29.08.09

Emotionen: Wie aus Wut eine positive Kraft wird

Den Ärger nutzen, nicht vermeiden

Zehn Prozent ihrer Arbeitszeit sind die Deutschen in Rage. Davon könnten sie profitieren.

Von Manuela Keil
Foto: Jörg Dommel
Wut
Wut kann man kanalisieren - das ist von Vorteil für die eigene Person aber auch für die Umgebung.

Mit dem Gesellschaftsspiel "Mensch ärgere Dich nicht" sind viele von uns aufgewachsen. Und der Anspruch, sich und seine negativen Emotionen im Griff zu haben, begleitet uns auch heute im Job. Doch die Realität sieht anders aus. Laut einer Untersuchung von Bayer Health Care regt sich jeder vierte Deutsche häufig auf. Experten schätzen, dass Arbeitnehmer im Schnitt zehn Prozent ihrer Arbeitszeit in Rage sind. Ratgeber, Seminare und Coaches verdienen nicht schlecht mit Anti-Ärger-Strategien. "Mit Gelassenheit und Selbstsicherheit zum Erfolg im Beruf" - so und ähnlich heißen die Seminartitel.

Ärger und Wut sind nicht nur wichtige Gefühle, sondern auch Quelle für Veränderung und damit für Fortschritt. "Richtig gelenkt besitzt Wut jede Menge positiver Eigenschaften und kann uns zu noch besseren Leistungen anspornen, neue Ideen liefern und unsere Selbstreflexion beflügeln", sagt der Herrenberger Trainer und Coach Christoph Burger. So kann Wut Kreativität fördern, aber auch helfen, Grenzen zu setzen.

Grundsätzlich, sagt die Hamburger Psychologin Eva Wlodarek, sei Ärger - und Wut als seine Steigerung - eine psychische Energie, die sowohl positiv wie auch negativ genutzt werden kann. So lässt sich Neid zum Beispiel konstruktiv als Frage formulieren: Was muss ich tun, damit ich das auch bekomme? Wer dagegen Ärger destruktiv einsetzt, käut die Situation immer wieder und sieht sich als Opfer. Das hat sogar körperliche und seelische Auswirkungen. Die konstruktive Alternative ist, sich zu fragen, was man aus der Ärger verursachenden Situation lernen kann.

Nach Freude ist Wut das zweithäufigste Gefühl am Arbeitsplatz, das ergab eine Studie der Universität Genf. "Wir beobachten, dass 70 Prozent der Menschen ihre Wut zum Ausdruck bringen, aber die Hälfte von ihnen nie mit dem betroffenen Kollegen darüber spricht", sagt Tanja Wranik, Arbeitspsychologin und Lehrbeauftragte an der Genfer Uni. "60 Prozent der Menschen, die sich getraut haben, mit dem beschuldigten Kollegen zu sprechen, konnten das Problem regeln." Vieles lässt sich sogar rückwirkend ändern. Im Nachhinein den Kontakt zum Kollegen, dem Anrufer oder auch zum Chef herzustellen, hält die Psychologin Wlodarek nicht nur für sinnvoll, sondern für notwendig. Man kann dann sagen: "Übrigens, das hat mir gestern gar nicht gefallen. Ich wünsche mir in Zukunft einen anderen Umgangston." Wichtig ist es, dabei sachlich zu bleiben und einen vorwurfsvollen Ton zu vermeiden. Auf keinen Fall darf man seinen Ärger kleinreden oder verdrängen und auch nicht die Fehler immer nur bei sich suchen. Sinn der Wut sei es, sagt der Diplom-Psychologe Christoph Burger, uns zeitweilig wachzurütteln, damit wir rechtzeitig auf die Veränderungen um uns herum reagieren. So weisen unzufriedene Kunden letztlich auf eine Produktschwäche hin und nörgelnde Angestellte auf Fehler in der Führung.

Gefühle entstehen durch Gedanken und Bewertungen. "Wut entsteht im Kopf, weil Normen und Werte nicht eingehalten werden", sagt Coach Elke Overdick. Insofern seien absolute Werte und strenge Normen gut geeignet, sich häufig zu ärgern. Weitere Denkfallen sind Perfektionismus und wenn man sich für alles verantwortlich fühlt. Ein Weg sei es, sein Denken zu ändern. "Seine Werte und Normen etwas weiter zu fassen, hilft gegen Wut", sagt die Trainerin. Seinen Ärger frühzeitig zu benennen, ist wichtig, denn je länger man wartet, desto destruktiver wird der Ausbruch. "Führungskräfte, die ihrem Ärger in Maßen Luft machen, gewinnen sogar an Respekt und wirken sympathischer. Sie gelten auch als führungsstärker", sagt Overdick.

Für Coach Christoph Burger ist Ärger grundsätzlich ein positives Zeichen. Ärger sei untrennbar mit Motivation verbunden und damit das Gegenteil von Gleichgültigkeit. "Ärger ist ein Signal für Optimierungspotenzial." Nimmt der Mitarbeiter Missgeschicke und Fehler jedoch gleichmütig hin, deute das auf eine innere Kündigung. Ärger nutzen statt Ärger vermeiden, heißt deshalb Burgers Kredo. "Das erfordert in einem Unternehmen Mut und ist auch zunächst anstrengend, lohnt sich aber langfristig." So seien regelmäßige Umfragen, was Mitarbeiter aufregt, ebenso sinnvoll wie eine Schiedsstelle, die Ärger in der Firma regelrecht sucht. Sei jedoch nur konstruktive Kritik erlaubt, schränke man den Nutzen schon wieder ein, warnt Burger in seinem Buch "Change! Wut in positive Energie umwandeln". "Was richtig frustriert, fällt damit automatisch weg."

Auch der Erziehungswissenschaftler Jens Weidner hebt das Potenzial von Aggression hervor. "Positive Aggression ist bei aller Rücksichtnahme und Teamgeist der Schlüssel zum Erfolg", heißt es in seinem Buch "Die Peperoni-Strategie". Damit meint Weidner eine gesunde Durchsetzungskraft, die auch dem Unternehmen nützt. Für Weidner ist die positive Aggression das Kraftwerk, das Mitarbeitern erst Mut macht, sich gegen Widerstände durchzusetzen. Es komme jedoch auf die richtige Dosis an und auf "ein strategisch eingesetztes kommunikatives Repertoire vom einfühlsamen Bedrängen bis zum spontan echt wirkenden Wutausbruch, also auf die Klaviatur von Charme bis Vulkan". Ein erster Schritt, Ärger in positive Energie zu verwandeln, ist die Reflexion. Laut Eva Wlodarek setzt folgender Satz eigene Kräfte frei: "Na warte, dir werd ich's zeigen", wirke wie ein Kippschalter.

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