Kontaktbörse: OpenBC ist mit 1,7 Millionen Nutzern einer der größten Anbieter
Die ganze Welt über sechs Ecken
Mitgliederzuwachs, da Netzwerke immer wichtiger werden. Onlineunternehmen aus Hamburg will auch China erobern. Name soll internationaler klingen: Xing.
Hamburg. Im Büro von OpenBC am Gänsemarkt wird die New Economy wieder lebendig. Die Leute sind Mitte zwanzig, tragen T-Shirt und Kapuzenjacke und sitzen Ellbogen an Ellbogen an langen Tischreihen. Praktikanten arbeiten hier neben Managern der Firma, abgetrennte Büros sucht man vergeblich. Lars Hinrichs steht von seinem Platz auf und geht langsam durch die Reihen. Auch er ist jung, wirkt lässig. Nur dass er ein Jackett trägt, hebt ihn ab. Dabei ist Hinrichs der Arbeitgeber der 45 Mitarbeiter, die hier konzentriert auf ihren Bildschirm schauen. Der 29-Jährige hat drei Jahre nach der Gründung mit seiner Internetplattform OpenBC, die sich demnächst "Xing" nennt, nach eigenen Angaben die weltweit größte international aktive Gemeinschaft für Businesskontakte im Internet geschaffen.
Nicht immer schwamm Hinrichs auf der Erfolgswelle der New Economy - im Sommer 2001 musste seine PR-Agentur Böttcher Hinrichs Insolvenz anmelden. Doch nach der Lektüre der Theorie von Stanley Milgram aus den 50er-Jahren, wonach "jeder jeden über sechs Ecken kennt", kam Hinrichs auf seine neue Geschäftsidee.
Heute macht er genau diese erstaunliche Tatsache im Internet für die mittlerweile 1,7 Millionen Nutzer sichtbar. Wer sich angemeldet hat, sieht von den anderen Teilnehmern Eigenschaften wie Ausbildung, Standort, Job, Hobbys und die Namen ihrer Bekannten. Zugleich stellt er auf seiner eigenen Kontaktseite diese Informationen den anderen Mitgliedern zur Verfügung, meist inklusive Foto.
Auf diese Weise können die Mitglieder ganz einfach ihrer privaten oder beruflichen Neugier nachgehen: Was macht der ehemalige Kommilitone aus Frankfurt mittlerweile, wen kennt mein Cousin aus Rom? Solche Fragen können die Nutzer von OpenBC in Sekunden beantworten - vorausgesetzt, die gesuchten Personen sind dort angemeldet. Die Basismitgliedschaft ist kostenlos. Premiummitglieder, die pro Monat 5,95 Euro für Zusatzfunktionen investieren, haben erweiterte Suchfunktionen - zum Beispiel nach Hochschulen, Firmen, Organisationen, Sprachkenntnissen oder auch dem Lieblingsfußballverein, falls andere Mitglieder diesen im Bereich "Sonstige Interessen" verzeichnet haben.
Knapp 20 Prozent der Nutzer zahlen, heißt es. "Wir sind seit dem dritten Monat profitabel, ohne je Werbung auf unseren Seiten zugelassen zu haben", sagt Hinrichs stolz. Er strebt für 2006 einen Umsatz von zehn Millionen Euro an, nennt ansonsten Zahlen aber nur ungern.
Für Medienspezialisten gelten die großen Internetseiten mit von Nutzern selbst erstellten Inhalten (sogenanntem "user generated content") derweil als Goldgruben. Gerade erst übernahm Google die Videoplattform YouTube für satte 1,6 Milliarden Dollar. Der Internetriese Yahoo soll Gerüchten zufolge rund eine Milliarde Dollar für die Studentenseite Facebook.com geboten haben. Ähnlich wie OpenBC bietet auch Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit, eine eigene Webseite zu pflegen, Profile einzugeben und mit Dritten in Kontakt zu treten. Medienzar Rupert Murdoch investierte rund 580 Millionen Dollar für MySpace, wo Nutzer ebenfalls einen virtuellen Freundeskreis aufbauen können. Und Google zahlte kürzlich fast eine Milliarde Dollar, um in den nächsten vier Jahren exklusiv auf Myspace als Suchmaschine fungieren zu dürfen.
Auch Lars Hinrichs spricht von "Anrufen von großen Verlagen", die Interesse an seiner Firma haben. Einen vollständigen Verkauf schließt er zunächst aber aus, eher käme schon ein Börsengang in Betracht, um Geld in die Kasse zu bekommen. Andererseits habe er noch nicht einmal die 5,7 Millionen Euro angefasst, die Venture-Capital-Geber wie Wellington Partners noch im November 2005 an OpenBC überwiesen haben. Dabei hat Hinrichs viel vor. Der Hamburger, der nur einen Tag an der Uni Witten/Herdecke studierte, setzt auf internationale Expansion.
Eine riesige Weltkarte mitten im Großraumbüro zeigt die Dimensionen, in denen der OpenBC-Gründer denkt. Interessant seien alle Länder, in denen viele Menschen für eine Premiummitgliedschaft bezahlen. "In Frankreich zahlt praktisch niemand, in der Schweiz fast alle", weiß Hinrichs, der auch zu Prozentzahlen schweigt. Besonderes Augenmerk legt der Internetpionier bei der Wachstumsstrategie auf China, wo Beziehungen (guanxi) traditionell sehr wichtig sind. In Beijing hat OpenBC kürzlich ein eigenes Büro eröffnet. Um die Internationalisierung zu vereinfachen, verzichtet die Firma ab Ende November sogar auf ihren eingeführten Namen: "Open" klinge im angloamerikanischen Sprachraum nicht nur positiv wie "offen", sondern habe auch einen Beigeschmack von "ungewiss", meint Hinrichs. Außerdem stehe BC für "before Christ" ("vor Christus"), womit OpenBC so viel zu tun habe wie Coca-Cola mit Koalabären. Deshalb erhält die Plattform den international kompatiblen Kunstnamen Xing.
"Kontakte werden weltweit immer wichtiger", begründet der Netzwerkprofi seine Internationalisierung. "Die Globalisierung, die früher nur große Firmen berührte, betrifft jetzt auch die persönliche Ebene", sagt Hinrichs: "Ich konkurriere auf dem Arbeitsmarkt mit Akademikern aus China und kann deren Erfahrungen nutzen. Oder ich suche als Einkäufer eines Mittelständlers einen Lieferanten, der heute genauso gut aus Argentinien und nicht mehr nur aus Deutschland kommen kann." Derartige Kontakte könne man auf seiner Seite finden und schnell und kostengünstig online pflegen.
Seine ganz persönlichen Beziehungen hat Hinrichs übrigens noch in jüngster Vergangenheit verfestigt: Der Vater einer zehn Monate alten Tochter hat vor ein paar Wochen geheiratet.




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