Serie: Angekommen - Migranten in Hamburg (15)
Sie steht immer unter Dampf
Die Brasilianerin Adriana Bogdan meistert ihren Job mit jeder Menge guter Laune.
Der großen Liebe wegen ist sie in Hamburg gelandet. Denn eigentlich wollte Adriana Bogdan 1996 nur ihren Bruder besuchen. Er ist Künstler, lebte damals an der Elbe und hatte gerade eine Ausstellung in der Hansestadt. Dort war es auch, wo die temperamentvolle Brasilianerin diesen großen, blonden Hamburger traf ... "Und weil ich so verrückt bin, habe ich meinen Job in einer Exportfirma gekündigt, mein Jura-Studium aufgegeben und bin mit nur einem Koffer von Rio nach Deutschland gezogen", sagt die 37-Jährige und strahlt dabei.
Der Anfang war schwer. Sie sprach nur Portugiesisch und Englisch. Die angehenden Schwiegereltern ("Heute sagen sie, ich bin wie eine Tochter für sie") waren irritiert von den kurzfristigen Hochzeitsplänen. Sie fand keinen richtigen Job. "Ich habe so viele Bewerbungen geschrieben und keiner hat mich auch nur eingeladen", erinnert sich Adriana Bogdan. Eigentlich müsste man doch neugierig werden auf eine Frau mit ihrem Lebenslauf, findet sie. "Auch wenn die Zertifikate fehlen." Aber trotz aller Einsatzbereitschaft, Energie und inzwischen passablen Deutschkenntnissen lief die Jobsuche damals nur schleppend.
Bis Adriana Bogdan 1999 Friederike Stöver, die Geschäftsführerin von Le Crobag, traf - in einem Drachenladen mit Cafe, in dem die Brasilianerin zu dem Zeitpunkt arbeitete. "Offensichtlich fiel ihr mein besonderer Umgang mit Menschen auf", sagt Adriana Bogdan. "Sie hat mir ihre Visitenkarte gegeben. Falls ich mich verändern wolle . . ." Und das wollte Adriana Bogdan. "Ich wollte weiterkommen, das war schon immer mein Wunsch." So startete sie ihre Karriere hinter dem Tresen eines Backshops von Le Crobag. "Frau Stöver hatte damals die Idee, dass ich gut als Trainerin fürs Personal arbeiten könnte", erzählt die 37-Jährige. Aber dafür musste sie zunächst die Arbeit in den Filialen kennenlernen. Adriana Bogdan machte sich gut: "Nach nicht mal einem Jahr konnte ich am Jungfernstieg die Leitung einer neuen Filiale übernehmen." Und da die Filiale schnell sehr erfolgreich wurde, beschloss ihr Arbeitgeber, den Shop zur Schulungsfiliale zu erklären und Adriana Bogdan auch in andere Regionen zu schicken, um Mitarbeiter anzuleiten.
Auch das klappte gut - 2001 bei einigen Filialen in Nordrhein-Westfalen sogar so gut, dass die Brasilianerin gefragt wurde, ob sie nicht die Gebietsverkaufsleitung dort übernehmen wolle. "Da habe ich nicht lange überlegt", sagt sie. "Denn ich liebe Herausforderungen." Sogar um "Problemfilialen" kümmert sie sich gern - "und mit Erfolg". Als Gebietsverkaufsleiterin ist sie heute für insgesamt zehn Filialen im Ruhrgebiet und in Hamburg verantwortlich. Dafür ist sie viel mit dem Auto unterwegs, fährt von Shop zu Shop, coacht Filialleiter und Lizenzpartner, treibt Verbesserungen voran.
"Viele haben anfangs gesagt: Wie willst du das schaffen? Du hast nicht BWL studiert, hast keine kaufmännische Ausbildung", sagt Adriana Bogdan. "Aber ich habe viel Power und weiß, was ich will. Und vielleicht liegt es mir auch ein bisschen im Blut." Ihr Vater war Marktleiter und hatte 50 Angestellte. Die Tochter begleitete ihn gern - und beobachtete ihn bei seiner Arbeit. "Auch heute noch überlege ich in schwierigen Situationen, wie mein Vater sich wohl verhalten hätte", sagt die 37-Jährige.
Adriana Bogdan steht immer unter Dampf. "Ich mag es nicht gemütlich, das wäre mir zu langweilig", sagt sie. Als sie 2004 ihr erstes Kind bekam, trat sie nur vorübergehend kürzer. Schon acht Wochen nach der Geburt war sie wieder unterwegs in ihren Filialen. "Mein Mann und meine Schwiegereltern haben mich im ersten Jahr ganz toll unterstützt", sagt sie. "Ohne diese Hilfe wäre das nicht möglich gewesen." Mit einem Jahr kam Kyra in eine Kinderkrippe. Mittlerweile ist sie schon oft mit ihrer Mutter auf Tour gewesen: Die Mitarbeiter in den Filialen kennen sie. Im Juni erwarten die Bogdans ihr zweites Kind. Da will Adriana es wieder so machen. "Ich brauche meine Karriere", sagt sie. "Ich bin gern Mutter - aber nur das wäre mir zu wenig."
Ihr Verantwortungsbewusstsein ist groß: "Ich arbeite auch abends, wenn meine Tochter im Bett ist", erzählt sie. "Ich habe hier noch nie jemanden im Stich gelassen." Dass sie mitunter über das Ziel hinausschießt, weiß Adriana Bogdan aber auch. "Manchmal muss man mich bremsen. Ich merke das dann nicht." Zum Beispiel, als sie im achten Monat schwanger immer noch mit dem Auto ins Ruhrgebiet pendelte. Die Chefin habe sie dann schließlich überredet, wenigstens mit der Bahn zu fahren.
"Meine Arbeit macht mir einfach unheimlich viel Spaß", sagt Adriana Bogdan. "Ich habe ein tolles Team." Aber sie hat auch ein Händchen, Mitarbeiter zu führen. Anteil daran hat sicher ihre wohlwollende Einstellung jedem gegenüber und ihre gute Laune. "Ich gehe auf die Leute zu. Die meisten mögen mein Temperament und meine Herzlichkeit", sagt die 37-Jährige. Sie suche keine Fehler: "Jeder ist so, wie er ist und das schätze ich. Was einem Mitarbeiter heute noch fehlt, kann er lernen, wenn er die richtige Einstellung hat." Und die wäre? "Positiv und zuversichtlich sein. Wenn ich negativ denken würde, hätte ich hier in Deutschland nichts geschafft."





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