Fahrräder nach Maß
Trend: Zweiradbranche im Aufwind - Spezialanfertigungen gefragt. Große Nachfrage bei Fachhändlern. Selbst Discounter bieten Rennräder für knapp 1000 Euro an.
Hamburg. 500 D-Mark - mehr hatte Werner von Hacht nicht, als er sich 1978 selbständig machte. 500 D-Mark und eine gute Idee. Der ehemalige Radrennfahrer kaufte sich hochwertige Fahrradteile und bot sie Interessierten an. Bereits nach wenigen Tagen war er ausverkauft. "Damit hatte ich nicht gerechnet", sagt er. Heute hat Werner von Hacht in seinem Fahrradladen, den er mit seinem Bruder Wolfgang betreibt, 30 Angestellte. Täglich werden mindestens 15 Fahrräder verkauft, zumeist individuelle Anfertigungen. 2005 erwirtschaftete er nach eigenen Angaben einen Umsatzrekord. "Und die Nachfrage steigt weiter."
Werner von Hacht ist einer von vielen Hamburger Fahrradhändlern, der von einer stetig steigenden Nachfrage profitiert. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 4,75 Millionen Räder verkauft, 50 000 mehr als 2004. "Das Geschäft läuft gut, auch in diesem Jahr", sagt Bettina Cibulski, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Das Besondere: Immer mehr Kunden legen Wert auf ein hochwertiges Rad, das auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgelegt ist. Und suchen statt der großen Kaufhäuser deshalb den kleinen Experten um die Ecke auf. Kauften 2004 noch 41 Prozent der Kunden im Kaufhaus und beim Discounter, waren es 2005 nur noch 39 Prozent. Dagegen suchen deutlich mehr als die Hälfte der Kunden den Fachhändler auf. "Die meisten Kunden sind allerdings keine Erstkäufer", so von Hacht. "Sie haben bereits Erfahrungen mit einem Rad aus einer Massenproduktion gemacht."
So rechnet der Fahrradhändler Roger Tanner von Stormcycles für 2006 mit einer Umsatzsteigerung von 20 Prozent. Auch er verkauft hauptsächlich Spezialanfertigungen. "Die Kunden, die meine Fahrräder kaufen, sind zumeist ambitionierte Hobbysportler", sagt er. Wegen der großen Nachfrage hat Tanner eine eigene Marke entwickelt. Er läßt in Italien Räder mit dem Namen Pearl fertigen.
Von Hacht bietet seinen Kunden bereits seit 15 Jahren eigens entworfene Räder unter dem Namen Stevens an. Er produziert seine Rahmen in Asien. Sättel, Felgen und Reifen stammen aus europäischer Herstellung. "Mit der eigenen Marke kann ich mich besser nach den Kundenwünschen richten", sagt er. Heute gibt es seine Räder bundesweit bei 500 Händlern, in ganz Europa verkaufen weitere 250 Filialen seine Produktion. 30 Mitarbeiter sind bei Stevens beschäftigt.
Der Technikexperte des ADFC Hamburg, Christian Scholz, spricht von einem Aufschwung in der Branche. Er selbst betreibt einen Fahrradladen in Jenfeld. "Besonders die kleinen Händler haben sich oftmals eine Nische gesucht, in der sie erfolgreich arbeiten", sagt er. Allein in der Hansestadt gibt es nach seinen Angaben rund 150 Händler, knapp 600 Mitarbeiter arbeiten in der Branche. "Der Trend geht zur Individualisierung und damit zu hochwertigen und besonderen Rädern." Zudem würde sich ein Fahrrad immer mehr zu einem Prestigeobjekt entwickeln.
"Es hat sich herumgesprochen, daß billige Räder schnell kaputtgehen", sagt Nicola Meyer, Geschäftsstellenleiterin des ADFC Hamburg. "Sobald jemand regelmäßig aufs Rad steigt, greift er auf hochwertige und oftmals individuell gefertigte Räder zurück." Und sei dann auch bereit, mehr Geld auszugeben. Denn für diese Räder würden die Händler im Schnitt 1000 Euro verlangen. Nach oben ist kein Limit gesetzt.
So will jetzt auch die Fahrradkette BOC (Bike & Outdoor Company) den Trend für sich nutzen und hat Spezialräder und individuelle Fertigungen ins Sortiment aufgenommen. Das Unternehmen verkaufte bisher hauptsächlich günstige Räder. "Das Interesse an hochwertigen Rädern ist gestiegen", so Thorsten Kochanek, Geschäftsführer von BOC. Auch Kochanek erwartet ein gutes Jahr. Bisher konnte BOC mehr als 100 000 Räder verkaufen.
Und auch die Discounter wollen jetzt mit Hilfe hochwertiger Räder neue Kunden gewinnen. So verkauft beispielsweise Penny seit einigen Wochen ein Rennrad für 999 Euro. "Das Gesundheitsbewußtsein der Deutschen hat Fahrrad fahren zu einem echten Trendsport werden lassen", sagt Andreas Krämer, Sprecher der Rewe-Gruppe, dem Abendblatt. "Dabei steigen die Ansprüche der Nutzer immer weiter und auch wir müssen uns den Kundenwünschen anpassen." Mit den Bestellungen ist das Unternehmen sehr zufrieden.
Die Fahrradhändler hoffen jetzt, daß das Wetter auch in den nächsten Wochen sonnig bleibt. "Denn unser Geschäft ist eng mit den Witterungsbedingungen verbunden", so von Hacht. Deshalb sei das Jahr zuerst schleppend angelaufen. "Um dann mit der Sonne richtig loszulegen." Wenn es so weiterginge, könne auch 2006 ein Rekordjahr werden.
Das soll auch der Doping-Skandal um die Rennfahrer der Tour de France nicht verhindern können. "Obwohl der Sport einen Kratzer abbekommt, werden die Kunden nicht wegbleiben. Die verbinden ihren Fahrradkauf nicht mit dem Sport", sagt von Hacht. Einen schlagartigen Boom wie 1997, als Jan Ulrich die Tour gewann, wird es aber 2006 nicht geben. Damals waren 120 000 Rennräder gekauft worden, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.





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