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Wirtschaft

Raubkopierer: 86 digitale Detektive durchforsten von Hamburg aus das Internet

Auf der Jagd nach den Musikpiraten

Sie werden im Schweinestall fündig und sorgen bei ihren Hausbesuchen für Familienkrach. Was die Ermittler aus der Hansestadt bei der Arbeit erleben.

Hamburg. Am liebsten klingelt Frank Lüngen morgens um sechs. "Da ist das Gehirn noch nicht so weit." Oft noch im Pyjama die Tür öffnend, fallen den Leuten jene kreativen Ausreden, die sich der digitale Detektiv zu anderen Uhrzeiten häufig anhören muss, nicht ein. Es dauert nicht lange, bis der Ermittler und die beiden Polizisten in Zivil, die ihn begleiten, die Quelle des Übels gefunden haben - einen Computer voll gestopft mit MP3-Musikdateien.

Lüngen, ein 39 Jahre alter Rheinländer mit beeindruckender Statur, jagt im Auftrag der Plattenindustrie nach Musikpiraten. 134 Tage lang ist er 2006 durch die Republik gejettet und hat an Türen geklingelt, um Beweismittel zu sichern. Sein Kampf, den er seit zehn Jahren von Hamburg aus führt, richtet sich gegen meist unbescholtene Bürger, die das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Jugendliche, Hausfrauen und Rentner gehen Lüngen in die Fänge, nachdem sie Musik aus Internettauschbörsen heruntergeladen und dort angeboten haben. "Uns bietet sich ein Querschnitt der Gesellschaft", sagt Lüngen, der zu den Gründern der Ermittlungsorganisation Promedia gehört. Entgegen der Annahme sei nur die Hälfte der Musikpiraten jugendlich.

Bei einem Hausbesuch im Harz etwa gab die Tochter nach anfänglichem Zögern gegenüber Lüngen zu, dass die mehreren Hundert Lieder auf dem PC von ihr stammten. "Die Mutter hat das Mädchen so runtergeputzt, dass es einen Weinkrampf bekommen hat", erzählt er. Dann brach es aus der Tochter heraus: "Für wen hab' ich denn Grönemeyers ,Currywurst' runtergeladen und all das Zeug? Für dich", schrie die Tochter zurück. Es war nicht das erste Mal, dass Eltern ihre Kinder vorschoben.

Weil die Musikindustrie im DSL-Zeitalter mit dem Rücken zur Wand steht, greift sie inzwischen hart durch: 374 Millionen Songs wurden 2006 in Deutschland in Tauschbörsen heruntergeladen - 14-mal so viele wie auf Onlineplattformen wie iTunes oder Musicload gekauft wurden. Inklusive unerlaubter CD-Kopien entstand so ein Schaden von sechs Milliarden Euro, schätzt der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. Dieser gigantischen Zahl stehen erst 27 Millionen legale Downloads im Wert von 48 Millionen Euro gegenüber. Für 2007 rechnet der IT-Verband Bitkom mit einem Anstieg auf über 60 Millionen. Aber das ist noch viel zu wenig, um die bröckelnden Einnahmen auszugleichen. Zwischen 1997 und 2006 ist der Umsatz der Plattenindustrie in Deutschland von 2,75 auf 1,7 Milliarden Euro eingebrochen. Dabei hat sich die Nutzung von Musik im selben Zeitraum mehr als verdreifacht.

Einziger Hoffnungsschimmer der Branche: Der Umsatzrückgang wird langsamer, und die Zahl der aus dem Internet gesaugten Songs ist seit 2003 von 602 Millionen deutlich gesunken. In jenem Jahr hatte die Plattenindustrie das Ende der Toleranz ausgerufen. "Jedem muss klar sein, dass Internetpiraterie kein Kavaliersdelikt ist und im Netz niemand anonym bleibt", sagt Michael Haentjes, Chef des Hamburger Edel-Verlags und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phonoverbände.

Dass die Zeiten für Musikliebhaber, denen ihre Leidenschaft kein Geld wert ist, immer ungemütlicher werden, liegt an Frank Lüngen und seinem Team. Ihre Zentrale ist ein unscheinbarer Zweckbau in einem Gewerbegebiet in Hammerbrook. Dutzende überwiegend junge Leute sitzen hier in vier Schichten von acht bis 23 Uhr vor PC-Monitoren und suchen im Auftrag der Musikindustrie nach illegal angebotenen Liedern. Anonym durchforsten sie sogenannte Peer-to-Peer-Plattformen (P2P) wie eDonkey, Bearshare, E-Mule oder Limewire und dokumentieren die Verstöße. Hajo P. - lässige Klamotten, Baseballkappe und Kopfhörer - ist gerade auf Herbert Grönemeyer angesetzt. Hunderte Songs der neuesten Scheibe "12" hat der 19-Jährige auf seinem Bildschirm. Er markiert ein Lied, lädt es herunter, hört kurz, ob tatsächlich Grönemeyer hinter der Datei steckt, und dokumentiert Tag, Zeit, Internetadresse des Anbieters und die Zahl der von ihm insgesamt angebotenen Songs. Dann macht er eine Kopie des Computerbildschirms.

