Der Chef des weltgrößten Versandhändlers fordert ein Ende des Kasino-Kapitalismus. Vorstände sollten sich vom Prinzip der Vorsicht leiten lassen. Selbst spürt der Konzern die Krise noch nicht.
Hamburg. Abendblatt:
Ottos neuer Mann für Russland
Herr Schrader, wie stark hat die Finanzmarktkrise und die Konjunkturflaute den Otto-Konzern bisher getroffen?
Hans-Otto Schrader:
Beim Umsatz spüren wir noch keine negativen Auswirkungen. Wir sind selbst überrascht darüber. Wir sind aber darauf eingestellt, dass auch uns die Krise treffen wird.
Abendblatt:
Was heißt das konkret?
Schrader:
Wir sind vorsichtiger mit unseren Bestellungen bei Lieferanten. Wir haben einen Tag nach der Lehman-Pleite Mitte September entschieden, unsere Bestellungen für das Weihnachtsgeschäft leicht zurückzufahren.
Abendblatt:
Erwarten Sie für das 2009 weniger Umsatz?
Schrader:
Wir gehen davon aus, dass 2009 für den Handel ein schwieriges Jahr wird. Auf eine konkrete Zahl möchte ich mich nicht festlegen. Das wäre Kaffeesatzleserei.
Abendblatt:
Hat Sie die Finanzmarktkrise überrascht?
Schrader:
Die Wucht dieser Krise überrascht mich.
Abendblatt:
Sind Sie beim Blick auf die Börsenkurse froh, dass sie keine börsennotierte Aktiengesellschaft leiten?
Schrader:
Darüber bin ich sogar sehr froh. Ich bin überzeugt davon, dass inhabergeführte Familienunternehmen wie Otto nach der Krise als positive Beispiele für Unternehmertum genannt werden. Die börsennotierten Aktiengesellschaften müssen sich meiner Meinung nach wieder stärker an den Prinzipien der Familienunternehmen orientieren: Sie müssen langfristiger planen und handeln, dürfen nicht nur auf das nächste Quartalsergebnis schauen. Das Prinzip der Vorsicht muss wieder verstärkt in den Chefetagen gelten. Und auch über die Angemessenheit der Managergehälter muss diskutiert werden. Ich hoffe aber vor allem auf eine Renaissance der sozialen Marktwirtschaft. Wohlstand für alle muss wieder die Maxime der Politiker und Unternehmer sein. Der Kasino-Kapitalismus muss verschwinden.
Abendblatt:
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat ein maximales Jahresgehalt für die Topmanager jener Banken verlangt, die Hilfen aus dem staatlichen Rettungsfonds wollen. Halten Sie das für gerechtfertigt?
Schrader:
Ich kann verstehen, dass der Staat in Unternehmen, bei denen er sich mit Steuergeldern beteiligt, auch mitreden will. Schließlich muss er dort in vielen Fällen Managementfehler korrigieren und Schäden beheben.
Abendblatt:
Sind die in diesem Zusammenhang geforderten 500 000 Euro maximales Jahresgehalt angemessen?
Schrader:
Das ist immerhin mehr als die Bundeskanzlerin verdient.
Abendblatt:
Haben die Spieler auf den Finanzmärkten aus den Fehlern der Vergangenheit bereits die notwendigen Lehren gezogen?
Schrader:
Der Blick auf die jüngsten Kurskapriolen deutet nicht darauf hin. Die Politik muss solche Entwicklungen durch vernünftige Regeln ausschließen. Die Finanzmärkte müssen wieder stärker abbilden, was real in der Wirtschaft geschieht. Das Eigenleben der Finanzmärkte mit ihren hoch komplizierten Produkten muss beendet werden.
Abendblatt:
Ist diese Forderung realistisch? Schließlich müsste sich dann die ganze Welt an diese Regeln halten.
Schrader:
Die Voraussetzungen, dass man dieses Ziel erreicht, waren nie so gut wie jetzt. Denn die ganze Welt ist zutiefst geschockt von der Wucht dieser Krise. In einer solchen Situation bekommen Politiker eher Mehrheiten für neue Regeln als zum Beispiel vor drei oder vier Jahren.
Abendblatt:
Wie entwickelt sich im Zuge der Finanzmarktkrise das Auslandsgeschäft bei Otto?
Schrader:
Gut. Dabei läuft der russische Markt mit weitem Abstand am besten. Der Distanzhandel in Russland hatte in den vergangenen zwei Jahren Zuwachsraten von jeweils 35 Prozent und lag 2007 bei immerhin 1,8 Milliarden Dollar. Wir haben noch stärker als der Gesamtmarkt zugelegt und haben nun einen Großteil des Versandhandelsgeschäfts von unserem russischen Partner Direct Group übernommen. So erzielen wir jetzt rund 200 Millionen Euro Umsatz. Damit sind wir auch in Russland Marktführer.
Abendblatt:
Warum boomt gerade Russland beim Versandhandel?
Schrader:
Wir treffen dort auf einen riesigen Markt. Allein in der Region Moskau leben zwölf Millionen Menschen. Und dort etabliert sich eine breite, gut verdienende Mittelschicht. Die weiten Entfernungen innerhalb des Landes sind ebenfalls ideale Voraussetzungen für einen Versandhändler - man findet nicht an jeder Ecke ein Kaufhaus.
Abendblatt:
Aber auch Russland leidet unter der Finanzmarktkrise, bereitet Ihnen dies keine Sorgen?
Schrader:
Dieser Entwicklungen müssen wir bei unseren Planungen selbstverständlich Rechnung tragen. Aber wir gehen davon aus, dass Russland sich schneller von der Krise erholt als andere europäische Länder. Bereits die Finanzmarktkrise 1998 hat Russland schnell hinter sich gelassen. Das lag vor allem an der Konsumfreude der russischen Bürger, die nahezu einzigartig in Europa ist.











