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Wirtschaft

"Der Lohn reicht nicht zum Leben"

Adidas: Kritik an Arbeitsbedingungen bei Zulieferern in Honduras und Indonesien. Vorwurf: Schlechte Bezahlung und Rechte nur auf dem Papier. Forscher: Konzerne haben schon viel getan.

Hamburg. Die Zahlen, die der Sportartikelriese Adidas gestern auf seiner Hauptversammlung präsentierte, waren famos: 15 Millionen Mal soll der WM-Ball "Teamgeist" verkauft werden, 1,2 Milliarden Euro erwartet Vorstandschef Herbert Hainer aus dem Verkauf von Fußballprodukten und im ersten Quartal stieg der Umsatz dank der Reebok-Übernahme um satte 47 Prozent auf 2,46 Milliarden Euro. Die Börse honoriert das mit einem Aktienkurs knapp unter dem Allzeithoch.

Doch die gute Bilanz war in Fürth nicht das einzige Thema. Anhänger der Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign/CCC) demonstrierten in knallroter Kleidung vor der Stadthalle und warfen Adidas vor, seine Produkte in Entwicklungsländern unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren zu lassen und die Beschäftigten auszubeuten. So müsse eine Näherin in Honduras "ihre Kinder hungrig ins Bett schicken, da ihr Monatsgehalt von 158 Dollar nicht einmal für den Grundbedarf an Lebensmitteln ausreicht", sagt Sandra Dusch Silva von der mit CCC kooperierenden Christlichen Initiative Romero. Der geringe Lohn zwinge die Arbeiterinnen, auf Pausen zu verzichten und Überstunden zu leisten. Bereits mit 35 Jahren könnten die vorwiegend weiblichen Beschäftigten diesen Marathon nicht mehr aushalten.

Vorwürfe wie diese sind nicht neu. Seit Jahrzehnten werden besonders Sportartikel- und Textilhersteller von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wegen vermeintlich menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen an den Pranger gestellt. Auch Nike, Fila, Tom Tailor und viele andere Konzerne wurden kritisiert. Metro und Wal Mart mußten sich ebenfalls vorwerfen lassen, daß sie ihre Zulieferbetriebe in der Dritten Welt beim Preis gegeneinander ausspielen.

Derzeit ist Adidas im Fokus - nicht weil die Arbeiter in den Zulieferbetrieben des fränkischen Unternehmens schlechter dran sind als bei anderen Firmen, "sondern weil Europas größter Sportartikelhersteller wegen der Fußball-WM im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht", sagt Ingeborg Wick vom entwicklungspolitisch engagierten Südwind-Institut. Denn eigentlich ist in der Branche bekannt, daß sich Adidas mehr als manch anderer Sportartikelhersteller bemüht.

Doch die Vorwürfe bleiben, auch an Adidas: Ob Bangladesch, Honduras, El Salvador oder Indonesien - häufig gibt es laut NGOs in der Textilindustrie keine Arbeitsverträge, Überstunden würden nicht bezahlt, Pausen nicht eingehalten und 60-Stunden-Wochen seien an der Tagesordnung. Oft würden Arbeiterinnen auch körperlich mißhandelt. Gewerkschaftsfreiheit gebe es selten.

Hinzu komme, daß die Löhne kaum existenzsichernd seien. So beginnt eine Hilfskraft in einer Textilfabrik in Bangladesch mit 13 Euro Monatslohn. Erfahrene Näherinnen können auf 35 Euro kommen. In Indonesien würden Arbeiterinnen bei einer Fünf-Tage-Woche immerhin 60 Euro im Monat verdienen, berichtet die Gewerkschafterin Christin Silalahi über die Bezahlung in der Textilfabrik PT Panarub in Jakarta, die für Adidas Fußballschuhe herstellt. "Die meisten Beschäftigten sind aber auf Überstunden angewiesen, weil der normale Lohn nicht zum Leben reicht." 2005 lag die Inflationsrate bei 17 Prozent, die Mindestlöhne stiegen nur um zehn bis 13 Prozent.

Adidas verweist auf seinen Verhaltenskodex, wonach Grundlöhne den Lebensunterhalt und einige zusätzliche Ausgaben abdecken müssen. "Durch Boni, Zuschläge und Überstundenvergütungen erhalten die Beschäftigten einen höheren Lohn als den vorgeschriebenen Mindestlohn", sagt Sprecherin Anne Putz. Damit verdienten sie oft deutlich mehr als Lehrer oder Krankenschwester. Dennoch bekommt laut CCC ein Arbeiter für einen 100 Euro teuren Schuh nur 40 Cent.

Auch die Gewerkschaftsfreiheit sei in den Zulieferbetrieben garantiert, erklärt Adidas. Bei Verstößen seien Lieferantenverträge auch schon gekündigt worden. Zudem würden konzernweit 30 Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen im Ausland kontrollieren.

"Es hat sich schon vieles zum Positiven gewandelt, seitdem soziale Standards ein Markenzeichen geworden sind", sagt Karl Wolfgang Menck vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Zwar hätten Adidas und auch Puma in jüngster Vergangenheit viel getan, nachdem bereits Anfang der 90er Jahre Nike und Reebok auf harsche Kritik hin die Arbeitsbedingungen verbesserten, räumt Südwind-Mitarbeiterin Wick ein. Doch noch liege vieles im argen. So sei die "erste Reihe von Fabriken in der Regel sauber", bei den meisten Unterzulieferern hätten sich die Arbeitsbedingungen jedoch zuletzt verschlechtert: "Sie bezahlen weniger und es gibt keine Sozialstandards", berichtet CCC-Aktivistin Gisela Burckhardt. Grund dafür sei, daß China nach Auslaufen des Textilabkommens Ende 2004 die Preise drücke.

Die Konzerne sind so zwischen wirtschaftlicher Effizienz und sozialem Engagement gespalten. "Wenn wir die Löhne stark über das durchschnittliche Niveau in den Produktionsländern anheben würden, würden wir uns aus dem Wettbewerbsumfeld herauskatapultieren", sagt Tchibo-Sprecher Joachim Klähn. "Es geht nur, wenn alle das machen."

Andererseits sei soziales Engagement wichtig, "da die Öffentlichkeit sensibler geworden ist", sagt Klähn. Tchibo, inzwischen einer der größten Textilhersteller Deutschlands, mußte das 2005 spüren, als Mißstände in Bangladesch publik wurden: Von Akkordarbeit und Prügelstrafen berichteten Näherinnen. Auf öffentlichen Druck hin schaute sich eine Tchibo-Delegation die Zustände vor Ort an und besserte nach. Klähn: "Zusammen mit den Gewerkschaften werden die Sozialstandards nun regelmäßig kontrolliert. Es gibt auch ein Beschwerdemanagement." Näherinnen, die wegen Protesten damals entlassen worden waren, seien wieder eingestellt worden und erhielten Entschädigungen.

"Die Konsumenten haben es in der Hand", glaubt HWWA-Forscher Menck deshalb. Wenn die Produktionsbedingungen mindestens so wichtig für die Kaufentscheidung wären wie der Preis, würden die Konzerne noch mehr tun. Zudem bräuchte es "verbindliche Spielregeln für wirtschaftliches Wachstum", etwa auf WTO- oder Uno-Ebene. Und schließlich müßten auch die Regierungen in den Entwicklungsländern mitspielen und Korruption und Ausbeutung verhindern. "Denn", so Menck, "von den westlichen Unternehmen allein können wir nicht erwarten, daß sie die Welt verbessern."

 

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