Per Mausklick geht das Datenpaket an die Hamburger Kanzlei Rasch Rechtsanwälte. Sie arbeitet mit Promedia zusammen und erstattet innerhalb von 24 Stunden Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Die fragt bei Providern wie HanseNet oder T-Online die Identität der Nutzer ab und leitet - je nach Umfang des Verstoßes - ein Verfahren ein. Neben strafrechtlichen Folgen müssen die Musikpiraten auch mit Schadenersatz rechnen.

Zwei Fälle schafft ein Ermittler durchschnittlich pro Stunde. Etwa 200 schickt Promedia am Tag heraus. Das hat dieses Jahr zu 25 000 Strafanzeigen geführt, davon 1382 in Hamburg. Bald soll eine intelligente Software die Suche automatisieren und die Verstöße fein säuberlich in einer Excel-Datei aufbereiten. 86 Mitarbeiter beschäftigt Promedia auf 500 Quadratmetern. Einige scannen von zu Hause bis drei Uhr morgens P2P-Tauschbörsen ab. Die meisten studieren Jura oder Musikwissenschaft und verdienen sich mit der von der Plattenindustrie finanzierten Jagd im Netz einen Teil ihres Lebensunterhalts. "Ehrlichkeit, gute Computerkenntnisse und Ahnung von Musik sind Voraussetzung", sagt Lüngen, der die Internet-Fahndung seit Oktober 2003 aufgebaut hat. "Man muss schon den Unterschied zwischen ,Silbermond' und ,Juli' hören", schließlich sei Zeit Geld. Der eigene Geschmack tritt da in den Hintergrund. So mag Hajo P. Grönemeyer "überhaupt nicht".

Wenn die Online-Ermittler auf einen schweren Fall stoßen, ordnet die Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung an - meist müssen dafür mehrere Hundert Songs angeboten worden sein. Dann rückt Lüngen aus. Er legt sich seine Touren so effizient wie möglich. "Kürzlich habe ich morgens in Trier begonnen und bin dann über Mayen, Koblenz und Neuwied in den Westerwald gefahren." Auf seinen Reisen blickt er in die Abgründe des Alltags und erlebt allerlei Skurriles.

Zuweilen steht er dabei vor einem Rätsel. Wie bei der alten Dame, über deren Internetverbindung mehr als 1000 Songs angeboten wurden. Auf ihrem PC waren aber weder Lieder noch eine Tauschbörsensoftware, so Lüngen: "Ich habe echt an mir gezweifelt." Bis die Dame von ihrem Au-pair-Mädchen erzählte: Diese hatte sich mit ihrem Laptop in die drahtlose Internetverbindung der Frau eingewählt und eifrig Musik getauscht, stellte der Ermittler fest.

Bisher unüberboten ist die Geschichte des Bauers aus dem Kreis Lüneburg. "Wir haben auf dem Hof keinen PC gefunden." Dann stießen die Ermittler im Stall auf einen Computer, mit dem der Landwirt automatisch 6000 Schweine fütterte. Dort wurde Lüngen fündig: "Auf dem Rechner hatte der Sohn 2000 Lieder zum Download freigegeben." Jetzt hätte Lüngen das Gerät zur Auswertung mitnehmen müssen - "Sicherstellung", lautete die Anweisung des Staatsanwaltes. "Das können wir doch nicht machen", appellierte er gegenüber der Ermittlungsbehörde am Telefon, "die Tiere verhungern doch." Zum Wohl der Schweine durfte Lüngen das Gerät dann im Stall untersuchen.

Im Schnitt findet er auf den Festplatten 700 illegal kopierte Lieder - und das auch schon mal im Krankenhaus oder Pflegeheim. Zwischen 2000 und 3000 Euro koste die Urheberrechtsverletzung meist, sagt Promedia-Anwalt Clemens Rasch. In Einzelfällen könnten es aber auch 15 000 Euro sein. Bei gewerblichem Handel droht sogar Haft.

Dass Familien häufig in finanzielle Probleme kommen, kritisiert der Hamburger Anwalt Alexander Wachs. Er vertritt viele Tauschbörsennutzer, die ins Fadenkreuz von Promedia geraten sind. "Ich habe jeden dritten Tag heulende Mütter und Jugendliche am Telefon", sagt Wachs. Denn in den Schreiben der Kanzlei Rasch, in denen diese für ihre Mandanten EMI, Sony BMG, Universal oder Warner Music Schadenersatz fordert, ist die Rede von 10 000 Euro Streitwert pro Lied - bei 50 Songs kommen so 500 000 Euro zusammen. Daran bemessen sich Gerichts- und Anwaltsgebühren beider Seiten, die sich zu einem Prozesskostenrisiko von 26 741,80 Euro addieren, rechnet Wachs vor. Deshalb nehmen fast alle seiner Mandanten ein Vergleichsangebot an.

In einem dem Abendblatt vorliegenden Fall waren dies 4000 Euro für 606 Musikdateien - zu zahlen innerhalb vier Wochen. Wachs: "Auch das kann einer Familie das Rückgrat brechen." Musikanwalt Rasch sagt dagegen, bei den Vergleichsverhandlungen werde die wirtschaftliche Lage der Menschen berücksichtigt: "Es ist nicht das Interesse unserer Mandanten, jemanden in den Ruin zu treiben."

 

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