AOL: Torsten Ahlers will 100 Stellen abbauen - Onlineportale einziges Geschäftsfeld
"Web2.0 wird die Welt verändern"
Neuer Chef will das Internetunternehmen umbauen. Wachstum im Ausland geplant. Kooperation mit HanseNet startet.
ABENDBLATT: Herr Ahlers, Sie sind nach dem Verkauf des Internetzugangsgeschäfts an HanseNet seit Januar Deutschland-Chef von AOL. Was sind Ihre Ziele für die ersten 100 Tage?
TORSTEN AHLERS: Das Hauptziel ist die enge Zusammenarbeit mit HanseNet. Wir bauen ein gemeinsames Internetportal für die ehemaligen AOL-Kunden, die bestehenden Alice-Kunden und die zukünftigen Kunden auf. Es wird von uns mit Inhalten, Bezahldiensten und Werbung ausgestattet. Außerdem wollen wir mit AOL.de Reichweite gewinnen. Ein weiteres Vorhaben ist, neue Vermarktungspartner zu finden. Zuletzt haben wir eine Kooperation mit Sportfive begonnen und vermarkten so 70 Prozent der Websites der Bundesligavereine.
ABENDBLATT: Wann wird das Portal mit HanseNet online gehen?
AHLERS: Es wird in den nächsten Wochen sein.
ABENDBLATT: Behalten die Internetnutzer Ihre AOL-E-Mail?
AHLERS: Ja, sie können aber auch eine E-Mail-Adresse von HanseNet bekommen.
ABENDBLATT: Sie wollen auch für andere Unternehmen Dienstleister sein. An welche Branchen denken Sie?
AHLERS: Auf jeden Fall nicht an die Telekommunikationsindustrie, weil HanseNet hier für die nächsten fünf Jahre unser exklusiver Partner ist. Ich kann mir die Themen Reisen, Automobil, Musik und Konsumgüter sehr gut vorstellen. Mit Partnerschaften wollen wir mittelfristig bis zu 25 Prozent unserer Erlöse erzielen.
ABENDBLATT: AOL will in anderen europäischen Ländern eigene Portale eröffnen. Wohin soll die Reise gehen?
AHLERS: Gerade haben wir ein Portal in Österreich gestartet, mit dem wir im ersten Jahr unter die Top Fünf der Websites kommen wollen. Es wird technisch komplett aus Hamburg gesteuert - der "Schmäh" kommt natürlich von Partnern in Wien. Auch die Schweiz schauen wir uns an. Weitere Länder werden folgen.
ABENDBLATT: Nach dem Verkauf des Zugangsgeschäfts konkurrieren Sie nun mit Portalanbietern wie Yahoo!, Google und MSN. Wie wollen Sie hier bestehen?
AHLERS: Unser Vorteil in diesem beinharten Wettbewerb ist, dass AOL mit HanseNet und der Konzernmutter Time Warner zwei starke Partner im Rücken und zudem die intensivste Beziehung zu seinen Kunden hat.
ABENDBLATT: Wer sagt das? Ist das wissenschaftlich bewiesen?
AHLERS: Das wollte ich gerade erklären: Wir haben zu mehr als 2,5 Millionen Haushalten mit knapp fünf Millionen Menschen eine Bezahlbeziehung. Noch mal so viele Nutzer erreichen wir über Partnerseiten. Natürlich werden die Nutzerdaten anonymisiert und nur in Kategorien wie Geschlecht und Altersklasse aufgeführt. Aber dadurch kennen wir unsere Nutzer besser als viele Wettbewerber. Außerdem sind sie sehr aktiv. 80 Prozent unserer Kunden besuchen unsere Seite wöchentlich, und die meisten von ihnen an mehr als vier Tagen pro Woche.
ABENDBLATT: Aber AOL.de ist bei jungen Leuten längst nicht so populär wie MySpace oder YouTube.
