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Wirtschaft

Emsüberführung: Wie das neue Kreuzfahrtschiff "Aidabella" von Papenburg nach Emden kam

Im Rückwärtsgang der Nordsee entgegen

40 Kilometer voller Nadelöhre, vorbei an Fans mit Fackeln und Wunderkerzen. Und an Bord wird schon der Wellnessbereich ins rechte Licht gerückt.

Papenburg. Vor dem Auslaufen gibt es erst mal einen Rüffel. "Auf die Leinen gucken, nicht auf die schönen Mädels", fährt der Kapitän des Schleppers "Bremerhaven" seine Mannschaft an. So laut dröhnt die Stimme über das Wasser, dass sie noch auf dem Aussichtsdeck der "Aidabella" zu hören ist. Nur ungern reißen die Matrosen daraufhin ihre Blicke von den drei freundlichen Damen am Heck des Kreuzfahrers los und konzentrieren sich wieder ganz auf ihre Arbeit. Stück für Stück spannen sich die Seile, die den Schlepper mit dem riesigen, 13 Decks hohen Neubau verbinden.

Donnerstagabend, gegen 19 Uhr. Im Zeitlupentempo beginnt die "Aidabella", sich von der Kaimauer zu lösen und durch die Dockschleuse der Papenburger Meyer Werft zu schieben. Zum Greifen nah scheinen die Menschen, die dick eingemummelt und mit Heißgetränken bewaffnet auf dem Deich stehen. Obwohl es schon fast dunkel ist und bitterkalt, säumen mehr als tausend Schiffsfans das Ufer, schwenken Wunderkerzen und recken Transparente in die Höhe. "Wir wünschen eine gute Reise" steht auf einem. Papenburg sagt dem zweiten Neubau für die Rostocker Kreuzfahrtreederei Aida Cruises Lebewohl.

Es sind rund 40 Kilometer, die das Kreuzfahrtschiff von Papenburg bis nach Emden vor sich hat. Ein nächtlicher Hindernisparcours auf dem Flüsschen Ems, gespickt mit Brücken und anderen Nadelöhren. Rund 13 Stunden wird es dauern, bis der Neubau im Hafen der friesischen Stadt festmacht, die einen unmittelbaren Zugang zur Nordsee garantiert.

Die gesamte Strecke wird die "Aidabella" im Rückwärtsgang zurücklegen. "So haben wir das ganze Schiff mit seinen Aufbauten besser im Blick", sagt Werftkapitän Thomas Teitge (48). Der besonnene, schlacksige Seemann ist derjenige, der die "Aidabella" zusammen mit vier Kollegen von der Lotsenbrüderschaft in Emden über den Fluss manövriert. Minutiös hat er die Überführung geplant und bereits einmal komplett durchgespielt: Im holländischen Wageningen steht ein Simulator, in dem das gesamte Team jede Passage probt.

Doch trotz der Tests ist auch diese Überführung ein Abenteuer: Eigentlich sollte sie erst an diesem Wochenende stattfinden. Doch die Wetterprognosen waren so schlecht, dass Teitge die Abfahrt kurzerhand auf Donnerstag vorverlegte. "Windböen der Stärke neun bis zehn waren angesagt, da kann das Schiff leicht an eine Mauer gedrückt werden", sagt der Werftkapitän. Und eine Schramme im 320 Millionen teuren Neubau wollten weder Werft noch Reederei riskieren.

Während sich die "Aidabella" mit fünf Kilometer pro Stunde gemächlich auf das Örtchen Weener zubewegt, gehen die letzten Ausbauarbeiten an Bord ungerührt weiter. Nach einem Jahr Bauzeit ist das Schiff zwar so gut wie fertig. Goldene Geländer, orangefarbene Korridore und grüne Sitzmöbel riechen unter den schützenden Plastikplanen wie ein zum ersten Mal geöffneter Neuwagen.

Doch mehrere Hundert Mitarbeiter der Meyer Werft, der Reederei und zahlreicher Fremdfirmen nutzen die Stunden auf der Ems noch für den letzten Schliff. So müht sich Lichtplanerin Isabel Albert gerade mit der "Candlelight"-Einstellung im afrikanisch angehauchten Wellnessbereich. Die Berlinerin krabbelt zwischen Whirlpool, Palmen und Plastikorchideen herum und versucht, sie in ein möglichst romantisches Licht zu setzten. 30 000 Lichtpunkte gibt es auf dem Schiff insgesamt. "Ich werd' die Nacht wohl durchmachen", seufzt sie.

Im Theatrium, dem gläsernen Zentrum des Schiffs, hat sich eine Artistentruppe schon mal der Bühne bemächtigt und studiert eine Choreografie zur Musik von Pink Floyd ein. "Die gläserne Kuppel mit mehreren Meter Höhe hier erlaubt uns ganz neue, akrobatische Einlagen", schwärmt Nobert Aust, Geschäftsführer des Schmidts Tivoli in Hamburg. Aust ist auch Chef von SeeLive, einem Joint Venture mit Aida, das für das künstlerische Programm an Bord der Clubschiffe zuständig ist.

Unterhaltung wird auf dem jüngsten Modell der nun fünf Schiffe umfassenden Aida-Flotte großgeschrieben. Dazu zählt auch jede Menge technischer Schnickschnack wie ein 4D-Kino, in dem sich die Gäste auf dreidimensionale Achterbahnfahrten begeben können und dabei von beweglichen Sitzen durchgerüttelt werden.

Eigentlich ist die tatsächliche Fahrt der "Aidabella" schon interessant genug. Gegen 22.30 Uhr erreicht der Neubau das Nadelöhr der Emspassage, die Jann-Berghaus-Brücke in der Nähe von Leer. Das Bauwerk wurde extra für das Schiff hochgeklappt. Mit seinen 32,2 Meter Breite passt es im Prinzip locker durch die entstandene Öffnung, doch das aufgeklappte Brückenstück steht ein wenig schräg, sodass auf einer Seite kaum mehr als ein Meter Platz zwischen der Kommandobrücke des Schiffs und dem hochgeklappten Stahl bleibt.

Werftchef Bernhard Meyer beobachtet auf Deck gespannt, wie der Kapitän das Schiff durch den Engpass lotst. Auch hier stehen wieder Hunderte von Menschen auf beiden Seiten der Brücke und empfangen den Kreuzfahrer mit einem Blitzlichtgewitter. "Ist schon bewegend, dass so viele Menschen wegen unserer Schiffe hierherkommen", sagt der 59-Jährige und wirkt ein bisschen wie ein gutmütiger König, der auf sein Volk hinabschaut. Meyer hat Einfluss im Emsland. 2500 direkte und Zigtausend indirekte Arbeitsplätze, die an seiner Werft hängen, sprechen eine klare Sprache. Extra für seine Schiffe wird die Jann-Berghaus-Brücke in den kommenden Monaten erneuert. Ein weiterer Teil wird sich aufklappen lassen und damit den geplanten Schiffen für Celebrity- und Disney-Cruises Durchfahrt gewähren.

Die Werft selbst hat alles in ihrer Macht stehende getan, um die Emsüberführungen so sicher wie möglich zu machen. Auf der nur spärlich beleuchteten Kommandobrücke der "Aidabella" weist ein verbessertes satellitengestütztes Navigationssystem Kapitän Teitge den Weg. Die Monitore am Kommandostand zeigen die Ideallinie an, auf der sich das Clubschiff bewegen soll. Und sie ermöglichen sogar einen Blick in die Zukunft. Zu sehen ist nicht nur die tatsächliche Position der "Aida", sondern auch ein zweites Schiff, das anzeigt, wo sich der Riese in 90 Sekunden befinden wird, wenn Geschwindigkeit und Richtung beibehalten werden. Sollte der Kapitän dieses Phantomschiff einmal in der Böschung sehen, wäre es höchste Zeit gegenzusteuern.

In dieser Nacht aber läuft alles glatt. Sicher passiert die "Aidabella" gegen 3.10 Uhr das Emssperrwerk und läuft am frühen Morgen in den friesischen Hafen ein. Die Emdener begrüßen es am Ufer mit Fackeln und Sambatrommeln.

Nach der 18. erfolgreichen Emsüberführung könnte Kapitän Teitge nun eigentlich von Bord gehen und sich erst einmal ausschlafen. Schließlich wohnt er nur ein paar Autominuten vom Liegeplatz entfernt. Doch Teitge bleibt an Bord - noch gut zwei Wochen. "Erst müssen alle Testfahrten auf der Nordsee abgeschlossen sein", sagt er trocken. "Dann darf auch ich das Schiff verlassen." Seine Frau will ihn zwischendurch mal besuchen kommen.

www.abendblatt.de/video-aidabella

 

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