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Wirtschaft

USA: Hypothekenkrise, Rekordölpreis und schwacher Dollar setzen dem Land zu

Es fällt schwer, optimistisch zu sein

Rentner müssen in Autos übernachten, Familienväter bangen um ihre Ersparnisse und manchem fehlt sogar das Geld, um zur Arbeit zu fahren.

Washington. Barbara Harvey hat schon immer im kleinen kalifornischen Küstenstädtchen Santa Barbara gelebt und liebt den idyllischen Ort am Pazifik, wo Häuser durchschnittlich eine Million Dollar (620 000 Euro) kosten. Die Notarin wohnte bis vor einem halben Jahr in einem geräumigen Appartement mit Meeresblick.

Seitdem nennen die 67-Jährige und ihre beiden Golden Retriever Phoebe und Ranger einen weißen Honda CR-V ihr Zuhause. Harvey, die seit Jahrzehnten für mehrere Banken der Gegend arbeitete, wurde Ende letzten Jahres, als die Hypothekenkrise in den USA Fahrt aufnahm, ohne Vorwarnung gekündigt. Als sie ihre Miete, die 75 Prozent ihres Einkommens verschlang, nicht mehr zahlen konnte, setzte ihr Vermieter sie kurzerhand vor die Tür. "Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passieren könnte. Jetzt verbringe ich meine vermeintlich goldenen Jahre auf einem Parkplatz in einem Auto", zieht die sympathische Frau ein trauriges Fazit.

Während Barbara Harvey auf der Ladefläche ihres Fahrzeuges das Bett für die Nacht herrichtet, warten im gut hundert Kilometer entfernten Pasadena mehrere Hundert Menschen geduldig in einer Schlange vor der Zentrale der Indymac-Bank, um möglichst schnell Klarheit darüber zu bekommen, ob sie auch bald wie die Notarin auf der Straße stehen. Kurz vorher hatte die Bankenaufsichtsbehörde (FDIC) überraschend erklärt, dass sie ab sofort die Geschäfte der großen Wechsel- und Hypothekenbank mit ihren 33 Filialen übernehmen werde, da diese "kurz vor der Zahlungsunfähigkeit" stehe. Spareinlagen bis zu 100 000 Dollar (62 800 Euro) sind versichert. Doch das hilft James Sherman wenig. Er hatte gut dreimal so viel auf seinem Konto, mühsam im Laufe von 40 Jahren Arbeit zusammengetragen. Der Techniker: "Das sind meine Lebensersparnisse, ich fühle mich elend und kann das alles nicht verstehen." Die FDIC hofft, Indymac innerhalb der nächsten drei Monate verkaufen zu können. Schulden in Höhe von sechs bis acht Milliarden Dollar werden jedoch bleiben und am Ende von den Steuerzahlern zu schultern sein.

Die USA im Sommer 2008. Die Wirtschaft erlebt ihre schwierigste Zeit seit dem Börsencrash 1987. Nicht wenige stellen bereits Vergleiche mit der Depression von 1929 an. Seit Monaten gibt es kaum einen Tag ohne neue Hiobsbotschaften. Hypothekenkrise, Einbruch des Immobilienmarktes, drastisch steigende Arbeitslosigkeit, Ölpreise, die immer neue Rekorde brechen, der Dollar so schwach wie nie zuvor, Börsen im freien Fall, die Inflation auf dem höchsten Stand seit 1991 und nun auch noch die drohende Pleite der größten US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac.

Selbst alte Hasen der Wall Street haben inzwischen Zweifel, ob man aus der verfahrenen Situation noch einmal herauskommen wird. So erklärte David Bullock, Geschäftsführer von Advent Capital Management, kürzlich in der "New York Times": "Wir sind eher näher als ferner am Szenario einer Depression dran."

US-Notenbankchef Ben Bernanke und der amerikanische Wirtschaftsminister Henry Paulsen sind seit Tagen im Dauereinsatz und erklären vor Kongressausschüssen in Washington und bei Fernsehauftritten, dass die Lage "ernst und schwierig" sei, aber "kein Grund zur Panik" bestehe. So hat man beschlossen, Freddie Mac und Fannie Mae, die insgesamt über die Hälfte aller amerikanischen Hypotheken halten, im Fall von Liquiditätsschwierigkeiten voll abzusichern - mit Steuergeldern, versteht sich. Gleichzeitig erklärte Bernanke aber auch vor dem Wirtschaftsausschuss des US-Senates, dass die Konjunktur unter "zahlreichen Schwierigkeiten" leide und "ein erhebliches Risiko für Wachstum" bestehe. Die "New York Times" schrieb daraufhin: "Ein Gefühl wirtschaftlichen Untergangs hat Washington ergriffen."

