Montag, 13. Februar 2012, 13:50

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Wirtschaft

Internet: Der rohstoffarme baltische Staat setzt ganz aufs World Wide Web

Surferparadies Estland

Das kleine Land entdeckte das digitale Netz als Chance und verdankt ihm seinen Boom. Auslöser war eine Regierung von 30-Jährigen mit einem Masterplan.

Hamburg/Tallin. Nicht mal so groß wie Niedersachsen und erst seit 1991 ein selbstständiges Land, ist Estland doch eine Weltmacht: Im Internet. Anders als in den USA oder Südkorea wird der digitale Boom in den Altstadtfassaden Tallins und den vielen ländlichen Regionen des Ostseestaates nicht sofort sichtbar, und doch ist das neue Medium in dem jungen Land fest im Alltag verwurzelt: Hundert Prozent der Schulen und Behörden sind im Netz, 95 Prozent aller Unternehmen. Zwei Drittel der Esten surfen regelmäßig im Internet, bei den 16- bis 24-Jährigen sind es sogar neun von zehn.

Die Esten können online wählen, ihre Steuererklärung machen oder ihr neugeborenes Kind anmelden, ohne zum Briefkasten oder gar in die Behörde gehen zu müssen. 97 Prozent aller Banküberweisungen werden im Internet abgewickelt, und es gibt mehr Mobiltelefone als Einwohner. Mit dem Handy bezahlen die Bürger ihr Parkticket, den Busfahrschein und zuweilen auch ihr Bier.

In den 16 Jahren seit der Unabhängigkeit hat Estland einen derart großen Technologiesprung gemacht, dass der englische UNO-Diplomat Mark Malloch Brown sagte: "Wenn das Internet als Land wiedergeboren würde, wäre es Estland."

Während hierzulande Politiker, Unternehmer und Wissenschaftler grübeln, wie man die vier von zehn Deutschen, die noch nicht online sind - überwiegend weniger gebildete und ältere Menschen - ins Internet bringt, entwickelte Estland in den 90er- Jahren in kurzer Zeit einen Masterplan: "Unsere damalige Regierung, die im Durchschnitt erst 30 Jahre alt war, kam zu dem Entschluss, dass wir als rohstoffarmes Land eigene Wege gehen müssen", berichtete der estnische Botschafter in Berlin, Clyde Kull, kürzlich bei einem Vortrag an der Universität Hamburg.

Schritt für Schritt trieb Estland die Online-Offensive voran: Dabei half das skandinavische Vorbild von wenig Hierarchien, großer staatlicher Transparenz und moderner Kommunikationstechnik. Zudem hatte das Land gut ausgebildete Programmierer, die ihr Handwerk noch in den mathematisch-technischen Hochschulen sowjetischer Prägung gelernt hatten. Entscheidend sei aber der politische Wille gewesen, so Kull.

Zunächst startete die Regierung 1994 eine Online-Plattform, auf der sich Bürger über Politik und Behördenangelegenheiten informieren konnten. Doch für die meisten der 1,35 Millionen Esten war der Zugang zum Internet verschlossen: Bei einem Durchschnittseinkommen von damals gerade einmal knapp über hundert Euro im Monat konnte sich fast niemand einen Computer leisten.

Deshalb ersann die Regierung unter dem damaligen Premierminister Mart Laar das Programm "Tiigrihüppe". Mit diesem Tigersprung sollten die Esten den Weg ins World Wide Web finden: Alle Schulen und Behörden gingen nach und nach online. Lehrer erhielten von Unternehmen gesponserte Laptops. In jedem noch so kleinen Ort wurden in Büchereien und Behörden öffentliche Internetstationen eingerichtet, an denen Bürger kostenlos surfen können und von Mitarbeitern Hilfestellung erhalten. Zudem wurden mehr als 100 000 Esten in staatlichen Schulungsprogrammen für den Computer fit gemacht. "Das fing an von der Benutzung einer Maus bis hin zum Online-Banking", sagt Kull.

Vor sieben Jahren machte die Regierung einen kostenlosen Internetzugang sogar zu einem Grundrecht. Mit Partnern aus der Wirtschaft bauen die Regionalverwaltungen seit 2002 das Land zu einem gewaltigen Hot Spot aus. Rund 1100 dieser drahtlosen Internet-Einwahlpunkte gibt es inzwischen. Schilder weisen auf ein verfügbares Wifi-, WiMax- oder 3G-Netz hin. "In über der Hälfte aller estnischen Hot Spots kann sich jeder umsonst einwählen. Für den Rest bezahlt man ein bis zwei Euro pro Tag, zahlbar per SMS", berichtete Ex-Premier Laar auf "Spiegel Online". Auch in Zügen, Bussen und auf Fähren sei Internet verfügbar.

