Vom Abendblatt befragte Wirtschaftsforscher erwarten Abschwung, aber keine Rezession. Ölpreis fällt deutlich.

Hamburg. Wegen der Finanzmarktkrise blicken immer mehr Experten äußerst skeptisch auf die Zukunft der weltweiten Wirtschaft. Der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan malt derzeit ein besonders düsteres Bild und spricht von einer Jahrhundertkrise: "Diese Krise ist anders - ein Ereignis, wie es ein oder zwei Mal pro Jahrhundert vorkommt, tief verwurzelt in den Ängsten vor der Insolvenz großer Finanzinstitutionen", schreibt Greenspan in der "Financial Times". Er geht davon aus, dass weitere Banken zusammenbrechen.

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Die Finanzkrise werde erst ein Ende finden, wenn sich die Häuserpreise in den USA stabilisierten und die entsprechenden forderungsbesicherten Wertpapiere gestützt werden. "Die Überraschung der vergangenen Monate ist nicht, dass sich das Wachstum verlangsamt. Sondern dass es überhaupt noch Wachstum gibt."

Der renommierte Notenbanker ist selbst allerdings nach Ansicht seiner Kritiker nicht ganz unschuldig an der aktuellen Finanzkrise. Greenspan hatte als Chef der US-Zentralbank Fed nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 eine Politik des billigen Gelds betrieben und den US-Leitzins auf ein Rekordtief von 1,0 Prozent gesenkt. Schuldenmachen wurde damit höchst attraktiv. Viele Bürger, die es sich eigentlich nicht leisten konnten, kauften sich Eigenheime - und Banken vergaben leichtfertig Kredite. Der US-Häusermarkt gilt als Ausgangspunkt der derzeitigen Krise, die weltweit ihre Spuren hinterlässt: Banken mussten Milliarden abschreiben. Der Exportweltmeister Deutschland spürt eine Abschwächung seines Aufschwungs. Das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK hält sogar eine Rezession - also ein Negativwachstum - noch 2008 für möglich. "Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 50 Prozent", so Konjunkturexperte Peter Hohlfeld.

Die meisten Wirtschaftsforscher in Deutschland sehen die Zukunft dagegen weniger pessimistisch. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) bezeichnet den Greenspan-Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 als "übertrieben". "Wir werden weltweit noch nicht einmal eine mittelschwere Rezession erleben. Weder in den USA noch hierzulande", ist der IfW-Konjunkturchef Joachim Scheide überzeugt. "In Deutschland sind die Aussichten zwar nicht besonders rosig. Wir gehen aber davon aus, dass es mit der Konjunktur in der zweiten Hälfte 2009 wieder nach oben geht", sagte Scheide dem Abendblatt. "In der Zwischenzeit kommen wir vielleicht in die Nähe einer Stagnation, fallen aber nicht in eine Rezession."

Allerdings werde in den nächsten Monaten die Arbeitslosigkeit nicht mehr sinken und die Beschäftigung nicht mehr zunehmen. Gründe dafür seien die hohen Ölpreise, der starke Euro, die schwache Weltkonjunktur und die US-Immobilienkrise.

Auch der Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Udo Ludwig, sieht die Welt von einer Weltwirtschaftskrise "weit entfernt". Deutschland sei in einer "Schwächephase. Der Exportzuwachs verlangsamt sich, bricht aber nicht ein". Allerdings müsse es der US-Wirtschaft gelingen, ihr Leistungsbilanz- und Staatsdefizit mittelfristig wieder abzubauen. Auch das Hamburger HWWI sieht keine Rezessionsgefahr, ebenso wenig das Münchner Ifo-Institut. Unterdessen sorgten gestern sinkende Ölpreise für deutliche Kursgewinne an den Börsen.

Die hohen Ölpreise hatten monatelang die Inflation weltweit angeheizt und den Konsum der Privathaushalte gebremst. Der Rohölpreis rutschte erstmals wieder unter die 120-Dollar-Marke pro Barrel (159 Liter) - und war damit so niedrig wie seit drei Monaten nicht mehr. In der Spitze erklomm er 147 Dollar. Die Preise für Diesel und Super sanken dagegen an den Tankstellen gestern vielerorts nicht. Der ADAC rechnet für die nächsten Wochen aber mit fallenden Spritpreisen.