Wachleute klagen über Armutslohn
6,10 Euro: Soviel zahlt die Sicherheitsbranche in der Stunde. Gewerkschaft verlangt bessere Bezahlung. Die Branche boomt. Firmen verteidigen sich: Kunden drücken die Preise.
Hamburg. Die Schicht von Uwe Winter\* (40) dauert zwölf Stunden. Meist nachts ist der Wachmann unterwegs, kontrolliert verschiedene Objekte in seinem Revier. 20 Tage im Monat ist er im Einsatz, für einen Grundlohn von 6,40 Euro die Stunde. "Das reicht kaum zum Leben", sagt der gelernte Einzelhandelskaufmann, der auf Grund einer Erkrankung vor zehn Jahren in den Wachdienst wechseln mußte.
Für die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ist das, was Winter und seine rund 8000 Kollegen im Hamburger Sicherheitsgewerbe verdienen, ein "Armutslohn". "Selbst McDonald's zahlt seinen Mitarbeitern mit 7,50 Euro mehr als die Sicherheitsunternehmen", sagte Ulrike Fürniß von Ver.di gestern bei der Vorstellungen einer Studie über die Zustände in der Hamburger Sicherheitsbranche. "Wer gegen die schlechten Arbeitsbedingungen aufbegehrt, wird eingeschüchtert."
Laut Gewerkschaft liegt der Durchschnittslohn in den Hamburger Sicherheitsfirmen bei 6,10 Euro, ein Wachmann, der 40 Stunden die Woche arbeitet, kommt damit auf 1057 Euro brutto monatlich. "Das liegt unterhalb der vom Forschungsinstitut WSI formulierten Armutsgrenze und selbst unter der gesetzlich definierten Pfändungsfreigrenze", sagt Fürniß. "Viele Mitarbeiter müssen daher mehrere Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen."
Dabei könnten die meisten Unternehmen der Branche aus Gewerkschaftssicht durchaus höhere Löhne zahlen. "Die Branche boomt, weil viele Konzerne und auch die Stadt Hamburg ihre Sicherheitsdienste in den vergangenen Jahren an externe Dienstleister ausgelagert haben", so Fürniß. Zudem würden hunderte zusätzlicher Sicherheitskräfte zur Fußball-Weltmeisterschaft eingestellt.
Allein die Stadt Hamburg gibt in diesem Jahr etwa 12,5 Millionen Euro für Sicherheitsdienstleistungen aus. Wie aus einer internen Liste hervorgeht, läßt sich Hamburg die Bewachung des Flughafens 3,6 Millionen Euro kosten. Auch das Polizeipräsidium in Alsterdorf bewachen nicht etwa Polizisten, sondern private Sicherheitsleute - für 700 000 Euro im Jahr. Der Schutz der Staatsanwaltschaft ist mit 47 000 Euro jährlich deutlich preiswerter.
Für Ver.di wäre ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn von 7,50 Euro das beste Mittel, um zu einer halbwegs angemessenen Bezahlung in der Branche zu kommen. "Alle Versuche, auf dem Weg der Tarifverhandlung zu einer Einigung mit den Arbeitgebern zu kommen, sind bislang gescheitert", sagt Ver.di-Landeschef Wolfgang Rose.
"Ver.di hat den Stundenlohn von 6,10 Euro selbst vor drei Jahren ausgehandelt", sagt hingegen Jan Hendrik Pietsch, Sprecher des Hamburger Marktführers G4S. "Auf Grund des extrem harten Konkurrenzkampfes ist es derzeit nicht möglich, die Bezahlung anzuheben", so Pietsch weiter. "Das Problem liegt darin, daß sowohl die Unternehmen als auch der Staat Sicherheitsdienstleistungen so günstig wie möglich einkaufen wollen." Der Arbeit von Wachleuten werde in Deutschland allgemein kein hoher Wert beigemessen.
Allerdings sind die Arbeitsbedingungen bei G4S im Gegensatz zu anderen Unternehmen noch vergleichsweise gut. Der Konzern verfügt über einen Betriebsrat, während andere Firmen in Hamburg diesen laut Gewerkschaft aktiv verhindern.
Uwe Winter arbeitet für das Hamburger Unternehmen Power GmbH. Als er im vergangenen Jahr versuchte, dort zusammen mit anderen Beschäftigten einen Betriebsrat zu gründen, sah er sich nach eigener Darstellung "massiven Repressionen" ausgesetzt. "Wir wurden unter Druck gesetzt und bekamen Abmahnungen wegen angeblichen Fehlverhaltens im Dienst", erzählt er. Laut Ver.di hat die Power GmbH insgesamt fünf Mitarbeiter entlassen, die im vergangenen Jahr den Betriebsrat gründen wollten.
Vorwürfe, die der Prokurist der Firma, Gerd Spickernagel, zurückweist. "Wir haben niemanden wegen des Versuchs, einen Betriebsrat gründen zu wollen entlassen", sagte er dem Abendblatt. Abmahnungen seien nur wegen tatsächlicher Pflichtverletzungen erfolgt. Die Gewerkschaft habe vielmehr auf gerichtlichem Wege versucht, eine Betriebsratswahl durchzusetzen, sei damit aber gescheitert.
Unterstützung bekommt Ver.di hingegen von politischer Seite. "Die Sklavenhalterei in der Branche ist eine Schande für unsere Stadt", urteilte der Hamburger SPD-Landesvorsitzende Mathias Petersen über die generelle Lage in den Sicherheitsunternehmen. Er versprach, sich auf Bundesebene für einen einheitlichen Mindestlohn stark zu machen.
\* Name geändert.




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