Umweltschutz: EU will Emissionshandel auf See
Kampf gegen CO2 aus Schiffen
Wer keine Zertifikate hat, darf bald keine europäischen Häfen mehr anlaufen. Hamburger Professor fordert mehr Maßnahmen.
Hamburg. Ein Kreuzfahrtschiff bläst in nur einer Stunde Liegezeit am Kai so viel Feinstaub in die Luft wie 50 000 Pkw, die mit Tempo 130 über die Autobahn rauschen. Auf großer Fahrt erhöht sich der Ausstoß um ein Vielfaches. Genaue Angaben sind nicht verfügbar, da sich das CO2-Aufkommen je nach Geschwindigkeit, den Windverhältnissen und je nach Gewicht des Schiffes samt Ladung verändert.
Während bislang in der Klimaschutzdiskussion vor allem der Flug- und der Autoverkehr wegen der Verursachung des Treibhausgases CO2 ins Gerede kamen, wurde die Schifffahrt nur wenig kritisiert.
Das soll sich jetzt ändern. Die Europäische Union will den Emissionshandel, der bereits für die Stromerzeuger vorgeschrieben ist, künftig auf den internationalen Schiffsverkehr ausweiten, wie eine Sprecherin der deutschen EU-Vertretung in Berlin dem Abendblatt sagte. Die Reeder müssen nach diesem Plan künftig Emissionszertifikate und damit Rechte auf die Umweltverschmutzung käuflich erwerben. Nur Schiffe, die solche Zertifikate vorweisen, dürfen künftig einen Hafen in der EU anlaufen. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas will seine Pläne, mit denen er den Ausstoß von Kohlendioxid im Schiffsverkehr eindämmen will, im September vorlegen.
Die Seeschifffahrt ist laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt für 2,7 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Dies entspricht etwa dem Anteil des Luftverkehrs, der auch in den Emissionshandel einbezogen werden soll. Die größten Verursacher des Treibhausgases sind Kraftwerke zur Stromerzeugung.
"Die Schifffahrt hatte lange Zeit einen Freifahrtschein", begrüßte Karsten Smid von Greenpeace die EU-Initiative. Auch der Verband Deutscher Reeder (VDR) ist zufrieden. "Die deutsche Flotte ist sehr modern. Wir könnten davon profitieren", sagte VDR-Sprecher Max Johns dem Abendblatt. Wenn die Zertifikate - wie in der Stromindustrie - zu Beginn nach einem festen Schlüssel an die Reeder verteilt werden, könnten Unternehmen mit moderner, umweltfreundlicher Technik jene Zertifikate, die sie nicht benötigen, an Betriebe weiterverkaufen, deren Schiffe weit mehr CO2 ausstoßen.
Für Stefan Krüger, Professor für Schiffsentwurf an der TU Harburg, wird mit den Zertifikaten am falschen Ende gestartet. "Bezogen auf den CO2-Ausstoß sind Schiffe das umweltfreundlichste Transportmittel, das wir haben", sagte Krüger dem Abendblatt. Ihr Nachteil seien jedoch andere Schadstoffe wie Schwefeldioxid, Stickoxide, Rußpartikel. Für den schleswig-holsteinischen Europaministers Uwe Döring (SPD) sind Schiffe, die mit Schweröl betrieben werden, "Dreckschleudern". Die Schifffahrt erzeugt elf bis 13 Prozent des weltweiten Stickoxidausstoßes.
"Da könnte noch viel verbessert werden" sagt Krüger. Er beklagt, dass Schiffe immer noch mit schwerem Heizöl betrieben werden. "Da ist alles Schmutzige drin, das in den Raffinerien nach der Erzeugung von Heizöl oder hochwertigem Treibstoff für Autos oder Flugzeuge übrig blieb. Je umweltfreundlicher unser Autokraftstoff ist, desto mehr Abfall ist im schweren Heizöl", so Krüger.
Seit Mai 2006 ist der Schwefelgehalt des Kraftstoffs für Schiffe in EU-Häfen zwar auf 1,5 Prozent begrenzt. Doch Autos haben schon lange nur noch 0,005 Prozent Schwefel im Sprit. Zudem würden die Schiffe laut Krüger auf hoher See weiterhin mit dem preiswerteren, schmutzigen Treibstoff fahren. "Nur wenn sie in Hafennähe kommen, stellen sie den Schalter für den anderen Tank mit Diesel um."
CO2 entsteht bei jedem Verbrennungsvorgang. Deshalb empfiehlt Krüger, das Verbrennungsvolumen im Schiffsverkehr von Grund auf klein zu halten. "Kraftstoff kann mit modernen Motoren eingespart werden und, indem das Schiff langsamer fährt." Mit beiden Maßnahmen ließe sich das entstehende Treibhausgas auf die Hälfte reduzieren.
Auf Langsamkeit setzt auch Peer Seipold. "Ganz schnell fahrende Schiffe mit 29 Knoten Geschwindigkeit erzeugen mehr CO2. Ideal für den Klimaschutz ist ein Transport mit 15 Knoten", sagt der Wissenschaftler der TU Harburg, der derzeit mit seinem Team die gesamte Transportkette des Hamburger Kaffeerösters Tchibo durchleuchtet mit dem Ziel der Reduzierung von CO2.





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