Damit die Bürger mitmachen, wollen die Politiker leuchtende Vorbilder sein. Sie sind per E-Mail erreichbar und kommunizieren untereinander fast vollständig papierlos. Auf der zentralen Internetseite www.riik.ee ("riik" bedeutet "Staat") sind alle wichtigen Institutionen gebündelt, und das Portal www.eesti.ee vereint 70 verschiedene Behörden - vom Finanzamt, dem Melderegister über Sozialämter bis hin zum Grundbuchamt. Mit individuellen PIN-Nummern wählen sich die Bürger ein und können, so Kull, "zum Beispiel in wenigen Minuten Elterngeld beantragen, wofür früher fünf Behördengänge notwendig waren". Denn die Ämter tauschen die digitalen Akten untereinander aus - Botengänge und Postversand gehören der Vergangenheit an. Beim E-Government liegt Estland damit europaweit an der Spitze. Nur die Österreicher können - je nach Studie - mithalten.

Für den baltischen Staat sind die Bereiche Informationstechnologie und Kommunikation (ITK) längst zur Triebfeder von Modernisierung und Wirtschaftswachstum geworden. Der ITK-Markt trägt zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei - in Deutschland sind es knapp über sechs Prozent. Hunderte Software-Firmen haben sich gegründet, mit weltweit begehrten Programmierern. "Diese Typen sind die besten Softwareentwickler, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe", sagt der schwedisch Internet-Pionier Niklas Zennström. Deshalb wählte er vor sieben Jahren Tallin, um mit seinem dänischen Partner Janus Friis die Musiktauschbörse Kazaa zu gründen. Anschließend entwickelten sie in der estnischen Hauptstadt die Internettelefon-Software Skype, die 2006 für 2,6 Milliarden Dollar an Ebay verkauft wurde, und basteln zurzeit an der Videoplattform Joost.

Dass die starke Durchdringung der Gesellschaft mit Informationstechnologie (IT) auch Gefahren birgt, räumen die Esten ein. So wurde das Land mehrfach von Hackern attackiert und will sich jetzt zur Abwehr des Cyberwar mit den USA verbünden. Auch die Zusammenführung der personenbezogenen Daten in einem Computersystem und auf einer persönlichen Chipkarte birgt Gefahren und Begehrlichkeiten, "bisher überwiegen die Chancen aber ganz klar", sagt Botschafter Kull. "Es gibt bei uns Datenschutzdebatten, doch sie werden nicht so intensiv geführt wie in Deutschland. Die Esten vertrauen ihrer jungen Demokratie."

Was wir hierzulande von Estland lernen könnten, sei der gesellschaftliche Konsens, dass Informationstechnologie etwas Positives ist, sagt der Chef der Hamburger Unternehmensberatung Steria Mummert Consulting, Jürgen Sponnagel: "So eine Übereinkunft fehlt bei uns. Dazu gehört auch das Bekenntnis, dass IT kein Arbeitsplatzvernichter ist, sondern im Gegenteil Jobs schafft." Zwar sei das estnische Modell aufgrund der Größe Deutschlands, der Gesetze und des Verwaltungsapparats nicht übertragbar, "aber wir können mehr für die Informatikausbildung in Schulen tun und die jungen Leute für das Thema begeistern". Sonst werde der Fachkräftemangel ein Riesenproblem. "Schon jetzt sind 20 000 IT-Stellen unbesetzt", so Sponnagel.

Gerade die Attraktivität von IT-Berufen sollte für junge Menschen viel deutlicher werden, meint Informatik-Professorin Ingrid Schirmer von der Universität Hamburg. Besonders Frauen möchte sie ansprechen. "Nur knapp zwölf Prozent unserer Studierenden sind weiblich." Wie in Estland wünscht sie sich eine Initiative zwischen Politik, Wirtschaft, Unis und Schulen, um die Ausbildung von IT-Nachwuchs zur gemeinsamen Aufgabe zu machen. "Dies ist für die Zukunft unseres Landes unerlässlich. Zudem sollten wir uns bewusst werden, dass wir mit anderen Ländern im Wettbewerb stehen", so die Professorin. "Zögern ist nicht angebracht."

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus