Reich der Mitte rüstet gegen die Konkurrenz im Ausland auf. Industrie spricht von massiven Auswirkungen auf deutschen Arbeitsmarkt.
Hamburg. Im Vorfeld der weltgrößten Automobilausstellung IAA liegen zwei der größten Automärkte im Streit: Die Chinesen haben mehrere Autos bei deutschen Herstellern abgekupfert und ihren Modellen ein nahezu identisches Design gegeben wie die Erfolgsmodelle von zwei renommierten Autobauern: Der CEO erinnert mit seinem Design an den X5 von BMW. Und der chinesische Kleinwagen Nobel an den Smart Fortwo von Daimler. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte jetzt die chinesischen Plagiate: "Wenn dann plötzlich ein Auto dasteht, das aussieht wie ein Smart, aber keiner ist, sondern doch eine Kopie, die nicht ganz legal erarbeitet wurde, dann ist das nicht gut", sagte Merkel während ihres jüngsten China-Besuchs.
Original und Fälschung
Auf Rekordfahrt
Die Chinesen zeigen sich angesichts der Vorwürfe, dass die beiden Modelle kopiert worden seien, jedoch wenig einsichtig: Ein Sprecher des Herstellers Shuanghuan sagte dazu nur, dass es "bei vielen Autos so ist, dass sie im Zuge der Entwicklung einige fortschrittliche Dinge voneinander lernen". Zugleich betonte er, dass Shuanghuan ein "legales Unternehmen" sei. "Unsere Autos sind legale Produkte. Deswegen macht es keinen Sinn für uns, ausführlich auf die Vorwürfe einzugehen." Die Automodelle seien in Peking bei der Reform- und Entwicklungskommission, der obersten Wirtschaftsbehörde in China, registriert worden.
Allerdings meldete Shuanghuan zuletzt, einer direkten Konfrontation auf der IAA aus dem Wege gehen zu wollen. Die beiden kritisierten Modelle sollen nicht in Frankfurt gezeigt werden. Das Unternehmen selbst habe ohnehin nicht die Absicht gehabt, den CEO und den Nobel auf der weltweit größten Autoausstellung zu zeigen, sagte der Sprecher des Unternehmens aus Shijiazhuang (Provinz Hebei). "Einige Autoverkäufer wollen unsere Fahrzeuge nach Frankfurt bringen, aber wir haben das nicht genehmigt." Verkauft werden sollen die Fahrzeuge hierzulande über den Importeur China Automobile Deutschland. Er will die Autos über ein Netz von bis zu 100 Händlern ab Oktober verkaufen.
BMW kündigte am Freitag an, gegen die Kopie des X5 juristisch vorgehen zu wollen. "Wir leiten rechtliche Schritte ein", sagte ein Sprecher. Man habe Hinweise darauf, dass der Sportgeländewagen CEO demnächst in den Vertrieb gehen solle. Zu weiteren Details wollte sich der Sprecher mit Verweis auf das schwebende Verfahren aber nicht äußern. Der weiß-blaue Autobauer geht bereits gegen den Vertrieb des CEO in Italien mit einer Abmahnung gegen den Importeur vor.
Die deutschen Autobauer reagieren zunehmend nervöser auf die Konkurrenz aus China. Denn dass die Autoindustrie aus dem Reich der Mitte allmählich exportfähig wird, bezweifelt niemand. "Wir werden eine ähnliche Entwicklung sehen wie bei den Fahrzeugen der Hersteller aus Japan und Korea, allerdings etwas schneller", glaubt der China-Chef von Volkswagen, Winfried Vahland. Bis Fahrzeuge aus China in großen Stückzahlen in Europa oder Amerika zu finden sein werden, könnte es zwar noch etwa fünf bis zehn Jahre dauern, ergänzt der China-Kenner. Aber schon heute exportieren die Chinesen ihre Fahrzeuge. Wenn auch vorwiegend nur nach Russland, Kasachstan und Iran.
Damit sie bald auch in den etablierten Automärkten Fuß fassen kann, fördert Peking die heimische Autoindustrie nach Kräften: Chinas Regierung will aus der zersplitterten Branche einige wenige Autoriesen schaffen, die es mit den Weltkonzernen aufnehmen sollen. Der größte Hersteller Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC), der Joint Ventures mit Volkswagen und General Motors betreibt, begann Verhandlungen mit der Nanjing Automobile Corp. (NAC) über einen Zusammenschluss. Zugleich ermuntert Peking aber auch zur Entwicklung eigener Marken. Als erster ausländischer Autobauer kündigte Honda an, mit seinem Partner Guangzhou Automobile Group bis 2010 eine neue Marke zu entwickeln. Die ersten Modelle basieren aber noch auf bestehenden Honda-Modellen und sollen unter 80 000 Yuan, umgerechnet etwa 8000 Euro kosten.
Zwar waren die Bemühungen chinesischer Produzenten wie Chery oder Brilliance, in Europa und den USA Fuß zu fassen, zunächst von schweren Rückschlägen geprägt. Verheerende Ergebnisse der BS6 Limousine von Brilliance beim ADAC-Crashtest oder des Chery Amulet in Russland haben Kritiker über die "China-Kracher" spotten lassen. Doch hat Chery gerade eine Kooperation mit Chrysler unterzeichnet, um billige Kleinwagen unter der Marke Dodge für die USA herzustellen. Und Brilliance macht neue Anstrengungen, auch höhere Sicherheitsanforderungen zu erfüllen.
Experten warnen vor dem Hintergrund der Produktpiraterie und einer gemeinsamen Autoentwicklung allerdings vor Risiken durch Industriespionage. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf sagte, nach Ansicht von Wirtschaftsfachleuten werde China es trotz hoher Wachstumsraten kaum schaffen, in den nächsten Jahren ohne Spionage seine Hightech-Produktion auf Weltklasseniveau zu bringen. Gerade die Volksrepublik stütze sich stark auf die Arbeit ihrer Nachrichtendienste, wenn es um den Transfer von Technologie und Know-how aus dem Ausland geht, sagte der FDP-Politiker. Bei scheinbar harmlosen Geschäftsreisen, Messen oder Botschaftsveranstaltungen versuchen Spione nach Erkenntnissen des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, das Vertrauen von Vertretern interessanter Wirtschaftsbereiche zu gewinnen. Ihr Ziel: die mehr oder weniger unabsichtliche Preisgabe von Know-how. Immer häufiger verschwänden PC, Laptops und andere Datenträger. Von den Unternehmen werde dies zunächst nur als Verlust von Hardware eingestuft. Tatsächlich könne aber mit jedem Datenträger auch Firmen-Know-how gestohlen worden sein. Aktuelle Studien bestätigen, dass rund 40 Prozent aller deutschen Unternehmen bereits durch kriminelle Angriffe im Wirtschaftsbereich geschädigt worden sind.
Dabei sind der ungewollte Technologietransfer und die damit einhergehende Produktpiraterie in der Lage, in Deutschland Arbeitsplätze zu vernichten. Nach Ansicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHT) könnten "wir in Deutschland rund 70 000 Arbeitsplätze mehr haben, wenn es die Produkt- und Markenpiraterie nicht gäbe", sagte DIHT-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.












