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Wirtschaft

Weltzukunftsrat: Gründer Jakob von Uexküll: Die Wirtschaft muss umdenken

"Kurzstreckenflüge hoch besteuern"

Initiator des "Weltgewissens" warnt vor einem globalen Notstand. Firmen sollen im Kampf gegen den Klimawandel kooperieren, nicht konkurrieren.

ABENDBLATT: Sie haben den Weltzukunftsrat gegründet, eine Internationale Organisation aus 50 Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern aus aller Welt, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, künftigen Generationen einen "gesunden Planeten" zu hinterlassen. Sie warnen vor einer globalen Notstandsituation, wie es sie in der Geschichte noch nicht gegeben hat. . .

JAKOB VON UEXKÜLL: Ja, was den Klimawandel und die Knappheit der fossilen Brennstoffe angeht, haben selbst die Pessimisten die Risiken unterschätzt. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher und müssen die Nachfrage nach energieintensiven Gütern und Dienstleistungen reduzieren.

ABENDBLATT: Durch die stetige Steigerung der Produktivität ist unsere Wirtschaft aber auf Wachstum angewiesen, sonst fallen Arbeitsplätze weg. . .

VON UEXKÜLL: Es gibt hier aber Auswege: So wollen die wenigsten Menschen ein Auto um des Autos willen besitzen, sondern um von A nach B zu kommen. Warum also solche Produkte nicht häufiger leasen und effizienter nutzen als wir es heute tun? Der US-Teppichhersteller interface ist ein gutes Beispiel: Die Teppiche können geleast werden, sind recyclebar und bestehen aus einzelnen Quadraten: Ist ein Teilstück dreckig, kann man es austauschen ohne den ganzen Teppich wegwerfen zu müssen.

ABENDBLATT: Viele Unternehmen werden sich aber nicht umgehend auf solche neuen Denkweisen einstellen. Muss dabei auch Druck von außen ausgeübt werden?

VON UEXKÜLL: Ja, wir brauchen etwa eine entsprechende Ökosteuerreform und Abschreibungsregeln, die die Wirtschaft stärker ökologisch ausrichten.

ABENDBLATT: Wird den Unternehmen etwa bei höheren Ökosteuerbelastungen nicht die Wettbewerbsfähigkeit genommen?

VON UEXKÜLL: Der Klimawandel und das Wirtschaften auf Kosten der nächsten Generationen sind ein globales Problem. Die Verantwortung, den Kindern keine schlechtere Welt zu hinterlassen, entspricht dem weltweit gültigen Wertesystem, auf das sich auch der Weltzukunftsrat stützt. Deshalb muss es auch globale Lösungen dafür geben, die sich nicht nach dem amerikanischen Modell des Wettbewerbs um das Billigste, sondern nach dem europäischen Vorbild der Kooperation für das Beste richtet.

ABENDBLATT: Wie wollen Sie Kooperation in einer durch Einzelinteressen gesteuerten Marktwirtschaft durchsetzen?

VON UEXKÜLL: Es muss eine globale Übereinkunft geben, dass der Kampf gegen den Klimawandel ähnlich wie der Kampf gegen den Terrorismus nur gewonnen werden kann, wenn alle gemeinsam daran arbeiten. So müssen Industrieländer den weniger entwickelten Ländern Technologien zur Verfügung stellen, um weniger Emissionen zu verursachen oder weniger Ressourcen bei der Produktion zu verbrauchen. Es muss ein Bereich definiert werden, der einfach nicht dem Konkurrenzdenken unterliegen darf.

ABENDBLATT: Und dann kopiert ein chinesischer Konzern die Umwelttechnologien von Siemens und macht den Deutschen auf dem Weltmarkt Konkurrenz?

VON UEXKÜLL: Die Besitzer von Patenten müssen dafür natürlich entschädigt werden. Das kann aus einem globalen Fonds geschehen. Das Ziel muss sein, innovative Umwelttechnologien auf der ganzen Welt zu verbreiten. So schnell wie möglich. Die Sonnenenergie von heute können wir morgen nicht mehr nutzen.

ABENDBLATT: Viele Menschen in Schwellenländern wie China sind heute vermutlich eher daran interessiert, ein Auto oder einen Fernseher zu besitzen als zur Abwendung der globalen Klimakatastrophe beizutragen. Sie könnten dieses Ziel als Luxusproblem der Industriestaaten abtun. . .

VON UEXKÜLL: Die Umweltzerstörung wird auch in China als große Bedrohung gesehen. Die Aufgabe des Weltzukunftsrates ist es daher, das Problem des Klimachaos zur ethisch-moralischen Frage zu erheben. Wie es beispielsweise schon bei der Abschaffung der Sklaverei gelungen ist - obgleich sie ökonomisch profitabel war. Darüber hinaus muss es aber auch bindende internationale Abkommen geben. So müssen die Produkte derjenigen Hersteller verteuert werden, die auf Kosten der Zukunft wirtschaften.

ABENDBLATT: Würden sich ärmere Menschen nicht zurecht beschweren, vom Konsum ausgeschlossen zu werden? Sich beispielsweise keine Flüge mehr leisten zu können, wenn die Emissionen besteuert werden?

VON UEXKÜLL: Hier muss unterschieden werden zwischen Luxus- und Überlebensemissionen. Kurzstreckenflüge etwa sollten hoch besteuert werden, weil sie auch durch die Bahn ersetzt werden können. Auch bei einem Zehn-Euro-Flug werden derzeit nicht die tatsächlichen Kosten berücksichtigt, weil ohne die ökologischen Folgen kalkuliert wird. Dagegen wäre es grotesk, eine Frau in Laos zu belangen, weil ihre Kühe zu hohe Emissionen verursachen. Aber auch in diesen Ländern wirkt der Weltzukunftsrat als normative Kraft.

ABENDBLATT: Inwiefern?

VON UEXKÜLL: Wir versuchen entgegenzuwirken, wenn sich die Stimme des globalen Konsums überall durchzusetzen droht. Wenn wir hören, dass die buddhistischen Werte der Genügsamkeit und des Maßhaltens in Thailand nur noch in der Grundschule gelehrt werden und nicht an der Uni. Oder wenn Inder von der Armut in die Verschuldung geraten, weil sie meinen, ihren Kindern Nike-Turnschuhe für die Schule kaufen zu müssen.

ABENDBLATT: Die Wirtschaft entwickelt sich dort am schnellsten, wo am meisten investiert wird, wo das meiste Geld hinfließt. Heute sind es häufig mächtige Finanzinvestoren, die einen Großteil des Geschehens in der globalen Wirtschaft lenken. Sie sind auf der Suche nach schnellen Gewinnen, und nicht bekannt für ökologisches Vorausdenken. . .

VON UEXKÜLL: Aber sie wissen auch, dass zum Beispiel nach dem baldigen "peak oil", dem Höchststand der globalen Ölvorräte, viele Investitionen wertlos sein werden, weil ihr Wert auf der Erwartung zukünftiger Einkünfte beruht. In einer zerstörten Umwelt ist wenig zu gewinnen. Der wirkliche Reichtum, also gesunde Luft, ausreichend Wasser und gesunde Lebensmittel müssen sich auch in der Bewertung an den Aktienmärkten widerspiegeln.

 

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