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Wirtschaft

Wenn das Eigenheim zum Albtraum wird

Zuerst kamen die Mahnbriefe. Dann die Telefonanrufe. Und schließlich ein offizielles Schriftstück vom Gericht: Das Haus, das Bill Smith und seine Frau Mindy vor drei Jahren am Stadtrand von Austin (Texas) gekauft hatten, werde demnächst an den Meistbietenden versteigert. Und: Die Familie habe vier Wochen Zeit, die Kisten zu packen.

Austin. Zuerst kamen die Mahnbriefe. Dann die Telefonanrufe. Und schließlich ein offizielles Schriftstück vom Gericht: Das Haus, das Bill Smith und seine Frau Mindy vor drei Jahren am Stadtrand von Austin (Texas) gekauft hatten, werde demnächst an den Meistbietenden versteigert. Und: Die Familie habe vier Wochen Zeit, die Kisten zu packen.

Für den selbstständigen Softwarespezialisten ist der Vorgang, der im Behördenjargon mit dem gefürchteten Begriff "Foreclosure" umschrieben wird, das jähe Ende des amerikanischen Traums von Hausbesitz und Unabhängigkeit. "Wir werden zunächst zu Verwandten ziehen müssen", resümiert Smith den plötzlichen Sturz ins Bodenlose. Das Schicksal des Computerfachmanns wiederholt sich derzeit - mit steigender Tendenz - von Florida bis Alaska: Eine Hypothekenbank hatte Familie Smith ein Darlehen eingeräumt, ohne dass diese eine früher übliche 10- bis 20-prozentige Anzahlung machen musste. Auch das Einkommen des Selbstständigen reichte so gerade für die monatlichen Raten und laufenden Lebenshaltungskosten, doch die Bank wollte von der Familie nicht einmal einen Einnahmenachweis sehen. "Wir haben unser Jahreseinkommen in den Antrag geschrieben - das war's." Smith wusste zwar, dass es gelegentlich eng werden könnte, setzte aber auf die boomende Konjunktur in der Softwarebranche - und steigende Einnahmen. Doch die blieben aus. Hinzu kamen ein medizinischer Notfall und hohe Krankenhauskosten. Und zu allem Überfluss lief nach 24 Monaten die Zinsbindung für das zunächst so günstig scheinende Darlehen aus. "Die Monatsrate stieg plötzlich von 1400 auf 2000 Dollar im Monat", sagt Smith, "das hat uns den Rest gegeben." Schnell war man mit drei Zahlungen im Rückstand - und erreichte den Punkt, wo die Gläubiger in der Regel die Zwangsversteigerung einleiten.

Zwei Millionen US-Bürger, so eine aktuelle Bankenstatistik, sind derzeit mit ihren Hypothekenraten mindestens einen Monat im Rückstand - und laufen Gefahr, ebenfalls ihr Haus zu verlieren. Eine Entwicklung, die zum einen den Preisverfall am Immobilienmarkt beschleunigt hat, weil mit einer Zwangsversteigerung der Durchschnittswert in der Nachbarschaft sinkt. Zum anderen trägt diese Misere am Häusermarkt aber auch zu Schockwellen bei, die in den letzten Wochen die Finanzmärkte nicht nur an der Wall Street, sondern bis nach Deutschland hinein erschüttert haben. So hatte kürzlich die bundeseigene KfW-Bank der IKB-Bank mit mehr als acht Milliarden Euro aushelfen müssen, weil sich IKB-Manager in den USA verspekuliert hatten. Die Bank steht dabei am Ende einer Risikokette, die bei Hausbesitzern wie Bill Smith ihren Anfang nimmt. Zunächst sind da die Hypothekenmakler, Vermittler und Banken, die Geld an Immobilienkäufer gaben, die gar nicht kreditwürdig waren. Um dieses Risiko abzugeben, wurden die meisten dieser sogenannten Subprime-Darlehen dann gebündelt an Wall-Street-Banken weiterverkauft, die sich überdurchschnittliche Rendite versprachen. Diese wackligen Darlehen wurden anschließend entweder in sogenannten Hedgefonds geparkt oder als Bonds verkauft, die beim ersten Blick für unbedarfte Investoren und Spekulanten dann gar nicht mehr so riskant erschienen.