AHLERS: Das stimmt zum Teil. Deren Coolness-Faktor hat AOL vielleicht noch nicht, wohl aber unsere anderen Produkte wie etwa ICQ oder WinAmp. Aber der klassische deutsche Nutzer ist eh nicht auf mehreren Seiten für recht enge Zielgruppen zu Hause, er will alle Informationen und Dienste aus einer Hand. Hinzu kommt: AOL steht für höchste Sicherheit bei der Internetnutzung.
ABENDBLATT: Dennoch scheint AOL in der Web2.0-Welt ins Hintertreffen geraten zu sein. Wollen Sie durch Zukäufe aufholen?
AHLERS: Wenn sich Möglichkeiten ergeben sollten und diese sich rechnen, werden wir Zukäufe auf jeden Fall prüfen.
ABENDBLATT: Warum sind fast alle erfolgreichen Web2.0-Communities von Privatleuten erschaffen worden? Sind die Medienkonzerne nicht innovativ genug?
AHLERS: Das liegt an den komplexen Strukturen vieler Konzerne und daran, dass sie sich zuerst um ihr Kerngeschäft kümmern. Es ist oft besser, die kleinen innovativen Unternehmen wachsen zu lassen und sie ab einer gewissen Größe zu kaufen - für dann allerdings sehr viel Geld.
ABENDBLATT: Sehen Sie im derzeitigen Web2.0-Boom eine Blase?
AHLERS: Nein, ich glaube, dass die Geisteshaltung von Web2.0 die Welt verändern wird. Erstens: das Sozialverhalten. Der Mensch wird Phasen haben, in denen er mehr als 80 Prozent seiner Kontakte online anbahnt - zum Beispiel, wenn ich in eine neue Stadt ziehe. Zweitens: die Informationsbeschaffung. Einen Großteil meiner Information werde ich aus Inhalten beziehen, die andere Nutzer erstellt haben - insbesondere bei Nischenthemen. Drittens: das Transaktionsverhalten. Wenn Sie sich zum Beispiel im Internet einen Namen als Musikexperte gemacht haben, werden andere Nutzer sich nach Ihrem Geschmack richten und Lieder über Ihre Seite kaufen, wenn Sie diese mit einem Onlineshop vernetzt haben. Das kann ein profitables Nebengeschäft werden.
ABENDBLATT: Kommen wir zu AOL zurück: Es heißt, es müssten bis zu 150 der 250 verbliebenen Mitarbeiter in Hamburg gehen.
AHLERS: Wir arbeiten momentan an unserem Geschäftsplan für die nächsten drei Jahre. Aufgrund der Neuausrichtung fallen einige Bereiche weg, andere werden komplett umstrukturiert. Kurzfristig werden in diesen Bereichen deshalb rund 100 Stellen abgebaut, mittelfristig wollen wir mit einem neuen Geschäftsmodell und neuen Geschäftsfeldern jedoch wieder wachsen.
ABENDBLATT: Bleiben Sie an Ihrem Standort am Berliner Tor?
AHLERS: Im April teilt sich die Belegschaft: Die 250 Hamburger Mitarbeiter aus dem Zugangsgeschäft ziehen zu HanseNet in die City Nord. Der Rest bleibt hier.
ABENDBLATT: Stichwort AOL Arena: Sie haben die Option der Vertragsverlängerung verstreichen lassen. Ist das Thema erledigt?
AHLERS: Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen, weder positiv noch negativ. Fest steht: Wir hatten und haben eine tolle Zeit mit dem HSV.
ABENDBLATT: Auch als Tabellenletzter?
AHLERS: Das ist eben das Risiko, das Sie als Sportsponsor eingehen. Im vergangenen Jahr hat der HSV eine grandiose Saison gespielt, da waren wir alle happy. Jetzt begleiten wir den Verein leidenschaftlich weiter, damit er in der Bundesliga bleibt.




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