe fehlen dem riesigen Kran, um die bereits zusammengeschraubte und verschweißte Brücke über das Dach des Hauses zu wuchten.
Bei den Vorüberlegungen hatte man leider die Mobilfunkmasten auf dem 60 Meter hohen Gebäude übersehen. Die Verbindungsbrücke mussten wieder auf die Erde gelegt, sämtliche störenden Masten abgebaut werden, und danach konnte das Bauteil sicher und exakt passend eingesetzt werden.
Christian Meyer, Projektleiter bei WTM Engineers in Hamburg, schmunzelt, wenn er von diesem Vorfall erzählt, den er in seiner Anfangszeit als Bauingenieur erlebt hat. "Richtig große Katastrophen sind bei mir glücklicherweise noch nie eingetreten", sagt er. "Aber aus Fehlern lernt man und stimmt sich mit erfahrenen Kollegen im Team ab. Für das schnelle und oft hektische Baugeschäft ist eine gute Planung im Vorwege sehr wichtig, um den ständig wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden."
Meyer hat an der Fachhochschule Hamburg Bauingenieurswesen studiert und dann bei einer Baufirma begonnen. Seit mittlerweile zwölf Jahren ist er bei WTM, einem großen Hamburger Planungsbüro für Ingenieurdienstleistungen im Bauwesen, das sich besonders auf Großprojekte spezialisiert hat. Die 140 Mitarbeiter in der Hamburger Zentrale überprüfen die Tragwerksplanung (Statik) und planen neben Industriebauten auch Tunnel, Wasserbauwerke und Brücken. In letzter Zeit sind zudem Offshore-Windenergieanlagen hinzugekommen.
In Hamburg haben etliche Gebäude ihre Standsicherheit der Mitarbeit des Büros zu verdanken: Darunter sind die Grindelhochhäuser, das Kinderkrankenhaus Altona, das CCH, die Erweiterung der Staatsoper sowie viele Neubauten in der HafenCity. Meyer entwirft vor allem Industriebauten, Lagerhallen und Silos. Das hat ihn sogar bis nach Kuwait geführt, wo er die Verantwortung für ein rund 150 000 Tonnen fassendes Getreide- und Mehlsilo übernehmen durfte, das als größtes des Mittleren Ostens gilt.
"Die Planung erfolgt in erster Linie in Hamburg", sagt Meyer. "Doch selbst wenn man schon zehn Silos entwickelt hat, sind die Gegebenheiten vor Ort jedes Mal anders. In Kuwait war die größte Herausforderung der schwierige Baugrund des Neubaus mit den großen Lasten sowie die Errichtung innerhalb einer bestehenden Anlage." Auch die kulturellen Unterschiede lassen sich bei Aufenthalten im Ausland nicht leugnen und stellen eine besondere Herausforderung dar.
"Die Bauherren in Kuwait sind manchmal mutiger als die in Deutschland, sie haben keine Berührungsschwierigkeiten mit kühnen und modernen Entwürfen", berichtet Meyer von seinen Erfahrungen. "Die Arbeit auf einer Baustelle im mittleren Osten läuft sehr korrekt ab, die Entscheidungen dauern jedoch länger als hier. Und man kann abends mit den Kollegen kein Glas Bier trinken."
Der Ablauf eines derartigen Großprojektes ist in Planungsschritte, genannt Leistungsstufen, unterteilt wie bei einem ganz normalen Einfamilienhaus. Zuerst werden mit den Bauherren und den anderen Planungsbeteiligten die Anforderungen und Randbedingungen abgestimmt, dann werden die Pläne gezeichnet, mit Behörden gesprochen, die Genehmigungsfähigkeit geprüft und schließlich der Bauantrag gestellt. Danach werden die Bauleistung ausgeschrieben, der Auftrag vergeben und der Bauablauf überwacht.
Deutsche Bauingenieure haben weltweit einen exzellenten Ruf. Durch die breite Basisausbildung im Studium begreifen sie wesentlich besser als ihre hoch spezialisierten Kollegen aus England oder Frankreich die Zusammenhänge bei der Erstellung eines Bauwerkes.
Leider wurde mit der Streichung der Berufsbezeichnung Diplomingenieur im Zuge der Bologna-Reform der EU ein Markenzeichen zerstört, bedauert Christian Meyer. Die alte Berufsbezeichnung war ein ganz klares Qualitätsmerkmal einer sehr guten Ausbildung. "Das ist so, als würde Mercedes mit der Einführung des Laserschweißens den Stern auf der Motorhaube abschaffen", findet auch Professor Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen. Trotzdem wird ein in Deutschland ausgebildeter Bauingenieur auch in Zukunft noch sehr gefragt sein.
Deutsche Planung basiert auf dem Vier-Augen-Prinzip, das heißt, es ist immer gewährleistet, dass bei Planung und Ausführung ein zweiter Fachmann prüft. Dadurch werden mögliche Fehler viel schneller erkannt. Und es kann eben nicht passieren, dass wie in Südeuropa Hunderte Häuser einer neuen Anlage auseinanderfließen, weil der Beton versehentlich mit Salzwasser angemischt wurde. Oder dass ein Kran im Innenhof eines großen Gebäudes vergessen wird, während rundherum die Mauern hochgezogen werden, wie dies vor einiger Zeit in Russland geschehen ist. "Wenn hier in Deutschland etwas schiefgeht, wird dies relativ schnell behoben", sagt Meyer.
Dennoch haben Ingenieure im Inland häufig den Ruf des nüchternen, langweiligen Strebers. Laut einer Straßenumfrage des Vereins deutscher Ingenieure VDI, in der nach typischen Eigenschaften wie zum Beispiel der Kleidung von Ingenieuren gefragt wurde, kam als wiederkehrende Antwort "trocken, spießig, mit grauem Anzug und Aktenkoffer".
Christan Meyer entspricht diesem Bild nicht, und auch seine Kollegen im Unternehmen wirken offen und agil. Gut funktionierende kommunikative Zusammenarbeit ist bei Großprojekten, wie sie bei WTM häufig geplant werden, unerlässlich, und die sogenannten Soft Skills sind neben technischem Know-how der Schlüssel zum Erfolg. Die beste Planung nutzt nichts, wenn sie nicht überzeugend angeboten wird. Da in dem Planungsbüro viele Spezialisten tätig sind, kann jeder stetig dazulernen. "Bei Projekten wie in Kuwait wird Englisch gesprochen, dafür musste ich Vokabeln büffeln", sagt Meyer.
Die Arbeit der Bauingenieure begleitet uns während unseres gesamten Lebens. Diese Experten planen und überprüfen das Krankenhaus, in dem wir geboren werden, den Kindergarten, den wir jahrelang besuchen, all die Schulgebäude, in denen wir Jahre unseres Lebens verbringen und schließlich das Büro, in dem wir arbeiten. Sie bestimmen, wie wir uns im Leben bewegen, durch Bau und Infrastruktur von Städten, Straßen, Schienen, Flüssen und Flughäfen. Sie sorgen für dauernd verfügbares sauberes Trinkwasser und funktionierende Müllentsorgung genauso wie für sichere und umweltverträgliche Energieversorgung.
Christian Meyer hat seinen Berufsweg nie bereut und würde jederzeit wieder Bauingenieur werden. "Jedes Projekt ist durch andere Gegebenheiten eine neue Herausforderung. Das macht meinen Beruf so spannend!"















