Milch-Streit: Proteste eskalieren - Polizei marschiert auf
Bauern blockieren alle Molkereien im Norden
In den Geschäften leeren sich die Regale. Ketten signalisieren Gesprächsbereitschaft. Der Streit über die Höhe der Milchpreise eskaliert: Wütende Bauern versperrten gestern mit ihren Traktoren den Weg zu Dutzenden Molkereien in ganz Deutschland. In Schleswig-Holstein waren alle Molkereien blockiert.
Hamburg. Nach Einschätzung der Milchindustrie wurde weniger als die Hälfte der üblichen Milchmenge geliefert, nach Angaben des Milchbauernverbandes fielen sogar 70 bis 80 Prozent der üblichen Menge aus. Auch in Nachbarländern wie der Schweiz und den Niederlanden gab es Lieferstopps der Milchbauern. Handelsketten wie Aldi Süd schlossen nicht aus, dass es in den nächsten Tagen zu ersten Lieferengpässen kommen könnte.
Vor der Molkerei frischli in Rehberg-Loccum (Kreis Nienburg) waren 240 Einsatzkräfte der Polizei angerückt, um eine Blockade von Landwirten gewaltsam aufzulösen. Im schleswig-holsteinischen Schmalfeld rückte eine Hundertschaft der Polizei an. Die Bauern fühlen sich durch den Preisdruck großer Handelsketten in ihrer Existenz bedroht. Sie fordern einen Milchpreis von 43 Cent pro Liter - gezahlt werden derzeit 27 bis 35 Cent. Dies decke nicht einmal die Produktionskosten, argumentieren viele Bauern.
Massiv von den Protesten betroffen war die Nordmilch aus Bremen, das nach eigenen Angaben größte milchwirtschaftliche Unternehmen Deutschlands. Zehn seiner elf Standorte waren blockiert. Nordmilch sprach von einer "Eskalation", die das Unternehmen "zutiefst verabscheue". Denn auch lieferwillige Bauern seien gezwungen, gigantische Mengen Milch direkt in den Abfluss zu leiten.
Die Molkereien müssten nun mit Schadenersatzforderungen rechnen. "Landwirte, die Milch abliefern wollen und nicht können, und der Einzelhandel werden Forderungen aufmachen", sagte der Geschäftsführer des Genossenschaftsverbands Norddeutschland (GVN), Burghardt Otto.
Die demonstrierenden Milchbauern bedauerten erneut, dass sie ihre Milch wegkippen oder verfüttern müssen. Es gebe aber keine andere Möglichkeit. Dennoch droht ihnen Ärger. "Wir prüfen gerade, ob der Aufruf des Bundesverbands der Milchviehhalter zum Lieferstopp als Boykottaufruf zu werten ist", sagte Silke Kaul vom Bundeskartellamt dem "Tagesspiegel". Sollte sich der Verdacht bestätigen, könnten gegen den Verband Millionen-Bußgelder verhängt werden.
In den Geschäften war die Lage gestern noch entspannt. "Es gibt derzeit keinen Engpass in Hamburger Märkten", sagte Edeka-Sprecher Alexander Lüders. Die Verbraucher hielten sich auch mit Hamsterkäufen zurück. Bei Plus gab es in einzelnen Geschäften verringerte Bestände.
Aus Sorge vor sich leerenden Kühlregalen signalisierten Handelsketten wie Rewe, Edeka oder Aldi gestern Gesprächsbereitschaft. Am Abend gab es in Köln ein erstes Treffen zwischen Bauernvertretern und dem Lebensmittelhandel, allerdings ohne Ergebnis. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) kündigte zudem einen "Milchgipfel" mit Vertretern der Länder an. Die Bauern wollen ihren Lieferstopp erst beenden, wenn sie ihre Forderung durchgesetzt haben.




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