22.05.08

Machtkampf: Mitglieder fordern Zerschlagung des "Systems Hansen"

Gewerkschaft Transnet vor Zerreißprobe

Nach dem Wechsel des früheren Vorsitzenden zum Bahn-Konzern will die Basis einen Richtungswechsel.

Foto: dpa
Lothar Krauß (52) leitet seit wenigen Tagen die größte deutsche Bahngewerkschaft Transnet mit 240 000 Mitgliedern. Er trat die Nachfolge von Norbert Hansen an, der als Arbeitsdirektor in den Bahnkonzern wechselte. Doch der Ruf nach einem Neuanfang wird lauter.

Hamburg. Nur zwei Wochen nach dem spektakulären Seitenwechsel ihres Ex-Vorsitzenden Norbert Hansen zum Bahnkonzern rumort es kräftig an der Basis der größten deutschen Bahngewerkschaft Transnet. Immer mehr Mitglieder fordern selbst nach der Wahl des neuen Vorsitzenden Lothar Krauß den Rücktritt des gesamten geschäftsführenden Vorstands sowie einen außerordentlichen Gewerkschaftstag, um Transnet auf neue Füße zu stellen. Zudem wird der Ruf nach einem Stopp der Bahnprivatisierung lauter.

Das Vertrauen scheint bei vielen Mitgliedern durch den Abgang Hansens, der als hochdotierter Arbeitsdirektor zum 1. Juni zum Bahnkonzern geht, tief greifend zerrüttet. Zahlreiche Eisenbahner haben ihre Mitgliedschaft bei Transnet gekündigt, berichten Vertrauensleute. "Es gab Kritik und Austritte", bestätigt Transnet-Sprecher Michael Klein. Konkrete Zahlen gibt die Gewerkschaft nicht preis.

"Der Weg muss freigemacht werden für einen demokratisch legitimierten Neuanfang", fordern die Vertrauensleute des Bezirks Nord-Ost in einem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt. Die Transnet-Vertrauenspersonen im Werk Hamburg-Eidelstedt fordern in einer Resolution einen Kurswechsel: "Die Politik des Co-Managements ist gescheitert. Der geschäftsführende Vorstand, der den bisherigen Kurs ausdrücklich gutheißt, muss zurücktreten. Die Vorgänge um den Wechsel von Norbert Hansen müssen vollständig aufgeklärt werden." Die Transnet-Spitze sieht dagegen keinen Handlungsbedarf. "Der Gewerkschaftsbeirat, das höchste Beschlussgremium zwischen den Gewerkschaftstagen, hat einen außerordentlichen Gewerkschaftstag abgelehnt", sagte Transnet-Sprecher Klein. Stattdessen werde der Gewerkschaftstag ganz regulär im November abgehalten - mit Vorstandsneuwahl.

Doch weitere sechs Monate Warten ist manchem Transnet-Mitglied zu lange. "Das Verhalten und der Kurs von Norbert Hansen haben unsere Gewerkschaft in eine tiefe Krise geführt, inhaltlich wie finanziell, und innerhalb des DGB in eine Isolation", urteilen die Hamburger Transnet-Vertrauensleute. Auch bei der Hamburger DB-Güterverkehrssparte soll heute eine Rücktrittsforderung an den Vorstand formuliert werden, so Transnet-Vertrauensmann Hans-Dieter Springhorn: "Wir wollen nichts aussitzen und abwarten, sondern unsere Gewerkschaft neu aufstellen."

Manche Gewerkschafter sprechen von einem "System Hansen", das zerschlagen werden müsse. Mit größtem Argwohn betrachten Transnet-Mitglieder die langjährige Eintracht zwischen Bahnchef Hartmut Mehdorn und Hansen für den Börsengang. "Die Funktionäre rund um Hansen habe eine offene Diskussion um die Privatisierung verhindert", meint Hans-Gerd Öfinger, Sprecher von der Transnet-Basisinitiative Bahn von unten, in der sich kritische Transnet-Mitglieder zusammengefunden haben.

In dieser Initiative, die bereits vor acht Jahren von Betriebsräten ins Leben gerufen wurde, zeigt sich eine bisher wenig bekannte Seite von Transnet: die Privatisierungskritiker. Viele würden die Privatisierung am liebsten stoppen: "Wenn es möglich war, die geplante Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete zu stoppen, dann kann und muss die SPD-Bundestagsfraktion jetzt auch bei der Bahnprivatisierung die Notbremse ziehen", meint Öfinger. Zwar habe die Koalition die Privatisierung von bis zu 24,9 Prozent der Bahn bereits durchgewinkt. Die Parteien seien aber mit Hansen "einem Blender aufgesessen", der "persönliche Ziele verfolgt hat", so Öfinger.

Nach dem Vorstandswechsel kommen aber selbst aus der offiziellen Transnet-Spitze plötzlich moderatere Töne. "Die Gewerkschaft Transnet hat die Privatisierung nie gefordert", sagt Transnet-Sprecher Klein. Die Politik habe sie vereinbart und die Aufgabe von Transnet sei es, die Beschäftigten dabei vor den Folgen abzusichern. Auch Solidarität aus alter Verbundenheit werde es mit dem neuen Arbeitsdirektor Hansen nicht geben. Sollte Hansen Rationalisierungen planen, werde Transnet dem neuen Bahnmanager die Rote Karte zeigen.

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