Spitzelaffäre: Berliner Firma NETWORK arbeitete auch für die Bahn
"Es gibt keinen zweiten Fall Telekom"
Auftragsvolumen für die Detektive beträgt insgesamt 800 000 Euro. Angeblich auch E-Mails von Mitarbeitern nachts kontrolliert.
Berlin/Hamburg. Die Bahn teilt mit der Telekom ein leidiges Schicksal. Nicht selten können ihre Manager geheime Zukunftspläne aus vertraulichen Sitzungen bereits tags darauf Schwarz auf Weiß in der Zeitung lesen. Bei dem Staatskonzern Bahn waren es zuletzt Details zur Privatisierung oder Personalentscheidungen. Solche Fälle von Indiskretion bringen den temperamentvollen Bahnchef Hartmut Mehdorn regelmäßig auf die Palme. "Er führt dann immer einen Riesentanz auf", berichtet ein Insider dem Abendblatt. Aber auch die Aufsichtsräte beklagten sich regelmäßig über die "undichten Stellen".
Wie kann man solche unliebsamen "Geheimnisverräter" enttarnen und das Handwerk legen? Eine Frage, die die Bahn nach einem Bericht des "Handelsblatts" offenbar mithilfe der Detektei Network Deutschland offensiv nachging - jenem Unternehmen, das auch im Auftrag der Deutschen Telekom illegal Telefongespräche von Aufsichtsräten und Journalisten ausgewertet haben soll. Angeblich ging es auch bei der Bahn um die "Ausforschung von Telefonverbindungen, Bankdaten und die komplette Durchleuchtung von Zielpersonen".
Doch die Deutsche Bahn streitet die Vorwürfe rechtswidriger Ausspähmethoden vehement ab. "Der im heutigen Bericht des ,Handelsblatts' erweckte Eindruck, dass die DB AG in vergleichbare Vorgänge wie bei der Deutschen Telekom AG verwickelt sei, ist schlichtweg unzutreffend", sagte der Antikorruptionsbeauftragte der Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, gestern auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz im Berliner DB-Tower. Ein Mann, der als Oberstaatsanwalt in Frankfurt am Main gefürchtet war, und seit einem Jahr sein Gehalt von der Deutschen Bahn als Chief Compliance Officer bezieht: "Es gibt keinen zweiten Fall Telekom."
Schaupensteiner räumte allerdings ein, dass die Deutsche Bahn von 1998 bis 2007 mit der Network Deutschland GmbH in 43 Fällen zusammengearbeitet hat. Das Auftragsvolumen bezifferte er auf insgesamt 800 000 Euro.
Der Antikorruptionsbeauftragte betonte, es gebe keinerlei Hinweis, "nicht den geringsten!", dass sich der externe Dienstleister illegaler Methoden bedient habe, sprich Bahnmitarbeiter ausgespäht habe.
Schaupensteiner wies darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit Network Deutschland bereits vor Beginn der Ära Mehdorn zustande gekommen sei. Es sei die Konzernrevision gewesen, die die Firma 1998 erstmals zugezogen habe. Das sei ein ganz normaler Vorgang, sozusagen "Alltagsroutine". Ziel der Beauftragung sei ausschließlich die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption gewesen. In einem Fall sei es beispielsweise um die Aufdeckung einer Scheinfirma in den USA gewesen, in einem anderen sei die Bahn "im technischen Segment Opfer eines Kartellsachverhalts" geworden.
Zu keinem Zeitpunkt habe die Bahn Aufträge zur Beschaffung von nicht offiziellen Daten erteilt. Weder was Aufsichtsräte, noch was Journalisten betreffe. Auch stelle man die Bahnmitarbeiter nicht unter Generalverdacht. "Gezielte Kontrollen" seien jedoch geboten, und in einem Unternehmen von der Größe und Bedeutung der DB AG völlig normal. Die bisher erreichten Erfolge bei der Aufdeckung von Indiskretionen und der Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen seien allerdings komplett "auf rechtskonforme Ermittlungen der eigenen Konzernsicherheit zurückzuführen". Es sei richtig, dass man sich von Mitarbeitern getrennt habe, von welchen, sagte Schaupensteiner nicht.
Auf die Frage, ob die Bahn vorhabe, die Network Deutschland GmbH erneut zu beauftragen, antwortete Schaupensteiner, man werde "Hinweise auf Unzuverlässigkeit" in die Entscheidung einbeziehen: "Selbstverständlich werden wir unsere Auftragsvergabe in ganz anderem Licht sehen. Da wird ganz anders hingeschaut werden."
Ein Insider berichtete dem Abendblatt, dass die Detektei Network zu den "Haus- und Hoflieferanten" der Bahn gehörte. Sie arbeitete vornehmlich für die Revision, die sich auch intensiv um gezielte Indiskretionen gekümmert haben soll. Ob Network auch in Ermittlungen gegen Mitarbeiter eingebunden war, ist unklar. Der Bahnkenner berichtet jedoch von mehreren Fällen, in denen Mails von Mitarbeitern nachts gezielt überprüft worden sein sollen, um zu prüfen, welche Kontakte sie pflegten.
Journalisten, die sich als mögliche Bespitzelungsopfer sehen, sind bisher nicht bekannt. Auch Klaus Ott von der "Süddeutschen Zeitung", der als investigativer Journalist und exzellenter Bahnkenner gilt, sieht sich nicht im Visier der Bahn: "Falls es so gewesen ist, wie Schaupensteiner es gesagt hat, wäre prinzipiell gegen das Vorgehen der Bahn nichts einzuwenden." Gestern Abend verwies auch die Network Deutschland GmbH darauf, dass sie "zu keinem Zeitpunkt (...) Bankdaten verarbeitet oder ausgespäht, oder Bankdaten mit Telefondaten verknüpft, noch Bankdaten erhalten, noch ermittelt" habe.
Dagegen ist der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Peter Hettlich (Grüne) davon überzeugt, dass die Bahn auch "außerhalb des Konzerns Personen überwacht" habe. Er habe zwar kein Beweise, so Hettlich. "Wir haben aber aus dem Konzern heraus schon vor einiger Zeit gehört, dass Dossiers über Bundestagsabgeordnete angelegt wurden. Das war für uns ein offenes Geheimnis." Betroffen sei seiner Auffassung nach neben dem Verkehrs- auch der Haushaltsausschuss. Beide befassen sich mit der Privatisierung der Bahn und haben zusammen 78 Mitglieder.
Der Bundesvorsitzende der Bahngewerkschaft GDBA Klaus-Dieter Hommel und Aufsichtsratsmitglied der Bahn möchte nun konkret wissen, was an den Vorwürfen dran ist. Er fordert eine rückhaltlose Aufklärung.





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