26.02.13

Niederlande

Europa enteignet erstmals die Gläubiger einer Bank

Das hat es selbst in Griechenland bislang nicht gegeben: Die niederländische Regierung hat über Nacht Anleihen der Bank SNS für wertlos erklärt. Das bedeutet für Privatanleger den Totalverlust.

Von Sebastian Jost und Karsten Seibel
Foto: dpa
Der Euro-Gruppen-Chef und niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem fährt gerade eine harte Linie bei SNS Reaal
Der Euro-Gruppen-Chef und niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem fährt gerade eine harte Linie bei SNS Reaal

Fassungslos hielt Martin Schröder (Name geändert) den Brief in der Hand. Darin eröffnete die Bank ihrem Kunden aus Südbaden, dass die größte Position in seinem Wertpapierdepot über Nacht wertlos geworden war.

80.000 Euro hatte der Künstler in Anleihen der holländischen Bank SNS Reaal investiert. Und nun das: Die niederländische Regierung habe die Anleihen für wertlos erklärt, teilte die Bank Anfang Februar mit.

Die Papiere wurden ersatzlos eingezogen, ohne Entschädigung. Schröder war enteignet, sein Geld weg.

Die Immobilienbank SNS ist eine von vielen Banken, die im Zuge der Finanz- und Euro-Krise verstaatlicht werden mussten. Der Unterschied: Diesmal soll der Steuerzahler die Zeche nicht allein bezahlen. Deshalb bittet die niederländische Regierung zumindest bestimmte Gläubiger zur Kasse.

Am Montag segnete der Staatsrat in Den Haag dieses Vorgehen als rechtmäßig ab – und statuierte damit ein Exempel, das die Besitzer von Bankanleihen in ganz Europa alarmieren muss. "Der Markt wird vollkommen durcheinander gewürfelt werden", prophezeit Joachim Felsenheimer, Rentenexperte beim Vermögensverwalter Xaia.

Der Fall SNS könnte Schule machen

Schon bei früheren Bankenrettungen mussten Eigentümer und Gläubiger einen gewissen Beitrag zur staatlichen Sanierung leisten. Doch nie ging eine Regierung so radikal vor wie bei SNS. Im Falle Griechenlands etwa wurden nur die Besitzer von Staatsanleihen an der Rettung des Landes beteiligt, die Gläubiger der Banken blieben sogar völlig schadlos.

Bei SNS verloren nun Aktien und nachrangige Anleihen ihren Wert vollständig. "Eine Komplettvernichtung der Investments ist schon ein exorbitanter Einschnitt", sagt Marc Hellingrath, Fondsmanager für Bankanleihen bei Union Investment.

Und der Fall SNS könnte Schule machen. So wird in Kreisen der Bundesregierung auf genau dieses Beispiel verwiesen, wenn es darum geht, wie man mit den angeschlagenen zyprischen Banken umgehen sollte.

Maßgeblich bestimmt wird die Debatte unter den europäischen Regierungen ausgerechnet von Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem - der als niederländischer Finanzminister gerade die harte Linie bei SNS Reaal fährt. Nun sollen also auch in Zypern Anleihenzeichner zur Kasse gebeten werden, womöglich sogar vermögende Sparkunden der Banken.

So weit ging Dijsselbloem bei SNS Reaal noch nicht. Sparkunden blieben ebenso verschont wie die Besitzer von erstrangigen Anleihen, im Finanzjargon "senior" genannt. Die Enteignung trifft nur nachrangige Anleihen, die prinzipiell immer mit einem höheren Ausfallrisiko behaftet sind und dafür auch eine höhere Verzinsung versprechen.

Früher waren wenigstens 20 Prozent Entschädigung drin

Diese Anleihen wären ohnehin wertlos gewesen, wenn der Staat nicht eingegriffen hätte und die Bank in die Pleite gerutscht wäre, argumentierte der Finanzminister. Allerdings: In früheren Insolvenzfällen waren bei Nachrang-Anleihen immer noch wenigstens 20 Prozent Entschädigung drin.

Und in der Finanzkrise hatten sich die Gläubiger an noch weitaus geringere Einschnitte gewöhnt, weil die Last der Steuerzahler trug.

Das zu ändern, sei längst überfällig gewesen, sagt Finanzprofessor Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt. "Es war politisch immer schwieriger zu rechtfertigen, warum der Steuerzahler einspringen muss, während Kapital, das eigentlich haften sollte, in der Praxis doch nicht haftet."

Er rechnet deshalb damit, dass es Nachrang-Gläubigern auch bei künftigen Bankenrettungen ähnlich ergehen wird wie bei SNS.

"In Spanien hätte es eigentlich schon bei diversen Sanierungsfällen enorme Haircuts geben müssen", sagt auch Fondsmanager Hellingrath. Die Regierung habe davor zurückgeschreckt, weil Nachranganleihen dort in großem Umfang von Privatanlegern gehalten würden.

SNS-Papiere waren dagegen eher etwas für institutionelle Investoren - Pech für die wenigen Privatanleger wie Martin Schröder.

Die Finanzierungskosten werden sicher steigen

Was die Staatshaushalte entlasten soll, könnte die Banken ordentlich Geld kosten: "Die Finanzierungskosten werden mit Sicherheit steigen", sagt Felsenheimer.

Schließlich dürften sich die Investoren das höhere Risiko mit höheren Zinsen ausgleichen lassen. Das sei aber nur ein Nachholeffekt: "Bisher haben die Zinsen das Ausfallrisiko bei Nachranganleihen nicht angemessen gespiegelt."

Dass der Anleihenmarkt komplett zusammenbricht, erwartet Felsenheimer nicht. "Jeder Fall wird einzeln analysiert werden", meint auch Hellingrath. Das heißt aber: Banken mit schwacher Kapitalausstattung dürften es an den Kreditmärkten noch schwerer haben als bisher.

Und diese Unruhe bleibt womöglich nicht auf Nachranganleihen beschränkt. In Anlageforen wird bereits sorgenvoll darüber spekuliert, dass künftig auch "Senior"-Papiere nicht mehr sicher sein könnten.

Schließlich deuten politische Absichtserklärungen darauf hin, dass man eine breite Gläubigerbeteiligung bei Sanierungsfällen anstrebt.

Dann aber geht es ans Eingemachte, denn erstrangige Anleihen bilden neben Pfandbriefen das Finanzierungs-Rückgrat aller Banken, die wenig eigene Spareinlagen haben.

Schleusen der Zentralbanken sind weit geöffnet

"Im Moment dürften keine Engpässe entstehen, weil die Schleusen der Zentralbanken weit geöffnet sind", sagt Bankenprofessor Schiereck. Danach drohe aber eine Zweiklassengesellschaft - mit Banken, die noch Geld bekommen, und anderen, die keines mehr bekommen.

Eine mögliche Lösung für die Anleihenmärkte findet sich indes im Reformkonzept der Liikanen-Kommission: Sie schlägt unter dem Stichwort "Bail-in-Bonds" vor, die Banken zur Ausgabe spezieller Anleihen zu zwingen, die im Krisenfall in Eigenkapital umgewandelt werden würden.

Diese Anleihen wären für die Banken sehr teuer - doch dafür gäbe es stets eine weitere Brandmauer, ehe auch Senior-Anleihen leiden. "Dann könnte sich jeder Investor entscheiden", sagt Schiereck, "wie viel Risiko er sich einkaufen will."

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