Doch mit dem rapiden Preisverfall am US-Immobilienmarkt, den wachsenden Zahlungsproblemen vieler Hausbesitzer und dem sich immer höher türmenden Berg an faulen Krediten erlebt dieses Investmentkartenhaus einen beispiellosen Zusammenbruch. "Die Größenordnung der Risiken", so eine Zwischenbilanz von Jack Malvey, einem Chef-Finanzstrategen des New Yorker Bankhauses Lehman Brothers, "ist enorm unterschätzt worden." Nahezu täglich werden den US-Bürgern neue Hiobsbotschaften serviert. Am Montag erklärte sich das börsennotierte Unternehmen American Home Mortgage (AHM), einer der zehn großen Hypothekenverleiher in den USA, für bankrott - und entließ innerhalb eines Tages und ohne Vorwarnung 7000 der 7700 Angestellten. Einer der Geldgeber für AHM: die Deutsche Bank AG. Tausende von Kaufinteressenten, die bei AHM in den letzten Wochen einen Kredit beantragt hatten, werden nun leer ausgehen - und bei anderen Banken womöglich ebenfalls kein Glück haben. Denn zahlreiche Institute haben damit begonnen, ihre Bonitätskriterien massiv zu verschärfen. Was nach Expertenansicht dazu führen wird, dass für die derzeit auf dem Markt angebotenen Immobilien die Nachfrage und Wert weiter sinken. Viele Hausbesitzer geraten damit "unter Wasser", wie es im Branchenjargon heißt: Der Wert ihrer vier eigenen Wänden fällt in einem solchen Fall unter die auf dem Haus eingetragene Belastung. Was bei einem Notverkauf bedeutet, dass der Kreditgeber nur einen Teil des Darlehens wieder hereinbekommt.

"Der gesamte Markt ist derzeit in Panik", beschreibt ein Sprecher der IndyMac-Bank, dem neuntgrößten Hypothekenverleiher in den USA, die Stimmung. Das Paradoxe: Die Krise auf dem Immobiliensektor kommt zu einem Zeitpunkt, wo es der amerikanischen Konjunktur eigentlich gut geht. Die Schuld an der Misere geben Experten vor allem riskanten Finanzprodukten, wo - mit dem Blick auf einen schnellen Dollar bei anfänglich steigenden Immobilienpreisen - klassische Vorsichtsmaßnahmen völlig außer Acht gelassen wurden. Kaum einer wagt derzeit eine Prognose, welche Unternehmen noch in den Strudel hinabgezogen werden - und welchen Einfluss die Krise mittelfristig auf die Aktienkurse an der nervös gewordenen Wall Street, die derzeit eine Berg- und Talfahrt erlebt, und damit auch auf die europäischen Börsen haben wird.

In vielen US-Großstädten gleichen unterdessen ganze Vororte einem Schilderwald. "For sale" - "zu verkaufen". Ausnahmen dabei: New York oder San Francisco, wo die enorme Nachfrage den Wert von Immobilien stabil gehalten hat. Doch Städte wie die Autobauermetropole Detroit können als perfektes Synonym für eine geplatzte Spekulationsblase gelten, denn dort sind Einfamilienhäuser bei Zwangsversteigerungen mittlerweile bereits für unter 30 000 Dollar zu haben - weniger als ein Neuwagen der gehobenen Klasse kostet. Häusermakler Robert Warner sah in Detroit kürzlich ein Haus, das früher einmal 500 000 Dollar gekostet hatte, für 140 000 Dollar bei einer Versteigerung den Besitzer wechseln. "Wann der Preisverfall aufhört", sagt er, "kann auch hier niemand sagen."

 

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