Nachhaltigkeit
Die Jobs der Zukunft sind öko
Die Zahl der Stellen rund um Umwelt und Nachhaltigkeit wächst. Bis 2020 soll es 630 000 zusätzliche Öko-Arbeitsplätze in Deutschland geben.
Stetige Zuwächse im Umweltbereich sind auch auf de Arbeitsmarkt ein Thema
Foto: Jörg Dommel
Bonn. "Umweltberufe boomen", sagt Krischan Ostenrath, Arbeitsmarktexperte des Wissenschaftsladens Bonn. Verlässliche Zahlen für die Arbeitsplätze im Umweltbereich gäbe es aber nicht, da eine Abgrenzung schwierig sei. Die jüngsten offiziellen Zahlen hat das Umweltbundesamt 2006 herausgegeben: 1,8 Millionen Jobs. "Es dürften inzwischen weit mehr sein", sagt Ostenrath.
Bei seiner jährlichen Stellenauswertung verbucht der Wissenschaftsladen stetige Zuwächse im Umweltbereich. Im Jahr 2010 waren es bundesweit 11 282 offene Stellen - ein Plus von 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den Jahren davor sah es ähnlich positiv aus. Angeführt wird das Feld regelmäßig vom Postleitzahlenbereich 2, also von Norddeutschland. 2010 zum Beispiel boten die Arbeitgeber im Norden Jobsuchern laut der Zahlen vom Bonner Wissenschaftsladen fast 1800 Stellen an.
Für die Zukunft prognostiziert das Fraunhofer-Institut ISI in einer Studie für klimaschutzbezogene Beschäftigung einen möglichen Zuwachs von bis zu 630 000 Stellen bis 2020. Laut Umweltbundesamt sollen es bis 2030 rund 800 000 neue Jobs werden.
Kaum ein Produkt, das es heute nicht auch in Bio-Qualität gibt
Tourismus, Geldanlagen, Kosmetik, Strom, Lebensmittel, IT oder Beratung - kaum ein Produkt, kaum eine Dienstleistung, die es inzwischen nicht mit dem Stempel Grün, Öko oder Bio gibt. "Die Bedeutung nimmt in immer mehr Firmen und Berufen zu", sagt Jan Strohschein, Gründer des Internet-Jobportals Greenjobs.
Als klarer Gewinner zeigt sich der Sektor erneuerbare Energien. Laut Umweltbundesamt hat sich die Zahl der Beschäftigten dort von 2004 bis 2010 mehr als verdoppelt und beläuft sich auf aktuell 367 000 Arbeitnehmer. "Allein in diesem Jahr stellen wir 80 neue Mitarbeiter ein", sagt Ralph Kampwirth, Leiter Unternehmenskommunikation des Ökostromanbieters Lichtblick. In den vergangenen drei Jahren habe sich die Belegschaft verdoppelt, auf zurzeit 420 Mitarbeiter.
Zu den traditionellen Umweltfeldern gehören Wasserversorgung und Recycling. Hamburg Wasser setzt mit der Gründung des Tochterunternehmens Hamburg Energie zusätzlich auf erneuerbare Energien. Auch sonst tut sich hier einiges: Das bundesweit erste energieautarke Klärwerk läuft bereits, und bis zum Jahr 2018 soll der Konzern eine ausgeglichene Energiebilanz vorweisen. "Für Wasser und Energie sind integrierte Lösungen gefragt", sagt Sprecher Matthias Sobottka. Frisches Know-how und eine Disziplin übergreifende Denk- und Arbeitsweise seien für die Optimierung der Abläufe nötig.
"Neue Technologien treiben den Umweltschutz an", sagt Arbeitsmarktexperte Ostenrath. Das technische Know-how stehe klar vor dem naturwissenschaftlichen. Auch deshalb am häufigsten gesucht im grünen Bereich: technische Fachkräfte wie Bauingenieure, Elektrotechniker oder Maschinenbauer. Bei den Naturwissenschaftlern seien es Generalisten wie Geografen, Biologen, Chemiker und Physiker. "Aber auch im Vertrieb und in der Projektentwicklung stellt man verstärkt ein", sagt Strohschein.
So wie bei Lichtblick. Für den Markteinstieg der Blockheizanlage "ZuhauseKraftwerk" werden zurzeit bundesweit Mitarbeiter für den Vertrieb gesucht. Zu den Anforderungen gehören nicht nur Vertriebskompetenz und technisches Verständnis, sondern auch die Identifikation mit dem Unternehmen. Kampwirth: "Wir suchen nicht nach Vollblut-Ökos, aber hinter der Energiewende sollte man stehen."
Die weiteren Qualifikationen für Jobs mit Umwelt-Plus: Rund die Hälfte der offenen Stellen fordern Fremdsprachenkenntnisse, weiß Krischan Ostenrath vom Wissenschaftsladen. Weiter stehen Erfahrung, Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke auf der Liste.
Die grüne Computertechnologie ist ein noch relativ junger Ableger. Die Bremer Consultingfirma Erecon berät bei Aufbau, Modernisierung und Betrieb von energieeffizienten Rechenzentren und Serverräumen. "Bis zu 75 Prozent der Energie lässt sich beim Betrieb des Rechenzentrums einsparen", sagt Firmengründer und Vorstandsvorsitzender Harald Rossol.
Firmen beklagen, dass nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden sind
Vor acht Jahren, als er den Serverraum der eigenen Firma auf Niedrigverbrauch trimmte, interessierte das Thema niemanden. Vor vier Jahren klopften die ersten großen Kunden an, inzwischen kommen sie aus allen Branchen und dem Ausland. "Wir wachsen, es ist aber schwierig qualifizierte Mitarbeiter zu finden", sagt Rossol. Das beklagen auch andere Firmen.
Die Hochschulen haben reagiert und bieten eine große Auswahl an Umweltfächern. Allein zum Thema erneuerbare Energien gibt es rund 300 Studiengänge. Und auch sonst wächst das Angebot stetig - vom Bau- und Umweltingenieurswesen über Umweltmanagement und Umweltinformatik bis zu Bioprodukttechnologie oder Umweltrecht (s. Kasten). "Trotzdem stützt die Branche sich in erster Linie nach wie vor auf Mitarbeiter traditioneller Berufs- und Hochschulausbildung", sagt Ostenrath. Auch weil viele Studiengänge neu sind und den Firmen unbekannt.
"Bei den Ausbildungsberufen hat sich bedauerlicherweise für den Sektor der erneuerbaren Energien nichts getan", sagt Ostenrath. Das musste auch Erecon-Vorstandschef Rossol erkennen, als die Firma einen Umweltkaufmann ausbilden wollte. "Wir möchten eine Ausbildung, die Ökonomie und Ökologie verbindet, so etwas gibt es aber nicht." Jetzt hat die Firma bei der Agentur für Arbeit und der Handelskammer in Bremen eine Initiative angestoßen, solch einen Ausbildungsberuf neu einzurichten.





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