Einzig und allein US-Präsident George W. Bush, der durch seine massiven Steuersenkungen für die Reichen, den Irak-Krieg und seine Politik des schwachen Dollar, die alle zu einer Rekordstaatsverschuldung in Höhe von über 9,5 Billionen Dollar beitrug, erheblichen Anteil an der Misere hat, sieht alles recht rosig. Am Mittwoch erklärte der scheidende Präsident fröhlich: "Ich bin ein Optimist und hoffe, dass es morgen besser wird."

Gary Rodriguez und seiner Familie fällt es schwer, optimistisch zu sein. Sie gehören zu den 7000 Amerikanern, die zurzeit im Durchschnitt täglich ihre Häuser der Bank überschreiben müssen, weil sie die Hypotheken nicht mehr zahlen können. Der Klempner, der in Miami lebt, ist wie so viele vor drei Jahren einem der Kredithaie aufgesessen, die Hypotheken mit günstigen Anfangsraten an Leute gaben, die unter normalen Umständen niemals in der Lage gewesen wären, ein Haus zu kaufen.

Als der Zinssatz vor einigen Monaten explodierte, war plötzlich alles weg und der Traum der Einwandererfamilie aus Chile ausgeträumt. "Ich verstehe nicht, dass diese Menschen von der Bank uns betrogen haben und wir dafür jetzt auf der Straße stehen", klagt Rodriguez, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern vorübergehend bei Freunden untergekommen ist.

Laut einer Studie der Organisation Center for Responsible Lending (CRL) sind Minderheiten wie Latinos und Schwarze besonders hart von der Hypothekenkrise betroffen. Sie müssen im Schnitt sechsmal so oft ihre Häuser aufgeben wie Weiße. So ist der Anteil der Afroamerikaner, die in den USA ein Haus besitzen, innerhalb von drei Jahren von 49 auf 46 Prozent gefallen. Dr. Williams Springs, Wirtschaftsprofessor an der Howard University in Washington: "Das ist signifikant und wir werden weiter sinkende Zahlen sehen."

Doch nicht nur die Hypothekenkrise treibt Hunderttausende in den USA in die Armut, auch die dramatisch gestiegenen Benzinpreise, die sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt haben, zerstören Existenzen, da die Leute nicht mehr genug Geld haben, um ihren Tank aufzufüllen und an ihren Arbeitsplatz zu fahren. Öffentliche Verkehrsmittel sind außerhalb der Metropolen nur sehr rudimentär vorhanden. Laurie Craig: "Wenn ich weiterhin mit meinem Auto zur Arbeit fahre, habe ich nicht mehr genug Geld für Miete und Essen, wenn ich nicht fahre, bin ich meinen Job los und stehe auf der Straße. Es scheint ausweglos."

Auch Hunderttausende von US-Studenten bekommen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise inzwischen zu spüren. Ein Großteil der Banken und Organisationen, die bisher recht freizügig Kredite an Studenten vergaben, damit diese die hohen Collegekosten bezahlen können, haben die Bedingungen dramatisch verschärft oder die Kreditvergabe ganz eingestellt. Harold Cramer, der an der Uni im kalifornischen Berkeley Politologie studiert: "Damit entzieht man mir meine Studiengrundlage, ich weiß nicht, wie ich das jetzt durchziehen soll."

Doch während sich die wirtschaftlichen Schreckensmeldungen wie ein schwere Decke über die USA zu legen scheinen, ist die Mehrheit der Amerikaner trotzdem davon überzeugt, dass sich die einzig verbliebene Weltmacht auch diesmal berappeln wird. Man hält sich dabei an jedem Strohhalm fest. So sorgte eine Investition des Multimilliardärs Warren Buffett in US-Firmen vor einigen Tagen für Schlagzeilen. Das Milliardenengagement Buffetts nährte die Hoffnung, dass der bekannteste Investor der USA, treu dem Spruch "dass die beste Zeit für Langzeitinvestitionen ist, wenn sich die Angst auf dem Höhepunkt befindet", das Licht am Ende des Tunnels sieht. Prompt gingen die Aktienpreise in den folgenden Tagen rasant in die Höhe.

Ob man wirklich die in den vergangenen Monaten schon oft beschworene Talsohle erreicht hat, weiß natürlich niemand genau, weder Börsianer, Arbeiter, Politiker oder Barbara Harvey. Die Notarin, die seit Monaten mit ihren Hunden im Auto auf einem Parkplatz lebt, weiß jedoch, dass sie nicht verzweifelt und erklärt in einer Sendung des Fernsehsenders CNN optimistisch: "Ich bin sicher, dass ich bald wieder in einem richtigen Bett in einer netten Wohnung schlafen kann und einen neuen Job habe. Das ist schließlich Amerika."

 

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